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Rosary Rosenkranz Soteriologie

Kosmische Energien und Biblische Soteriologie von LAD Rosenkranz

Rosenkranz
Barmherzigkeits-Rosenkranz


7:37 the last day of the feast Jewish tradition prescribes additional rituals for the final day of the festival—the culmination of their weeklong prayers for deliverance (according to the Babylonian Talmud Sukkah 53a).

If anyone is thirsty A subtle appeal to imagery of messianic deliverance associated with the Feast of Tabernacles. Jesus makes the point that He is the source of life—a claim that only God could make. This would have provoked His opponents, but it brought comfort to His followers.

7:38 will flow rivers of living water No specific verse from the OT matches Jesus’ words here exactly. He may be paraphrasing Zech 14:8 since that chapter was read during Tabernacles (see note on John 7:37). Numerous OT passages represent salvation metaphorically as a life-giving source of water (Isa 12:3; 44:3; 58:11; Ezek 47:1; Zech 14:8; Prov 18:4).

Barry, J. D., Mangum, D., Brown, D. R., Heiser, M. S., Custis, M., Ritzema, E., … Bomar, D. (2012, 2016). Faithlife Study Bible (Joh 7,37–38). Bellingham, WA: Lexham Press.

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Befreiung von Sklaverei Corona Follower Lord Archbishop Dr. Uwe AE.Rosenkranz perseverance Rosary Rosenkranz sustainability

Licht und Liebe- von Lord Erzbischof Dr. Uwe A.E.Rosenkranz

Liebe

Liebe erscheint in verschiedenen Formen, Aspekten und Bedeutungen:

  • Agape-Liebe
  • Charitas-Liebe
  • Philos-Liebe
  • Eros-Liebe
  • Libido-Liebe

Das Licht beleuchtet ein Profil, eine Situation, eine Lage,

Licht

kann sein:
  • hell
  • dunkel
  • schlaglichtartig
  • fokussierendes Licht
  • Spotlight
  • Holistisches Licht

Bitte schau Dir da nachfolgende Video an von

Lord Erzbischof Dr. Uwe A.E.Rosenkranz

Liebe und Licht, video


15:12 as I have loved you See note on 13:34.

15:14 my friends The way that Jesus’ disciples reciprocate the friendship He showed them is by doing what He asked of them (v. 10).

15:15 slaves Disciples were completely subservient to their teachers. See note on 13:16; note on 13:34.

revealed to you Jesus is referencing the subject matter at hand, not everything He knows. He means that He has told His disciples everything regarding salvation and what it means to follow God and obey His will. There is no secret way to receive salvation; it simply involves accepting Jesus as Savior. Compare note on 16:12.

Barry, J. D., Mangum, D., Brown, D. R., Heiser, M. S., Custis, M., Ritzema, E., … Bomar, D. (2012, 2016). Faithlife Study Bible (Joh 15,12–15). Bellingham, WA: Lexham Press.

So ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe, gleichwie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe.
11. Solches rede ich zu euch, auf daß meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.
12. Das ist mein Gebot, daß ihr euch untereinander liebet, gleichwie ich euch liebe.
13. Niemand hat größere Liebe denn die, daß er sein Leben läßt für seine Freunde.
14. Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete.
15. Ich sage hinfort nicht, daß ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid; denn alles, was ich habe von meinem Vater gehört, habe ich euch kundgetan.
16. Ihr habt mich nicht erwählt; sondern ich habe euch erwählt und gesetzt, daß ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, auf daß, so ihr den Vater bittet in meinem Namen, er’s euch gebe.

Luther, M. (2001). Die Heilige Schrift nach der deutschen Übersetzung Martin Luthers (Joh 15,10–16). Oak Harbor, WA: Logos Research Systems, Inc.

Frucht des Rosenkranz-Mysteriums (Sorgenvoller, Schmerzhafter Rosenkranz, Sorrowful Mystery) : Perseverance

I . per-sevērō <sevērāre> (severus) VERB intr

 

1.

verharren, beharrlich bei etw. verbleiben, standhaft bleiben [ in sententia; in errore; in vitiis; in eodem cognomine ]

2.

die Fahrt, Reise (ununterbrochen) fortsetzen

3. (m. ut)

darauf bestehen, dass

4. Plin.

fortdauern, Bestand haben

II . per-sevērō <sevērāre> (severus) VERB trans

 

etw. fortsetzen, bei etw. verharren [ id constantius ];
persevero (m. Infin)
fortfahren [ iniuriam facere ];
persevero (m. A. C. I.)
dabei beharren [ Orestem se esse ]

per-sedeō <sedēre, sēdī, sessum>

 

ohne Unterlass, ununterbrochen sitzen (bleiben) [ in auctione per diem totum; etiam meridie; totā nocte ]

per-sevērus <a, um> nachkl.

sehr streng [ imperium ]
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Allgemein Befreiung von Sklaverei Corona DECRET Germany/Deutschland Impfen Lord Archbishop Dr. Uwe AE.Rosenkranz Neue Weltordnung Schengen-Empire Sturz Angela Merkel sustainability Verfassung

Fakten-Aufdecker- via LAD Rosary

ES IST SOWEIT – JETZT WIRD ES SPANNEND. Ab 23. November verklagt ein Juristenteam um den Göttinger Staranwalt Dr. Reiner Füllmich die beiden Hauptberater des Berliner Hygieneregimes, Christian Drosten und Lothar Wieler, wegen Betrugs auf Schadensersatz in Milliardenhöhe. Dies hat Füllmich heute um 10:31 Uhr auf seinem Telegram-Kanal angekündigt. (https://t.me/ReinerFuellmich/55; https://www.corona-schadensersatzklage.de/youtube/)
Seine über 100-köpfige Anwaltsgruppe vertritt Unternehmer, die aufgrund der Corona-Verordnungen schwere Verluste erlitten haben. Klagen will sie ab morgen bei 200 deutschen Gerichten einreichen.
Ebenfalls kommende Woche startet Füllmich eine Sammelklage vor einem US-Gericht. Dabei arbeitet er mit der prominenten US-Gesundheitsexpertin Pamela A. Popper zusammen, Gründerin und Präsidentin des „Wellness Forum Health“. (https://drpampopper.com/about-pam/) Zu den zahlreichen Anwälten, die Füllmich in den Vereinigten Staaten unterstützen, zählt Thomas Renz, der für die Bürgerinitiative „Ohio Stands Up!“ bereits seit August gegen den rigiden „Infektionsschutz“ des Bundesstaats Ohio vorgeht. (https://www.ohiostandsup.org/)
Warum klagt Füllmich auch jenseits des Großen Teichs? „In Amerika ist es viel leichter möglich, dass eine Vielzahl von Klägern ihre Interessen mit einer Sammelklage bündelt“, erläutert er. „In Deutschland gibt es nichts Vergleichbares. Auch das Beweisrecht ist, wenn ein Verbraucher gegen einen mächtigen Konzern klagt, in den USA fairer.“ Wen vertritt er dort? „Es geht um mehrere Sammelklagen. Die Kläger sind vor allem amerikanische Unternehmer, die ihren Schaden geltend machen. In dem Verfahren werden die Kläger sagen, dass es weltweit Millionen weiterer Geschädigter gibt. Sie werden beantragen, dass jeder, der in gleicher Weise durch die Drosten-Tests und die Lockdowns geschädigt ist wie sie selbst, ebenfalls als Kläger zugelassen wird. Auch deutsche Unternehmen.“
Eine weitere Klage bereitet zur Zeit, in enger Abstimmung mit Füllmich, der US-Senator und Anwalt Robert Kennedy jr. vor, der Neffe des ermordeten Präsidenten John F. Kennedy. Füllmich hatte ihn am 29. August in Berlin kennengelernt, bei der Massendemonstration gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen. Dort hatte Kennedy das Corona-Regime als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeprangert. Das Anwaltsteam seiner gemeinnützigen Organisation „Children´s Health Defense“ (https://childrenshealthdefense.org/) unterstützt ihn bei der anstehenden Klagewelle.
Füllmich gehört dem „Corona-Untersuchungsausschuss“ an, der seit dem 10. Juli erledigt, was eigentlich Aufgabe des Parlaments wäre: Er befragt zahlreiche Experten aus dem In- und Ausland zu den Hintergründen der Corona-Krise. (https://corona-ausschuss.de/) Seit 26 Jahren in Deutschland und Kalifornien als Rechtsanwalt zugelassen, führte Füllmich aufsehenerregende Prozesse „gegen betrügerische Unternehmen wie die Deutsche Bank – früher eine der größten und angesehensten Banken der Welt, heute eine der giftigsten kriminellen Organisationen der Welt; gegen VW, einen der größten und angesehensten Automobilhersteller der Welt, heute berüchtigt für seinen riesigen Dieselbetrug; und gegen Kühne + Nagel, die größte Reederei der Welt, die wir in einem millionenschweren Bestechungsfall verklagen“, so erklärt er. Doch „diese Korruptions- und Betrugsfälle deutscher Konzerne verblassen im Vergleich dazu angesichts des Ausmaßes der Schäden, die die Corona-Krise verursacht hat und weiterhin verursacht. Diese Krise muss nach allem, was wir heute wissen, in einen Corona-SKANDAL umbenannt werden, und die dafür Verantwortlichen müssen auf politischer Ebene strafrechtlich verfolgt und auf zivilrechtlichen Schadenersatz verklagt werden. Es muss alles getan werden, damit niemand mehr in eine Machtposition gerät, die es erlaubt, die Menschheit zu betrügen oder zu versuchen, uns mit ihren korrupten Absichten zu manipulieren.“ (https://off-guardian.org/…/watch-intl-lawyers-bringing…/; https://kenfm.de/reiner-fuellmich/)
Warum geht Füllmich gezielt gegen Drosten und Wieler vor? In beiden sieht der Anwalt zwei Hauptverantwortliche dafür, dass eine „PCR-Test-Pandemie inszeniert“ werden konnte. „Die PCR-Tests sind offensichtlich nur ein Werkzeug zur Panikmache. Wir verklagen diejenigen, die behaupten, der PCR-Test erkenne Infektionen.“
Im Visier der Klagen stehen dabei „auch die Politiker, die sich auf Drostens und Wielers Rat verlassen haben. Vor Gericht werden wir fragen, warum die Politik nicht auch andere Experten gehört hat – etwa den Nobelpreisträger und Stanford-Professor John Ioannidis: Ihm zufolge ist das Virus viel weniger gefährlich, als es Drosten und das RKI behaupten. Er hat errechnet, dass 0,14 Prozent der Corona-Kranken sterben. Damit ist das Coronavirus nicht gefährlicher als eine Grippe.“
Es waren aber doch Bund und Länder, welche die Einschränkungen angeordnet haben. Warum verklagt Füllmich nicht sie?
„Wir wollen die Personen in die Pflicht nehmen – zivil- und strafrechtlich –, die in jedem Fall verantwortlich sind“, antwortet Füllmich. „Wir fangen da an, wo wir sicher Erfolg haben werden. Wenn wir den Herren Drosten und Wieler vor Gericht nachweisen, dass sie vorsätzlich gelogen haben, dann liegt eine vorsätzliche sittenwidrige Schädigung nach Paragraph 826 BGB vor. In der Beweisaufnahme wird sich natürlich auch die Politik verantworten müssen.“
Steht nicht zu befürchten, dass sich die Verfahren über Jahre hinziehen? „Ja. Aber wir glauben, dass sich schon früh Weichen stellen. Die Gerichte werden Beweisbeschlüsse treffen. Dabei geht es um die Frage: Was können diese PCR-Tests wirklich? Wir gehen davon aus, dass sich die Dinge sehr schnell bewegen werden, wenn etwa über die Verbindung von Christian Drosten und dem Unternehmer Olfert Landt öffentlich diskutiert wird.“ (https://www.fuldaerzeitung.de/…/coronavirus-reiner…)

Sobald die Prozesse anlaufen, rechnet Füllmich damit, dass rasch eine längst überfällige öffentliche Diskussion über die Drahtzieher der Plandemie, das Totalversagen von politisch Verantwortlichen, die klägliche Rolle der journalistischen „Vierten Gewalt“ in Gang kommen wird. „Die Massenmedien haben vollkommen versagt“, stellt Füllmich fest. „Sie haben sich instrumentalisieren lassen und mit ersichtlich vollkommen falschen Behauptungen mitgeholfen bei dieser Manipulation, bei dieser künstlichen Panikerzeugung. Das ist darauf zurückzuführen, dass genau die gleichen Leute, die in die pharmazeutische und die Tech-Industrie investiert haben, auch da rein investiert haben, weil’s eben ein lange vorbereiteter Plan wohl gewesen ist, der hier in Szene gesetzt wurde.“ (

https://www.facebook.com/pg/Mut.zur.Meinung/posts/

; https://www.youtube.com/watch?v=1aa1ypctUZI) Bei dieser größten Schadenersatzklage aller Zeiten gehe es letztlich darum, „das größte Verbrechen“ aufzudecken, „das jemals an der Menschheit begangen worden ist“. (https://off-guardian.org/…/watch-intl-lawyers-bringing…/)

Die intensive Klagevorbereitung förderte offenbar auch spannenden Beifang zutage: “Wir haben Erkenntnisse über einen bekannten Politiker bekommen, die unglaublich sind. Wir müssen sie aber noch verifizieren.“ (https://mailchi.mp/…/unabhngige-information-und…) Darauf warten wir gespannt.
Füllmichs Strategie verfolgt in Österreich der Wiener Anwalt Gerold Beneder. (https://www.beneder.net) Auch er sieht in den irreführenden PCR-Tests die Grundlage aller fatalen Corona-Maßnahmen – und deshalb den entscheidenden Ansatzpunkt für juristische Gegenwehr. In Kürze zieht er vors Verfassungsgericht, wie zuvor bereits gegen die Maskenpflicht. Da die Tests nicht für medizinische Diagnosen zugelassen sind, rechnet sich Beneder gute Chancen aus. In Österreich bestehe keine Notlage – „wir haben eine reine Testpandemie!“ (https://www.youtube.com/watch?v=q4Otf58H5SM)
(Harald Wiesendanger)
P.S.: Zur Klarstellung für sogenannte „Faktenchecker“: Dieser Beitrag verbreitet offenkundig weder Pornografie noch Hate Speech, weder Aufrufe zur Gewalt noch extremististisches Gedankengut, noch verletzt er irgendwelche sonstigen Gesetze. Als Journalist mache ich hier lediglich Gebrauch von meinem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. Die Quellen, auf die ich meine Meinung stütze, sind allgemein zugänglich und werden von mir genannt. Meine Leser üben ihr Recht aus, meine Meinung und deren Gründe kennenzulernen. So viel muss in einem nicht totalitären Staat möglich sein. „Faktenchecker“, die sich darüber hinwegsetzen, sich als exklusive Inhaber der reinen Wahrheit aufspielen und Beihilfe zu Zensur leisten, agieren verfassungswidrig, außerhalb eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaats. Journalisten, die an solchen Checks mitwirken, assistieren Totengräbern der Presse- und Meinungsfreiheit. Sie gehören vor Gericht, ebenso wie ihre Auftraggeber. Schande über sie.

Und noch ein P.S.: Unsere Aufklärungsarbeit, wie auch all unsere Angebote für Hilfesuchende, finanzieren wir ausschließlich durch Spenden. Wenn Ihnen unsere regelmäßigen „Facebook“-Beiträge gefallen, freuen wir uns über eine kleine finanzielle Anerkennung. Die Kontoverbindung von „Auswege“ finden Sie hier: https://www.stiftung-auswege.de/…/spenden/geldspenden.html Mit Paypal geht´s ganz einfach über diesen Link: paypal.me/auswege.

Anti-Corona
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Befreiung von Sklaverei

Sei frei und weise, kein Sklave- von Lord Archbishop Dr. Uwe A.E.Rosenkranz

 

1.Kor.7,19-21

Sprüche

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Höhle

Cave man- Höhlen – LAD Rosary

Bärenhöhle, Sonnenalb, BW, Germany

Nebelhöhle
Natur-Sehenswürdigkeiten

Wimsener Höhle, Alb, BW, Germany

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Allgemein Papst

Fratelli Tutti- Papstenzyklika – von LAD Uwe A.E. Rosenkranz

 

 

 

Tutti Frutti – LAD Rosary

 

Der Heilige Stuhl

http://https//drive.google.com/file/d/1gMiEWfdDMH9ERHdmfkhTuDvUya5S_YnN/view?usp=sharing

                                      ENZYKLIKA


FRATELLI TUTTI

                              DES HEILIGEN
VATERS

                                PAPST
FRANZISKUS

                      ÜBER DIE
GESCHWISTERLICHKEIT

                      UND DIE SOZIALE
FREUNDSCHAFT

 

1. »Fratelli tutti«[1]
schrieb der heilige Franz von Assisi und wandte sich damit an alle Brüder und

Schwestern, um ihnen eine
dem Evangelium gemäße Lebensweise darzulegen. Von seinen

Ratschlägen möchte ich den
einen herausgreifen, mit dem er zu einer Liebe einlädt, die alle

politischen und räumlichen
Grenzen übersteigt. Er nennt hier den Menschen selig, der den

anderen, »auch wenn er weit
von ihm entfernt ist, genauso liebt und achtet, wie wenn er mit ihm

zusammen wäre«.[2]
Mit diesen wenigen und einfachen Worten erklärte er das Wesentliche einer

freundschaftlichen
Offenheit, die es erlaubt, jeden Menschen jenseits des eigenen Umfeldes und

jenseits des Ortes in der
Welt, wo er geboren ist und wo er wohnt, anzuerkennen, wertzuschätzen

und zu lieben.

2. Dieser Heilige der
geschwisterlichen Liebe, der Einfachheit und Fröhlichkeit, der mich zur

Abfassung der Enzyklika
Laudato si’ anregte, motiviert mich abermals, diese neue Enzyklika der

Geschwisterlichkeit und der
sozialen Freundschaft zu widmen. In der Tat wusste sich der heilige

Franziskus, der sich als
Bruder der Sonne, des Meeres und des Windes verstand, noch viel tiefer

eins mit denen, die wie er
von menschlichem Fleisch waren. Er säte überall Frieden aus und ging

seinen Weg an der Seite der
Armen, der Verlassenen, der Kranken, der Ausgestoßenen und der

Geringsten.

Ohne Grenzen

3. Es gibt eine Begebenheit
in seinem Leben, die uns sein Herz ohne Grenzen zeigt, das fähig

war, den Graben der
Herkunft, der Nationalität, der Hautfarbe und der Religion zu überspringen.

Es handelt sich um seinen
Besuch bei Sultan Malik-al-Kamil in Ägypten. Dieser Besuch bedeutete
                                                                                          2

für ihn eine große
Anstrengung aufgrund seiner Armut, der wenigen zur Verfügung stehenden

Mittel, der Entfernung und
der Unterschiede in Sprache, Kultur und Religion. In jenem

historischen, von den
Kreuzzügen geprägten Moment zeigte diese Reise einmal mehr die Größe

und Weite der Liebe, die er
leben wollte im Verlangen, alle zu umarmen. Die Treue zu Gott,

seinem Herrn, entsprach
seiner Liebe zu den Brüdern und Schwestern. Franziskus ging zum

Sultan, ohne die
Schwierigkeiten und Gefahren einer solchen Begegnung zu verkennen. Er tat

dies in der Einstellung,
die er von seinen Jüngern verlangte, dass nämlich keiner seine Identität

verleugne, der »unter die
Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, […] und dass sie weder

zanken noch streiten,
sondern um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind«.
[3]
In

diesem Zusammenhang war das
eine ganz außergewöhnliche Aufforderung. Es berührt mich, wie

Franziskus vor achthundert
Jahren alle dazu einlud, jede Form von Aggression und Streit zu

vermeiden und auch eine
demütige und geschwisterliche „Unterwerfung“ zu üben, sogar denen

gegenüber, die ihren
Glauben nicht teilten.

4. Er führte keine
Wortgefechte, um seine Lehren aufzudrängen, sondern teilte die Liebe Gottes

mit. Er hatte verstanden:
»Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt

in ihm« (1 Joh 4,16).
Auf diese Weise wurde er zu einem liebevollen Vater, der den Traum einer

geschwisterlichen
Gemeinschaft verwirklichte; denn »nur der Mann, der es auf sich nimmt, auf

andere Menschen in ihrer
Bewegung zuzugehen, nicht um sie zu vereinnahmen, sondern um

ihnen zu helfen, mehr sie
selbst zu werden, wird tatsächlich zum Vater«.
[4] In jener Welt voller

Wachtürme und
Verteidigungsmauern erlebten die Städte blutige Kriege zwischen mächtigen

Familien, während die
Elendsviertel der Ausgestoßenen an den Rändern wuchsen. Dort empfing

Franziskus innerlich den
wahren Frieden, er befreite sich von jedem Verlangen, andere zu

beherrschen, er wurde einer
der Geringsten und versuchte in Harmonie mit ihnen zu leben. Von

ihm kommt die Motivation
für diese Seiten.

5. Die mit der
Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft einhergehenden Fragestellungen

waren mir immer ein
Anliegen. In den letzten Jahren habe ich bei verschiedenen Gelegenheiten

wiederholt darauf Bezug
genommen. In dieser Enzyklika habe ich viele von diesen Beiträgen

gesammelt und in einen
größeren Reflexionsrahmen gestellt. Wenn mir bei der Abfassung von

Laudato si’ eine Quelle der Inspiration durch meinen Bruder, den
orthodoxen Patriarchen

Bartholomaios, zuteilwurde,
der sich nachdrücklich für die Sorge um die Schöpfung eingesetzt hat,

so habe ich mich in diesem
Fall besonders vom Großimam Ahmad Al-Tayyeb anregen lassen,

dem ich in Abu Dhabi
begegnet bin. Dort haben wir daran erinnert, dass Gott »alle Menschen mit

gleichen Rechten, gleichen
Pflichten und gleicher Würde geschaffen und sie dazu berufen hat, als

Brüder und Schwestern
miteinander zusammenzuleben«.
[5] Es handelte sich nicht um einen

einfachen diplomatischen
Akt, sondern um eine auf dem Dialog und einem gemeinsamen

Engagement aufbauende
Reflexion. Die vorliegende Enzyklika sammelt und entwickelt prinzipielle

Themen, die in jenem von
uns gemeinsam unterzeichneten Dokument aufgeführt sind. Hierbei

habe ich auch, mit meinen
Worten, zahlreiche Dokumente und Briefe aufgenommen, die ich von

vielen Menschen und Gruppen
aus aller Welt empfangen habe.
                                                                                          3

6. Die folgenden Seiten
erheben nicht den Anspruch, die Lehre über die geschwisterliche Liebe

umfassend darzustellen. Sie
verweilen vielmehr bei ihrer universalen Dimension, bei ihrer Öffnung

auf alle hin. Ich lege
diese Sozialenzyklika als demütigen Beitrag zum Nachdenken vor.

Angesichts gewisser
gegenwärtiger Praktiken, andere zu beseitigen oder zu übergehen, sind wir

in der Lage, darauf mit
einem neuen Traum der Geschwisterlichkeit und der sozialen Freundschaft

zu antworten, der sich
nicht auf Worte beschränkt. So schrieb ich diese Enzyklika auf der

Grundlage meiner
christlichen Überzeugungen, die mich beseelen und nähren, und habe mich

zugleich bemüht, diese
Überlegungen für den Dialog mit allen Menschen guten Willens offen zu

halten.

7. Als ich dieses Schreiben
verfasste, brach unerwartet die Covid-19-Pandemie aus, die unsere

falschen Sicherheiten
offenlegte. Über die verschiedenen Antworten hinaus, die die

verschiedenen Länder
gegeben haben, kam klar die Unfähigkeit hinsichtlich eines gemeinsamen

Handelns zum Vorschein.
Trotz aller Vernetzung ist eine Zersplitterung eingetreten, die es

erheblich erschwert hat,
die Probleme, die alle betreffen, zu lösen. Wenn einer meint, dass es nur

um ein besseres
Funktionieren dessen geht, was wir schon gemacht haben, oder dass die einzige

Botschaft darin besteht,
die bereits vorhandenen Systeme und Regeln zu verbessern, dann ist er

auf dem Holzweg.

8. Ich habe den großen
Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die

Würde jedes Menschen
anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit

zum Leben erwecken. Bei
allen: »Dies ist ein schönes Geheimnis, das es ermöglicht, zu träumen

und das Leben zu einem
schönen Abenteuer zu machen. Niemand kann auf sich allein gestellt

das Leben meistern […]. Es
braucht eine Gemeinschaft, die uns unterstützt, die uns hilft und in

der wir uns gegenseitig
helfen, nach vorne zu schauen. Wie wichtig ist es, gemeinsam zu

träumen! […] Allein steht
man in der Gefahr der Illusion, die einen etwas sehen lässt, das gar nicht

da ist; zusammen jedoch
entwickelt man Träume«.
[6] Träumen wir als eine einzige Menschheit,

als Weggefährten vom
gleichen menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle

beherbergt, jeder mit dem
Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeder mit

seiner eigenen Stimme,
alles Geschwister.

 

                                  ERSTES
KAPITEL

              DIE SCHATTEN EINER ABGESCHOTTETEN WELT

 

9. Ohne den Anspruch zu
erheben, eine erschöpfende Analyse zu leisten oder alle Aspekte der

Wirklichkeit, in der wir
leben, zu berücksichtigen, möchte ich die Aufmerksamkeit nur auf einige
                                                                                          4

Tendenzen der heutigen Welt
lenken, welche die Entwicklung einer Geschwisterlichkeit aller

Menschen behindern.

Träume, die platzen

10. Jahrzehntelang schien
es, dass die Welt aus so vielen Kriegen und Katastrophen gelernt hätte

und sich langsam auf
verschiedene Formen der Integration hinbewegen würde. So ist zum

Beispiel der Traum eines
geeinten Europas vorangeschritten, der fähig war, die gemeinsamen

Wurzeln anzuerkennen und
sich zugleich über die in ihm wohnende Verschiedenheit zu freuen.

Erinnern wir uns an »die
feste Überzeugung der Gründungsväter der europäischen Union […], die

sich eine Zukunft
wünschten, die auf der Fähigkeit basiert, gemeinsam zu arbeiten, um die

Teilungen zu überwinden und
den Frieden und die Gemeinschaft unter allen Völkern des

Kontinentes zu fördern«.[7]
Auch das Streben nach einer lateinamerikanischen Integration hat

Fahrt aufgenommen und
bereits einige Schritte gemacht. In anderen Ländern und Regionen gab

es Bemühungen um Befriedung
und Annäherung, die Früchte getragen haben; weitere schienen

vielversprechend zu sein.

11. Doch die Geschichte
liefert Indizien für einen Rückschritt. Unzeitgemäße Konflikte brechen

aus, die man überwunden glaubte.
Verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive

Nationalismen leben wieder
auf. In verschiedenen Ländern geht eine von gewissen Ideologien

durchdrungene Idee des
Volkes und der Nation mit neuen Formen des Egoismus und des

Verlusts des Sozialempfindens
einher, die hinter einer vermeintlichen Verteidigung der nationalen

Interessen versteckt
werden. Das erinnert uns daran, dass »jede Generation sich die Kämpfe und

die Errungenschaften der
früheren Generationen zu eigen machen und sie zu noch höheren

Zielen führen muss. Das ist
der Weg. Das Gute, ebenso wie die Liebe, die Gerechtigkeit und die

Solidarität erlangt man
nicht ein für alle Male; sie müssen jeden Tag neu errungen werden.

Unmöglich kann man sich mit
dem zufriedengeben, was man in der Vergangenheit erreicht hat,

und dabei verweilen, es zu
genießen, als würden wir nicht merken, dass viele unserer Brüder und

Schwestern unter
Situationen der Ungerechtigkeit leiden, die uns alle angehen«.
[8]

12. „Offen sein zur Welt“
ist ein Ausdruck, den sich die Wirtschaft und die Finanzwelt zu eigen

gemacht haben. Er bezieht
sich ausschließlich auf die Öffnung gegenüber den ausländischen

Interessen oder auf die
Freiheit der Wirtschaftsmächte, ohne Hindernisse und Schwierigkeiten in

allen Ländern zu investieren.
Die örtlichen Konflikte und das Desinteresse für das Allgemeinwohl

werden von der globalen
Wirtschaft instrumentalisiert, um ein einziges kulturelles Modell

durchzusetzen. Eine solche
Kultur eint die Welt, trennt aber die Menschen und die Nationen, denn

»die zunehmend
globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu

Geschwistern«.[9]
Wir sind einsamer denn je in dieser durch Vermassung gekennzeichneten Welt,

welche die Einzelinteressen
bevorzugt und die gemeinschaftliche Dimension der Existenz

schwächt. Es gibt vor allem
mehr Märkte, wo den Menschen die Rolle von Verbrauchern oder

Zuschauern zukommt. Das
Fortschreiten dieses Globalismus begünstigt normalerweise die

                               5

stärkeren Gebiete, die sich
selbst behaupten, sucht aber die schwächsten und ärmsten Regionen

zu beeinträchtigen, indem
es sie verwundbarer und abhängiger macht. Auf diese Weise wird die

Politik gegenüber den
multinationalen wirtschaftlichen Mächten, die das „Teile und herrsche“

anwenden, immer
zerbrechlicher.

Das Ende des Geschichtsbewusstseins

13. Aus dem gleichen Grund
wird ein Verlust des Geschichtsbewusstseins gefördert, das eine

weitere Auflösung
hervorruft. Man nimmt das Vordringen einer Art von „Dekonstruktivismus“ in der

Kultur wahr, bei dem die
menschliche Freiheit vorgibt, alles von Neuem aufzubauen. Aufrecht

bleibt nur das Bedürfnis,
grenzenlos zu konsumieren, und das Hervorkehren vieler Formen eines

inhaltslosen
Individualismus. In diesem Zusammenhang ist ein Rat angebracht, den ich einmal

Jugendlichen gegeben habe:
»Wenn jemand euch ein Angebot macht und euch sagt, ihr braucht

die Geschichte nicht zu
beachten, den Erfahrungsschatz der Alten nicht zu beherzigen und ihr

könnt all das missachten,
was Vergangenheit ist, und sollt nur auf die Zukunft schauen, die er

euch bietet, wäre dies
nicht eine einfache Art, euch mit seinem Angebot anzuziehen, um euch nur

das tun zu lassen, was er
euch sagt? Dieser Jemand benötigt euch leer, entwurzelt, gegenüber

allem misstrauisch, damit
ihr nur seinen Versprechen vertraut und euch seinen Plänen unterwerft.

So funktionieren die
Ideologien verschiedener Couleur, die all das zerstören – oder abbauen –,

was anders ist; auf diese
Weise können sie ohne Widerstände herrschen. Zu diesem Zweck

brauchen sie junge
Menschen, die die Geschichte verachten, die den geistlichen und

menschlichen Reichtum
ablehnen, der über die Generationen weitergegeben wurde, und die all

das nicht kennen, was ihnen
vorausgegangen ist«.
[10]

14. Das sind die neuen
Formen einer kulturellen Kolonisation. Wir wollen nicht vergessen, dass

»die Völker, die ihre
eigene Tradition veräußern und aus einem Nachahmungswahn, einer

aufgezwungenen Gewalt,
einer unverzeihlichen Nachlässigkeit oder einer Apathie dulden, dass

ihnen die Seele entrissen
wird, neben ihrer geistlichen Physiognomie auch ihre moralische

Festigkeit und schließlich
ihre weltanschauliche, wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit

verlieren«.[11]
Eine wirksame Weise, das geschichtliche Bewusstsein, das kritische Denken, den

Einsatz für die
Gerechtigkeit und die Kurse zur Integration aufzulösen, sind die Sinnentleerung

oder die Änderung großer
Wörter. Was bedeuten heute einige dieser Begriffe wie Demokratie,

Freiheit, Gerechtigkeit,
Einheit? Sie sind manipuliert und verzerrt worden, um sie als

Herrschaftsinstrumente zu
benutzen, als sinnentleerte Aufschriften, die zur Rechtfertigung

jedweden Tuns dienen
können.

Ohne einen Plan für alle

15. Die beste Methode, zu
herrschen und uneingeschränkt voranzuschreiten, besteht darin,

Hoffnungslosigkeit
auszusäen und ständiges Misstrauen zu wecken, selbst wenn sie sich mit der

Verteidigung einiger Werte
tarnt. Heute verwendet man in vielen Ländern den politischen

6

Mechanismus des
Aufstachelns, Verhärtens und Polarisierens. Auf verschiedene Art und Weise

spricht man anderen das
Recht auf Existenz und eigenes Denken ab. Zu diesem Zweck bedient

man sich der Strategie des
Lächerlich-Machens, des Schürens von Verdächtigungen ihnen

gegenüber, des Einkreisens.
Man nimmt ihre Sicht der Wahrheit und ihre Werte nicht an. Auf

diese Weise verarmt die Gesellschaft
und reduziert sich auf die Selbstherrlichkeit des Stärksten.

Die Politik ist daher nicht
mehr eine gesunde Diskussion über langfristige Vorhaben für die

Entwicklung aller und zum
Gemeinwohl, sondern bietet nur noch flüchtige Rezepte der

Vermarktung, die in der
Zerstörung des anderen ihr wirkungsvollstes Mittel finden. In diesem

primitiven Spiel der
Abqualifizierungen wird die Debatte manipuliert, um die Menschen ständig

infrage zu stellen und auf
Konfrontation mit ihnen zu gehen.

16. Wie ist es bei einem
solchen Zusammenstoß der Interessen, der alle gegen alle aufbringt und

wo siegen zu einem Synonym
für zerstören wird, noch möglich, das Haupt zu erheben, um den

Nachbarn wahrzunehmen oder
jemandem beizustehen, der auf der Straße hingefallen ist? Ein

Plan mit großen Zielen für
die Entwicklung der Menschheit klingt heute wie eine Verrücktheit. Es

vergrößern sich die
Abstände zwischen uns, und der harte und schleppende Weg zu einer

geeinten und gerechteren
Welt erleidet einen neuen und drastischen Rückschlag.

17. Sorge tragen für die
Welt, die uns umgibt und uns erhält, bedeutet Sorge tragen für uns selbst.

Wir müssen uns aber
zusammenschließen in einem „Wir“, welches das gemeinsame Haus

bewohnt. Dieses Bemühen
interessiert die wirtschaftlichen Mächte nicht, die schnelle Erträge

brauchen. Oft werden die
Stimmen, die sich zur Verteidigung der Umwelt erheben, zum

Schweigen gebracht oder der
Lächerlichkeit preisgegeben und andererseits Partikularinteressen

mit dem Mantel der
Vernünftigkeit umhüllt. In dieser Kultur, die wir gerade aufbauen – leer, auf
das

Unmittelbare gerichtet und
ohne einen gemeinsamen Plan –, ist es »vorhersehbar, dass

angesichts der Erschöpfung
einiger Ressourcen eine Situation entsteht, die neue Kriege

begünstigt, die als eine
Geltendmachung edler Ansprüche getarnt werden«.
[12]

Der Ausschuss der Welt

18. Teile der Menschheit
scheinen geopfert werden zu können zugunsten einer bevorzugten

Bevölkerungsgruppe, die für
würdig gehalten wird, ein Leben ohne Einschränkungen zu führen. Im

Grunde werden die Menschen
»nicht mehr als ein vorrangiger, zu respektierender und zu

schützender Wert empfunden,
besonders, wenn sie arm sind oder eine Behinderung haben, wenn

sie – wie die Ungeborenen –
„noch nicht nützlich sind“ oder – wie die Alten – „nicht mehr nützlich

sind“. Wir sind unsensibel
geworden gegenüber jeder Form von Verschwendung, angefangen bei

jener der Nahrungsmittel,
die zu den verwerflichsten gehört«.
[13]

19. Der Geburtenrückgang,
der zu einer Alterung der Bevölkerung führt, und die Tatsache, dass

die älteren Menschen einer
schmerzlichen Einsamkeit überlassen werden, bringen implizit zum

Ausdruck, dass alles mit
uns vorbei sein wird, wo nur unsere individuellen Interessen zählen. So
                                                                                          7

»werden heute nicht nur
Nahrung und überflüssige Güter zu Abfall, sondern oft werden sogar die

Menschen „weggeworfen“«.[14]
Wir haben gesehen, was mit den älteren Menschen an einigen

Orten der Welt aufgrund des
Corona-Virus geschehen ist. Sie sollten nicht auf diese Weise

sterben. Tatsächlich aber
war etwas Ähnliches schon bei mancher Hitzewelle und unter anderen

Umständen vorgefallen: Sie
wurden brutal weggeworfen. Es wird uns bewusst, dass eine

Isolierung der älteren
Menschen und ihre Übergabe in die Obhut anderer ohne eine angemessene

und gefühlvolle familiäre
Begleitung die Familie selbst verstümmelt und ärmer macht. Im Übrigen

führt es dazu, dass den
jungen Menschen der nötige Kontakt mit ihren Wurzeln und mit einer

Weisheit, welche die Jugend
von sich aus nicht erreichen kann, vorenthalten wird.

20. Diese Aussonderung
zeigt sich auf vielfältige Weise, wie etwa in der Versessenheit, die

Kosten der Arbeit zu
reduzieren, ohne sich der schwerwiegenden Konsequenzen bewusst zu

werden, die eine solche
Maßnahme auslöst; denn die entstandene Arbeitslosigkeit führt direkt zu

einer zunehmenden
Verbreitung der Armut.
[15] Die Aussonderung nimmt zudem abscheuliche

Formen an, die wir als
überwunden glaubten, wie etwa der Rassismus, der verborgen ist und

immer wieder neu zum
Vorschein kommt. Die verschiedenen Ausprägungen des Rassismus

erfüllen uns erneut mit
Scham, denn sie zeigen, dass die vermeintlichen Fortschritte der

Gesellschaft nicht so real
und ein für alle Mal abgesichert sind.

21. Es gibt wirtschaftliche
Regeln, die sich als wirksam für das Wachstum, aber nicht

gleicherweise für die
Gesamtentwicklung des Menschen erweisen.
[16] Der Reichtum wächst, aber

auf ungleiche Weise, und so
»entstehen neue Formen der Armut«.
[17] Wenn man sagt, dass die

moderne Welt die Armut
verringert habe, so misst man hier mit Maßstäben anderer Epochen, die

nicht mit der aktuellen
Wirklichkeit vergleichbar sind. In anderen Zeiten wurde zum Beispiel die

Tatsache, dass man keinen
Zugang zur elektrischen Energie hatte, nicht als Zeichen der Armut

betrachtet und gab keinen
Anlass zu Sorge. Man untersucht und man versteht die Armut immer

nur im Zusammenhang mit den
wirklichen Gegebenheiten eines bestimmten historischen

Moments.

Menschenrechte, die nicht universal genug sind

22. Oft stellt man fest,
dass tatsächlich die Menschenrechte nicht für alle gleich gelten. Die

Achtung dieser Rechte »ist
ja die Vorbedingung für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung

eines Landes. Wenn die
Würde des Menschen geachtet wird und seine Rechte anerkannt und

gewährleistet werden,
erblühen auch Kreativität und Unternehmungsgeist, und die menschliche

Persönlichkeit kann ihre
vielfältigen Initiativen zugunsten des Gemeinwohls entfalten«.
[18] Doch

»wenn man unsere
gegenwärtigen Gesellschaften aufmerksam beobachtet, entdeckt man in der

Tat zahlreiche
Widersprüche, aufgrund derer wir uns fragen, ob die Gleichheit an Würde aller

Menschen, die vor nunmehr 70
Jahren feierlich verkündet wurde, wirklich unter allen Umständen

anerkannt, geachtet,
geschützt und gefördert wird. Es gibt heute in der Welt weiterhin zahlreiche

Formen der Ungerechtigkeit,
genährt von verkürzten anthropologischen Sichtweisen sowie von

8

einem Wirtschaftsmodell,
das auf dem Profit gründet und nicht davor zurückscheut, den

Menschen auszubeuten, wegzuwerfen und sogar zu töten. Während ein Teil der Menschheit im

Überfluss lebt, sieht der
andere Teil die eigene Würde aberkannt, verachtet, mit Füßen getreten

und seine Grundrechte
ignoriert oder verletzt«.
[19] Was sagt das über die Gleichheit der Rechte

aus, die in derselben
Menschenwürde begründet liegen?

23. Entsprechend sind die
Gesellschaften auf der ganzen Erde noch lange nicht so organisiert,

dass sie klar
widerspiegeln, dass die Frauen genau die gleiche Würde und die gleichen Rechte

haben wie die Männer. Mit
Worten behauptet man bestimmte Dinge, aber die Entscheidungen und

die Wirklichkeit schreien
eine andere Botschaft heraus. In der Tat, »doppelt arm sind die Frauen,

die Situationen der
Ausschließung, der Misshandlung und der Gewalt erleiden, denn oft haben sie

geringere Möglichkeiten,
ihre Rechte zu verteidigen«.
[20]

24. Seien wir uns ebenso
folgender Tatsache bewusst: »Obwohl die internationale Gesellschaft

zahlreiche Abkommen
getroffen hat mit dem Ziel, der Sklaverei in all ihren Formen ein Ende zu

setzen, und verschiedene
Strategien eingeleitet hat, um dieses Phänomen zu bekämpfen, […]

werden noch heute Millionen
Menschen – Kinder, Männer und Frauen jeden Alters – ihrer Freiheit

beraubt und gezwungen,
unter Bedingungen zu leben, die denen der Sklaverei vergleichbar sind.

[…] Heute wie gestern liegt
an der Wurzel der Sklaverei ein Verständnis vom Menschen, das die

Möglichkeit zulässt, ihn
wie einen Gegenstand zu behandeln. […] Der Mensch, der als Abbild

Gottes und ihm ähnlich
erschaffen ist, wird mit Gewalt, mit List oder durch physischen bzw.

psychologischen Zwang
seiner Freiheit beraubt, kommerzialisiert und zum Eigentum eines

anderen herabgemindert; er
wird als Mittel und nicht als Zweck behandelt«. Die kriminellen Netze

»bedienen sich geschickt
der modernen Informationstechnologien, um junge und sehr junge

Menschen aus aller Welt
anzulocken«.
[21] Die Verirrung kennt keine Grenzen, wenn man Frauen

versklavt, die dann zur
Abtreibung gezwungen werden. Es kommt sogar zu abscheulichen Taten

wie der Entführung von
Menschen, um ihre Organe zu verkaufen. All das macht den

Menschenhandel und andere
aktuelle Formen der Sklaverei zu einem weltweiten Problem, das

von der gesamten Menschheit
ernstgenommen werden muss, denn »wie die kriminellen

Organisationen sich
globaler Netze bedienen, um ihre Ziele zu erreichen, so erfordert die Aktion

zur Überwindung dieses
Phänomens außerdem eine gemeinsame und ebenso globale

Anstrengung seitens der
verschiedenen Akteure, welche die Gesellschaft bilden«.
[22]

Konflikt und Angst

25. Kriege, Attentate,
Verfolgungen aus rassistischen oder religiösen Motiven und so viele

Gewalttaten gegen die
Menschenwürde werden auf verschiedene Weise geahndet, je nachdem,

ob sie für bestimmte, im
Wesentlichen wirtschaftliche Interessen mehr oder weniger günstig sind.

Etwas ist wahr, solange es
einem Mächtigen genehm ist, und ist es dann nicht mehr, wenn es

seinen Nutzen für ihn
verliert. Solche Gewaltsituationen haben »sich in zahlreichen Regionen der

Welt so vervielfältigt,
dass sie die Züge dessen angenommen haben, was man einen „dritten

9

Weltkrieg in Abschnitten“
nennen könnte«.
[23]

26. Das verwundert nicht,
wenn wir das Fehlen von Horizonten feststellen, die uns zur Einheit

zusammenführen, weil in
jedem Krieg letztlich »das Projekt der Brüderlichkeit selbst […], das der

Berufung der
Menschheitsfamilie eingeschrieben ist«, zerstört wird, denn »jede Bedrohung
nährt

das Misstrauen und fördert
den Rückzug auf die eigene Position«.
[24] So schreitet unsere Welt in

einer sinnlosen Dichotomie
fort, mit dem Anspruch, »Stabilität und Frieden auf der Basis einer

falschen, von einer Logik
der Angst und des Misstrauens gestützten Sicherheit verteidigen und

sichern zu wollen«.[25]

27. Paradoxerweise gibt es
angestammte Ängste, die nicht vom technologischen Fortschritt

überwunden worden sind. Sie
haben sich vielmehr zu verbergen gewusst und vermochten sich

hinter neuen Technologien
zu potenzieren. Auch heute gibt es hinter den Mauern der alten Stadt

den Abgrund, das Land des
Unbekannten, die Wüste. Was von dort kommt, ist nicht

vertrauenswürdig, weil man
es nicht kennt, man nicht vertraut mit ihm ist, weil es nicht zum Dorf

gehört. Es ist das Gebiet
des „Barbarischen“, vor dem man sich verteidigen muss, koste es was

es wolle. Folglich werden
neue Schranken zum Selbstschutz aufgerichtet, sodass nicht mehr die

eine Welt existiert,
sondern nur noch die „meine“, bis zu dem Punkt, dass viele nicht mehr als

Menschen mit einer
unveräußerlichen Würde angesehen werden, sondern einfach zu „denen da“

werden. Von Neuem erscheint
»die Versuchung, eine Kultur der Mauern zu errichten, Mauern

hochzuziehen, Mauern im
Herzen, Mauern auf der Erde, um diese Begegnung mit anderen

Kulturen, mit anderen
Menschen zu verhindern. Und wer eine Mauer errichtet, wer eine Mauer

baut, wird am Ende zum
Sklaven innerhalb der Mauern, die er errichtet hat, ohne Horizonte. Weil

ihm dieses Anderssein
fehlt«.
[26]

28. Die Einsamkeit, die
Angst und die Unsicherheit vieler Menschen, die sich vom System im Stich

gelassen fühlen, lassen
einen fruchtbaren Boden für die Mafia entstehen. Diese kann sich

durchsetzen, weil sie sich
als „Beschützerin“ der Vergessenen ausgibt, oft mittels verschiedener

Arten von Hilfe, während
sie ihre eigenen kriminellen Interessen verfolgt. Es gibt eine typisch

mafiöse Pädagogik, die in
einem falschen Gemeinschaftsgeist Bindungen der Abhängigkeit und

der Unterordnung schafft,
von denen man sich nur sehr schwer befreien kann.

Globalisierung und
Fortschritt ohne gemeinsamen Kurs

29. Mit dem Großimam Ahmad
Al-Tayyeb verkennen wir nicht die positiven Fortschritte in der

Wissenschaft, der
Technologie, der Medizin, der Industrie und in der Wohlfahrt, besonders in den

entwickelten Ländern.
Nichtsdestoweniger »betonen wir, dass mit diesen großen und geschätzten

historischen Fortschritten
auch ein Verfall der Ethik im internationalen Handeln sowie eine

Schwächung der geistlichen
Werte und des Verantwortungsbewusstseins einhergehen. All dies

trägt dazu bei, dass sich
ein allgemeines Gefühl von Frustration, Einsamkeit und Verzweiflung

ausbreitet. […] In
Spannungsherden werden Waffen und Munition angehäuft, und dies geschieht
                                                                                        10

in einer global von
Unsicherheit, Enttäuschung, Zukunftsangst und von kurzsichtigen

wirtschaftlichen Interessen
geprägten Weltlage. Wir bekräftigen weiter, dass die heftigen

politischen Krisen, die
Ungerechtigkeit und das Fehlen einer gerechten Verteilung der natürlichen

Ressourcen […] weitere
Opfer hervorrufen und tödliche Krisen verursachen, denen mehrere

Länder ausgesetzt sind,
obwohl sie auf natürlichen Reichtum und die Ressourcen der jungen

Generationen zählen können.
Das internationale Schweigen angesichts dieser Krisen, die dazu

führen, dass Millionen von
Kindern aufgrund von Armut und Unterernährung bis auf die Knochen

abmagern und an Hunger
sterben, ist inakzeptabel«.
[27] Vor diesem Panorama finden wir, auch

wenn uns der Fortschritt
auf vielen Gebieten fasziniert, keinen wirklich menschlichen Kurs.

30. In der gegenwärtigen
Welt nimmt das Zugehörigkeitsgefühl zu der einen Menschheit ab,

während der Traum,
gemeinsam Gerechtigkeit und Frieden aufzubauen, wie eine Utopie anderer

Zeiten erscheint. Wir
erleben, wie eine bequeme, kalte und weit verbreitete Gleichgültigkeit

vorherrscht, Tochter einer
tiefen Ernüchterung, die sich hinter einer trügerischen Illusion verbirgt,

nämlich zu glauben, dass wir
allmächtig sind, und zu vergessen, dass wir alle im gleichen Boot

sitzen. Diese Enttäuschung,
welche die großen geschwisterlichen Tugenden hinter sich lässt, führt

»zu einer Art Zynismus. Das
ist die Versuchung, der wir ausgesetzt sind, wenn wir diesen Weg

der Ernüchterung oder
Enttäuschung einschlagen. […] Die Isolierung und das Verschlossensein in

sich selbst oder die
eigenen Interessen sind nie der Weg, um wieder Hoffnung zu geben und

Erneuerung zu bewirken,
wohl aber die Nähe, die Kultur der Begegnung. Isolierung: nein; Nähe:

ja. Kultur der
Konfrontation: nein; Kultur der Begegnung: ja«.
[28]

31. In dieser Welt, die
keinen gemeinsamen Kurs erkennen lässt, atmet man eine Luft, in der »die

Distanz zwischen der
Obsession für das eigene Wohlergehen und dem geteilten Glück der

Menschheit zuzunehmen
scheint, so sehr, dass man vermuten könnte, dass mittlerweile ein

richtiggehendes „Schisma”
zwischen dem Einzelnen und der menschlichen Gemeinschaft im

Gange ist. […] Denn es ist
eine Sache, sich zum Zusammenleben gezwungen zu fühlen, und eine

andere Sache, den Reichtum
und die Schönheit der Samen des gemeinsamen Lebens

wertzuschätzen, die
gemeinsam gesucht und gepflegt werden müssen«.
[29] Die Technologie

macht ständige
Fortschritte, doch »wie schön wäre es, wenn die Zunahme der Innovationen in

Wissenschaft und Technik
auch mit einer immer größeren Gleichheit und sozialen Inklusion

einhergehen würde! Wie
schön wäre es, wenn wir, so wie wir die Entdeckung neuer entfernter

Planeten gemacht haben, die
Bedürfnisse unseres Bruders und unserer Schwester

wiederentdecken würden, die
um uns kreisen«.
[30]

Die Pandemien und andere
Geißeln der Geschichte

32. Eine globale Tragödie
wie die Covid-19-Pandemie hat für eine gewisse Zeit wirklich das

Bewusstsein geweckt, eine
weltweite Gemeinschaft in einem Boot zu sein, wo das Übel eines

Insassen allen zum Schaden
gereicht. Wir haben uns daran erinnert, dass keiner sich allein retten

kann, dass man nur Hilfe
erfährt, wo andere zugegen sind. Daher sagte ich: »Der Sturm legt

11

unsere Verwundbarkeit bloß
und deckt jene falschen und unnötigen Gewissheiten auf, auf die wir

bei unseren Plänen,
Projekten, Gewohnheiten und Prioritäten gebaut haben. […] Mit dem Sturm

sind auch die stereotypen
Masken gefallen, mit denen wir unser „Ego“ in ständiger Sorge um

unser eigenes Image
verkleidet haben; und es wurde wieder einmal jene segensreiche

gemeinsame Zugehörigkeit
offenbar, der wir uns nicht entziehen können, dass wir nämlich alle

Brüder und Schwestern
sind«.
[31]

33. Die Welt bewegte sich
unerbittlich auf eine Wirtschaft zu, welche mit Hilfe des technologischen

Fortschritts die
„menschlichen Kosten“ zu verringern suchte, und mancher maßte sich an, uns

glauben zu machen, die
Freiheit des Marktes würde ausreichen, um alles zu gewährleisten. Doch

der harte und unerwartete
Schlag dieser außer Kontrolle geratenen Pandemie hat uns

notgedrungen dazu
gezwungen, wieder an die Menschen, an alle zu denken anstatt an den

Nutzen einiger. Heute sehen
wir ein, dass »wir uns mit Träumen von Pracht und Größe ernährt

und letztlich doch nur
Ablenkung, Verschlossenheit und Einsamkeit gegessen haben; wir haben

uns mit Connections
vollgestopft und darüber den Geschmack an der Geschwisterlichkeit

verloren. Wir haben
schnelle und sichere Ergebnisse gesucht und fühlen uns beklommen vor

Ungeduld und Unruhe. Als
Gefangene der Virtualität ist uns der Geschmack und das Aroma der

Realität abhandengekommen«.[32] Der
Schmerz, die Unsicherheit, die Furcht und das

Bewusstsein der eigenen
Grenzen, welche die Pandemie hervorgerufen haben, appellieren an

uns, unsere Lebensstile,
unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor

allem den Sinn unserer
Existenz zu überdenken.

34. Wenn alles miteinander
verbunden ist, fällt es uns schwer zu glauben, dass diese weltweite

Katastrophe nicht in
Beziehung dazu steht, wie wir der Wirklichkeit gegenübertreten, wenn wir uns

anmaßen, die absoluten Herren
des eigenen Lebens und von allem, was existiert, zu sein. Ich

möchte hiermit nicht sagen,
dass es sich um eine Art göttlicher Strafe handelt. Ebenso wenig kann

man behaupten, dass der
Schaden an der Natur am Ende die Rechnung für unsere Übergriffe

fordert. Es ist die
Wirklichkeit selbst, die seufzt und sich auflehnt. Es kommen uns da die

berühmten Verse von Vergil
in Erinnerung, wo die Tränen der Dinge oder der Geschichte

heraufbeschworen werden.[33]

35. Wir vergessen aber
schnell die Lektionen der Geschichte, der »Lehrerin des Lebens«.
[34] Ist

die Gesundheitskrise einmal
überstanden, wäre es die schlimmste Reaktion, noch mehr in einen

fieberhaften Konsumismus
und in neue Formen der egoistischen Selbsterhaltung zu verfallen.

Gott gebe es, dass es am
Ende nicht mehr „die Anderen“, sondern nur ein „Wir“ gibt. Dass es

nicht das x-te
schwerwiegende Ereignis der Geschichte gewesen ist, aus dem wir nicht zu lernen

vermocht haben. Dass wir
nicht die älteren Menschen vergessen, die gestorben sind, weil es

keine Beatmungsgeräte gab,
teilweise als Folge der von Jahr zu Jahr abgebauten

Gesundheitssysteme. Dass
ein so großer Schmerz nicht umsonst war, dass wir einen Sprung hin

zu einer neuen Lebensweise
machen und wir ein für alle Mal entdecken, dass wir einander

brauchen und in
gegenseitiger Schuld stehen. So wird die Menschheit mit all ihren Gesichtern,
all

12

ihren Händen und all ihren
Stimmen wiedererstehen, über die von uns geschaffenen Grenzen

hinaus.

36. Wenn es uns nicht
gelingt, diese gemeinsame Leidenschaft für eine zusammenstehende und

solidarische Gemeinschaft
wiederzuerlangen, der man Zeit, Einsatz und Güter widmet, wird die

weltweite Illusion, die uns
täuscht, verheerend zusammenbrechen und viele dem Überdruss und

der Leere überlassen. Im
Übrigen sollte man nicht naiv übersehen, dass »die Versessenheit auf

einen konsumorientierten
Lebensstil – vor allem, wenn nur einige wenige ihn pflegen können – nur

Gewalt und gegenseitige
Zerstörung auslösen kann«.
[35] Das „Rette sich wer kann“ wird schnell

zu einem „Alle gegen alle“,
und das wird schlimmer als eine Pandemie sein.

Ohne menschliche Würde an
den Grenzen

37. Sowohl in einigen
populistischen politischen Regimen als auch in liberalen wirtschaftlichen

Kreisen vertritt man die
Ansicht, dass man die Ankunft von Migranten um jeden Preis vermeiden

müsse. Gleichzeitig wird
argumentiert, dass man die Hilfen für arme Länder beschränken soll,

damit diese den Tiefstand
erreichen und sich entschließen, Maßnahmen für effektive

Einsparungen zu ergreifen.
Man merkt aber nicht, dass solchen abstrakten, schwer

aufrechtzuerhaltenden
Behauptungen so viele zerstörte Existenzen gegenüberstehen. Viele

flüchten vor Krieg, vor
Verfolgungen und Naturkatastrophen. Andere sind mit vollem Recht auf der

Suche »nach Chancen für
sich und ihre Familien. Sie träumen von einer besseren Zukunft und

wollen die Voraussetzungen
dafür schaffen, damit diese wahr wird«.
[36]

38. Leider werden manche
»von der Kultur des Westens angezogen und brechen mit teils

unrealistischen Erwartungen
auf, die schwer enttäuscht werden können. Skrupellose

Menschenhändler, die oft
mit Drogen- und Waffenkartellen in Verbindung stehen, nutzen die

Schwäche von Migranten aus,
die auf ihrem Weg immer wieder mit Gewalt, Menschenhandel,

psychischem und physischem
Missbrauch und unsagbarem Leid konfrontiert werden«.
[37]

Diejenigen, die emigrieren,
»erleben die Trennung von ihrem ursprünglichen Umfeld und oft auch

eine kulturelle und
religiöse Entwurzelung. Der Bruch betrifft auch die Gemeinschaften am

Herkunftsort, die ihre
stärksten Mitglieder mit der größten Eigeninitiative verlieren, sowie die

Familien, insbesondere wenn
ein oder beide Elternteile emigrieren und ihre Kinder in ihrem

Herkunftsland
zurücklassen«.
[38] Folglich muss auch »das Recht nicht
auszuwandern – das heißt,

in der Lage zu sein, im
eigenen Land zu bleiben – bekräftigt werden«.
[39]

39. Obendrein »lösen in
einigen Ankunftsländern Migrationsphänomene Alarm und Ängste aus,

die oft für politische
Zwecke angeheizt und missbraucht werden. Auf diese Weise verbreitet sich

eine fremdenfeindliche
Mentalität, man verschließt sich und zieht sich in sich selbst

zurück«.[40] Die
Migranten werden als nicht würdig genug angesehen, um wie jeder andere am

sozialen Leben
teilzunehmen, und man vergisst, dass sie die gleiche innewohnende Würde

besitzen wie alle Menschen.
Daher müssen sie ihre eigene Rettung selbst in die Hand
                                                                                        13

nehmen.[41] Niemand
wird behaupten, dass sie keine Menschen sind, in der Praxis jedoch bringt

man mit den Entscheidungen
und der Art und Weise, wie man sie behandelt, zum Ausdruck, dass

man ihnen weniger Wert
beimisst, sie für weniger wichtig und weniger menschlich hält. Es ist nicht

hinnehmbar, dass Christen
diese Mentalität und diese Haltungen teilen, indem sie zuweilen

bestimmte politische
Präferenzen über fundamentalste Glaubensüberzeugungen stellen. Die

unveräußerliche Würde jedes
Menschen unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Religion ist

das höchste Gesetz der
geschwisterlichen Liebe.

40. »Die Migrationen werden
ein grundlegendes Element der Zukunft der Welt

darstellen«.[42] Heute
werden sie jedoch »mit dem Verlust jenes Sinn
s für brüderliche

Verantwortung, auf dem sich
jede Zivilgesellschaft gründet«,
[43] konfrontiert. Europa

beispielsweise läuft
ernsthaft Gefahr, diesen Weg zu beschreiten. Immerhin besitzt es,

»unterstützt durch sein
großes kulturelles und religiöses Erbe, die Mittel […], um die Zentralität der

Person zu verteidigen und
um das rechte Gleichgewicht zu finden in seiner zweifachen

moralischen Pflicht,
einerseits die Rechte der eigenen Bürger zu schützen und andererseits die

Betreuung und die Aufnahme
der Migranten zu garantieren«.
[44]

41. Ich kann
nachvollziehen, dass manche gegenüber den Migranten Zweifel hegen oder Furcht

verspüren. Ich verstehe das
als Teil des natürlichen Instinkts der Selbstverteidigung. Es ist jedoch

auch wahr, dass eine Person
und ein Volk nur dann fruchtbar sind, wenn sie es verstehen, die

Öffnung gegenüber den
anderen in sich selbst schöpferisch zu integrieren. Ich lade dazu ein, über

diese primären Reaktionen
hinauszugehen, denn »das Problem ist, dass diese unsere Denk- und

Handlungsweise so weit
konditionieren, dass sie uns intolerant, verschlossen und vielleicht sogar

– ohne dass wir es merken –
rassistisch machen. Und so beraubt uns die Angst des Wunsches

und der Fähigkeit, dem
anderen […] zu begegnen«.
[45]

Die Täuschung der
Kommunikation

42. Während verschlossene
und intolerante Haltungen, die uns von den anderen abschotten,

zunehmen, verringert sich
oder verschwindet paradoxerweise die Distanz bis hin zur Aufgabe des

Rechts auf Privatsphäre.
Alles wird zu einer Art Schauspiel, das belauscht und überwacht werden

kann. Das Leben wird einer
ständigen Kontrolle ausgesetzt. In der digitalen Kommunikation will

man alles zeigen, und jeder
Einzelne wird zum Objekt von oftmals verborgenem Interesse, das ihn

bespitzelt, entblößt und in
die Öffentlichkeit zerrt. Die Achtung vor dem anderen bröckelt, und auf

diese Weise – gerade wenn
ich ihn verdränge, ihn nicht beachte und auf Distanz halte – kann ich

ohne irgendeine Scham bis
zum Äußersten in sein Leben eindringen.

43. Auf der anderen Seite
bilden die zerstörerischen Hassgruppen im Netz – wie manche uns

glauben machen möchten –
nicht eine geeignete Plattform gegenseitiger Hilfe, sondern sind reine

Vereinigungen gegen einen
Feind. Ja, »durch digitale Medien besteht die Gefahr, dass Nutzer

abhängig werden, sich
isolieren und immer stärker den Kontakt zur konkreten Wirklichkeit

    14

verlieren, wodurch die
Entwicklung echter zwischenmenschlicher Beziehungen behindert

wird«.[46]
Es bedarf der körperlichen Gesten, des Mienenspiels, der Momente des
Schweigens,

der Körpersprache und sogar
des Geruchs, der zitternden Hände, des Errötens und des

Schwitzens, denn all dies
redet und gehört zur menschlichen Kommunikation. Die digitalen

Beziehungen, die von der
Mühe entbinden, eine Freundschaft, eine stabile Gegenseitigkeit und

auch ein mit der Zeit
reifendes Einvernehmen zu pflegen, geben sich nur den Anschein einer

Geselligkeit. Sie bilden
nicht wirklich ein „Wir“, sondern verbergen und verstärken gewöhnlich

jenen Individualismus, der
sich in der Fremdenfeindlichkeit und in der Geringschätzung der

Schwachen ausdrückt. Die
digitale Vernetzung genügt nicht, um Brücken zu bauen; sie ist nicht in

der Lage, die Menschheit zu
vereinen.

Aggressivität ohne Scham

44. Während die Menschen in
ihren behaglichen Konsumgewohnheiten verharren, gehen sie

gleichzeitig ständig
vereinnahmende Bindungen ein. Dies fördert das Aufwallen ungewöhnlicher

Formen von Aggressivität,
von Beschimpfungen, Misshandlungen, Beleidigungen, verbalen

Ohrfeigen bis hin zur
Ruinierung der Person des anderen. Dies geschieht mit einer

Hemmungslosigkeit, die bei
einem Zusammentreffen von Angesicht zu Angesicht nicht in der

gleichen Weise vorkommt,
weil wir uns sonst am Ende gegenseitig zerfleischen würden. Die

soziale Aggressivität
findet auf Mobilgeräten und Computern einen Raum von noch nie

dagewesener Verbreitung.

45. So wurde es möglich,
dass die Ideologien jede Scham fallenließen. Was bis vor wenigen

Jahren von niemandem gesagt
werden konnte, ohne dass man seinen Ruf vor der ganzen Welt

gefährdet hätte, das kann
heute in aller Grobheit auch von Politikern geäußert werden, ohne dafür

belangt zu werden. Man darf
nicht übersehen, »dass in der digitalen Welt gigantische

wirtschaftliche Interessen
am Werke sind, die ebenso subtil wie invasiv Kontrolle ausüben und

Mechanismen schaffen, mit
denen das Gewissen und demokratische Prozesse manipuliert

werden. Viele Plattformen
funktionieren so, dass sich im Endeffekt häufig nur Gleichgesinnte

begegnen und eine
Auseinandersetzung mit Andersartigem erschwert wird. Diese geschlossenen

Kreise erleichtern die
Verbreitung von falschen Informationen und Nachrichten und schüren

Vorurteile und Hass«.[47]

46. Wir müssen zugeben,
dass von solchem Fanatismus, der zur Zerstörung anderer führen kann,

auch religiöse Menschen –
Christen nicht ausgeschlossen Рbefallen sind, die ȟber das Internet

und die verschiedenen Foren
und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler

Gewalt werden [können].
Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten

werden; oft bürgern sich
Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher

Respekt vor dem Ansehen
anderer scheinen außen vor zu bleiben«.
[48] Was aber tragen sie so

zu der Geschwisterlichkeit
bei, die unser gemeinsamer Vater uns vor Augen stellt?
                                                                                        15

Information ohne Weisheit

47. Die wahre Weisheit
beinhaltet die Begegnung mit der Wirklichkeit. Heute jedoch kann man

alles herstellen, verbergen
und verändern. Das führt dazu, dass man die direkte Begegnung mit

den Grenzen der
Wirklichkeit nicht erträgt. Folglich führt man einen „Auswahl“-Mechanismus

durch und macht es sich zur
Gewohnheit, das, was einem gefällt, sofort von dem, was einem nicht

gefällt, das Attraktive vom
Unliebsamen, zu trennen. Nach der gleichen Logik wählt man die

Menschen aus, mit denen man
die Welt teilen will. So werden Menschen oder Situationen, die

unsere Empfindsamkeit
verletzt haben oder uns unangenehm waren, heute einfach in den

virtuellen Netzen
eliminiert. Auf diese Weise bilden wir einen virtuellen Kreis, der uns von der

Umgebung, in der wir leben,
isoliert.

48. Sich hinsetzen, um
einem anderen zuzuhören, ist charakteristisch für eine menschliche

Begegnung und stellt ein
Paradigma einer aufnahmebereiten Haltung dar. Damit überwindet ein

Mensch den Narzissmus; er
heißt den anderen willkommen, schenkt ihm Aufmerksamkeit und

nimmt ihn in der eigenen
Gruppe auf. Dennoch »ist die Welt von heute mehrheitlich eine taube

Welt […]. Manchmal hindert
uns die Geschwindigkeit der modernen Welt, die Hektik, daran, einem

anderen Menschen gut
zuzuhören. Wenn er in der Mitte seiner Wortmeldung ist, unterbrechen wir

ihn schon und wollen ihm
antworten, obwohl er noch nicht zu Ende gesprochen hat. Man darf die

Fähigkeit zuzuhören nicht
verlieren. [Der heilige Franziskus] hat der Stimme Gottes zugehört, er

hat der Stimme des Armen
zugehört, er hat der Stimme des Kranken zugehört, er hat die Stimme

der Natur vernommen. All
das verwandelt er in einen Lebensstil. Ich hoffe, dass der Samen des

heiligen Franziskus in
allem Herzen heranwachse«.
[49]

49. Wenn es kein Schweigen
und Zuhören mehr gibt und alles in ein schnelles und ungeduldiges

Tippen und Senden von
Botschaften verwandelt wird, setzt man diese Grundstruktur einer weisen

menschlichen Kommunikation
aufs Spiel. Man schafft einen neuen Lebensstil, bei dem man das

herstellt, was man vor sich
haben will. Dabei schließt man alles aus, was man nicht flüchtig und

augenblicklich
kontrollieren oder erkennen kann. Diese Dynamik verhindert aufgrund ihrer
inneren

Logik ein ruhiges
Nachdenken, das uns zu einer menschlich vermittelbaren Weisheit führen

könnte.

50. Wir können gemeinsam
die Wahrheit im Dialog suchen, im ruhigen Gespräch oder in der

leidenschaftlichen
Diskussion. Das ist ein Weg, der Ausdauer braucht und auch vom Schweigen

und Leiden geprägt ist. Er
ist in der Lage, geduldig die umfangreiche Erfahrung der Menschen und

Völker zusammenzubringen.
Die erdrückende Fülle von Information, die uns überschwemmt,

bedeutet nicht mehr
Weisheit. Weisheit entsteht nicht durch ungeduldiges Nachforschen im

Internet und auch nicht
durch eine Ansammlung von Information, deren Wahrheitsgehalt nicht

erwiesen ist. Auf diese
Weise reift man nicht in der Begegnung mit der Wahrheit. Die Gespräche

kreisen am Ende nur um die
neuesten Daten und sind schlicht ein oberflächlicher Wortschwall.

Man schenkt aber dem
Eigentlichen des Lebens keine eingehende Aufmerksamkeit und dringt

                           16

nicht zu ihm vor, man
erkennt nicht, was das Wesentliche ist, um der Existenz Sinn zu verleihen.

So wird die Freiheit eine
Illusion, die uns verkauft wird und die mit der Freiheit, vor einem

Bildschirm zu surfen,
verwechselt wird. Das Problem besteht darin, dass ein Weg der

Geschwisterlichkeit, im
Kleinen wie im Großen, nur von freien Geistern beschritten werden kann,

die zu wirklichen
Begegnungen bereit sind.

Unterwerfung und
Selbstverachtung

51. Einige in wirtschaftlicher
Hinsicht erfolgreiche Länder werden als kulturelle Vorbilder für die

weniger entwickelten Länder
hingestellt, anstatt zu versuchen, dass jedes Land in dem ihm

eigenen Stil wachse und
seine Fähigkeiten zu einer Erneuerung nach den eigenen kulturellen

Werten entwickle. Diese
oberflächliche und betrübliche Vorstellung führt dazu, eher zu kopieren

und zu kaufen, als vielmehr
selbst schöpferisch tätig zu sein, und gibt Anlass für ein sehr niedriges

nationales
Selbstwertgefühl. In den wohlhabenderen Schichten vieler armer Länder und

manchmal bei denen, die es
geschafft haben, aus der Armut herauszukommen, stellt man eine

Unfähigkeit fest, ihre
eigene Situation und deren Entwicklung zu akzeptieren. So verfallen sie

einer Verachtung der
eigenen kulturellen Identität, als ob sie die Ursache aller Übel sei.

52. Das Selbstwertgefühl
einer Person zu zerstören ist ein einfacher Weg, um sie zu beherrschen.

Hinter diesen Tendenzen,
die auf eine Homogenisierung der Welt abzielen, treten

Machtinteressen hervor, die
von der geringen Selbstachtung profitieren, während gleichzeitig über

Medien und Netzwerke
versucht wird, eine neue Kultur im Dienst der Mächtigeren zu schaffen.

Dies wird von einer
skrupellosen Finanzspekulation und Ausbeutung ausgenutzt, wo die Armen

immer die Verlierer sind.
Andererseits bedeutet das Ignorieren der Kultur eines Volkes, dass viele

politische
Verantwortungsträger nicht mehr in der Lage sind, ein leistungsfähiges Projekt

durchzuführen, das frei
übernommen und über die Zeit hinweg aufrechterhalten werden kann.

53. Man vergisst, dass »es
keine schlimmere Entfremdung gibt als erfahren zu müssen, keine

Wurzeln zu haben und zu
niemanden zu gehören. Ein Land wird nur in dem Maß fruchtbar sein,

ein Volk wird nur in dem
Maß Früchte tragen und Zukunft schaffen können, wie es Beziehungen

der Zusammengehörigkeit
unter seinen Mitgliedern hervorbringt und Bindungen zur Integration

unter den Generationen und
seinen verschiedenen Gemeinschaften schafft; und wie es die

Spiralen durchbricht,
welche die Sinne trüben und so uns immer mehr voneinander

entfernen«.[50]

Hoffnung

54. Trotz dieser dunklen
Schatten, die nicht ignoriert werden dürfen, möchte ich auf den folgenden

Seiten den vielen Wegen der
Hoffnung eine Stimme geben. Gott fährt nämlich fort, unter die

Menschheit Samen des Guten
zu säen. Die jüngste Pandemie hat uns erlaubt, viele

Weggefährten und
-gefährtinnen wiederzufinden und wertzuschätzen, die in Situationen der Angst

                                   17

mit der Hingabe ihres
Lebens reagiert haben. Wir können erkennen, dass unsere Leben

miteinander verwoben sind
und wir durch einfache Menschen Hilfestellung erfahren haben, die

aber zweifellos eine
bedeutende Seite unserer Geschichte geschrieben haben: Ärzte,

Krankenschwestern und
Pfleger, Supermarktangestellte, Reinigungspersonal, Betreuungskräfte,

Transporteure,
Ordnungskräfte, ehrenamtliche Helfer, Priester, Ordensleute und viele, ja viele

andere, die verstanden
haben, dass niemand sich allein rettet.
[51]

55. Ich lade zur Hoffnung
ein. »Sie spricht uns von einem Durst, einem Streben, einer Sehnsucht

nach Fülle, nach gelungenem
Leben; davon, nach Großem greifen zu wollen, nach dem, was das

Herz weitet und den Geist
zu erhabenen Dingen wie Wahrheit, Güte und Schönheit, Gerechtigkeit

und Liebe erhebt. […] Die
Hoffnung ist kühn. Sie weiß über die persönliche Bequemlichkeit, über

die kleinen Sicherheiten
und Kompensationen, die den Horizont verengen, hinauszuschauen, um

sich großen Idealen zu
öffnen, die das Leben schöner und würdiger machen«.
[52] Schreiten wir

voller Hoffnung voran!

 

                                  ZWEITES
KAPITEL

                          EIN FREMDER AUF DEM
WEG

 

56. Alles, was ich im
vorigen Kapitel angesprochen habe, ist mehr als eine abgehobene

Beschreibung der
Wirklichkeit, denn »Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von

heute, besonders der Armen
und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer

und Angst der Jünger
Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen

seinen Widerhall fände«.[53]
In der Absicht, ein Licht inmitten der Geschehnisse, die wir gerade

durchleben, zu finden,
möchte ich, bevor ich einige Handlungsleitlinien entwerfe, einer

zweitausend Jahre alten
Erzählung Jesu ein Kapitel widmen. Auch wenn sich dieses Schreiben an

alle Menschen guten
Willens, jenseits ihrer religiösen Überzeugungen, richtet, so äußert sich das

Gleichnis doch in einer
Weise, dass jeder von uns sich von ihm ansprechen lassen kann.

»In jener Zeit stand ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus auf die
Probe zu stellen, und fragte ihn:

„Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Jesus
sagte zu ihm: „Was steht im

Gesetz geschrieben? Was liest du?“ Er antwortete: „Du sollst den
Herrn, deinen Gott, lieben mit

deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen
Kraft und deinem ganzen

Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Jesus sagte zu ihm:
„Du hast richtig geantwortet.

Handle danach und du wirst leben!“ Der Gesetzeslehrer wollte sich
rechtfertigen und sagte zu

Jesus: „Und wer ist mein Nächster?“ Darauf antwortete ihm Jesus:
„Ein Mann ging von Jerusalem

nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie
plünderten ihn aus und schlugen ihn

18

nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.
Zufällig kam ein Priester denselben

Weg herab; er sah ihn und ging vorüber. Ebenso kam auch ein Levit
zu der Stelle; er sah ihn und

ging vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu
ihm; er sah ihn und hatte Mitleid,

ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband
sie. Dann hob er ihn auf sein

eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für
ihn. Und am nächsten Tag holte er

zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und
wenn du mehr für ihn

brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme. Wer von
diesen dreien meinst du, ist

dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?“
Der Gesetzeslehrer

antwortete: „Der barmherzig an ihm gehandelt hat.“ Da sagte Jesus
zu ihm: „Dann geh und handle

du genauso!“« (Lk 10,25-37).

Der Hintergrund

57. Dieses Gleichnis hat
einen uralten Hintergrund. Kurz nach der Erzählung von der Erschaffung

der Welt und des Menschen
zeigt die Bibel die Herausforderung unserer zwischenmenschlichen

Beziehungen. Kain beseitigt
seinen Bruder Abel, und da ertönt die Frage Gottes: »Wo ist Abel,

dein Bruder?« (Gen 4,9).
Die Antwort ist die gleiche, wie wir sie oft geben: »Bin ich der Hüter

meines Bruders?« (ebd.).
Mit seiner Nachfrage stellt Gott jede Art von Determinismus oder

Fatalismus infrage, die versuchen,
die Gleichgültigkeit als einzig mögliche Antwort zu

rechtfertigen. Der Herr
befähigt uns stattdessen, eine andere Kultur zu schaffen, die uns dahin

ausrichtet, die
Feindschaften zu überwinden und füreinander zu sorgen.

58. Das Buch Ijob nimmt die
Tatsache, dass wir einen gemeinsamen Schöpfer haben, als

Grundlage für einige
allgemeine Rechte: »Hat nicht er, der mich im Mutterleib gemacht hat, ihn

gemacht, hat nicht Einer
uns im Mutterschoß geformt?« (31,15). Viele Jahrhunderte später

drückte der heilige Irenäus
dies mit dem Bild der Melodie aus: »Wer die Wahrheit liebt, darf sich

durch die
Unterschiedlichkeit der einzelnen Töne nicht verleiten lassen und mehrere
Künstler und

Schöpfer annehmen, wobei
der eine die hohen Töne, ein anderer die tiefen und noch ein anderer

die mittleren beigetragen
hätte, sondern es war ein und derselbe, zur Demonstration des ganzen

Werks und der Weisheit, der
Gerechtigkeit, Güte und Gnade«.
[54]

59. In der jüdischen
Tradition scheint sich der Imperativ, den anderen zu lieben und sich um ihn zu

kümmern, auf die
Beziehungen zwischen den Gliedern ein und desselben Volkes zu beschränken.

Das alte Gebot »Du sollst
deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Lev 19,18) verstand man für

gewöhnlich auf die
Landsleute bezogen. Doch besonders im Judentum, das sich außerhalb des

Landes Israel entwickelte,
begannen sich die Grenzen zu weiten. Es wurde deutlich, dass man

dem anderen nicht etwas
zufügen darf, von dem man nicht will, dass es einem selbst angetan wird

(vgl. Tob 4,15). Der Weise
Hillel (1. Jh. v. Chr.) sagte in diesem Zusammenhang: »Darin besteht

das Gesetz und die
Propheten, alles andere ist nur die Erläuterung«.
[55] Der Wunsch, die

göttliche Haltung
nachzuahmen, führte zur Überwindung der Tendenz, sich nur auf die Nächsten

zu beschränken: »Das
Erbarmen eines Menschen gilt seinem Nächsten, das Erbarmen des Herrn

19

aber gilt allen Lebewesen«
(Sir 18,13).

60. Im Neuen Testament
findet das Gebot des Hillel einen positiven Ausdruck: »Alles, was ihr

wollt, dass euch die
Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die

Propheten« (Mt 7,12).
Dieser Aufruf ist universal, er strebt danach, alle zu umfassen, allein wegen

ihres Menschseins; denn der
Allmächtige, der himmlische Vater »lässt seine Sonne aufgehen

über Bösen und Guten« (Mt
5,45). Und folglich wird verlangt: »Seid barmherzig, wie auch euer

Vater barmherzig ist!« (Lk
6,36).

61. Die Motivation, das
Herz so weit zu machen, dass es den Fremden nicht ausschließt, ist schon

in den ältesten Texten der
Bibel zu finden. Sie lässt sich auf die beständige Erinnerung des

jüdischen Volkes
zurückführen, dass es als Fremder in Ägypten gelebt hat:

»Einen Fremden sollst du
nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten

Fremde gewesen« (Ex 22,20).

»Einen Fremden sollst du
nicht ausbeuten. Ihr wisst doch, wie es einem Fremden zumute ist;

denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen« (Ex 23,9).

»Wenn bei dir ein Fremder
in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der

sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und
du sollst ihn lieben wie dich

selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen« (Lev
19,33-34).

»Wenn du in deinem Weinberg
die Trauben geerntet hast, sollst du keine Nachlese halten. Sie soll

den Fremden, Waisen und Witwen gehören. Denk daran: Du bist in
Ägypten Sklave gewesen«

(Dtn 24,21-22).

Im Neuen Testament ertönt
nachdrücklich der Aufruf zur brüderlichen bzw. geschwisterlichen

Liebe:

»Denn das ganze Gesetz ist
in dem einen Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich

selbst!« (Gal 5,14).

»Wer seinen Bruder liebt,
bleibt im Licht und in ihm gibt es keinen Anstoß. Wer aber seinen

Bruder hasst, ist in der Finsternis« (1 Joh 2,10-11).

»Wir wissen, dass wir aus
dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder

lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod« (1 Joh 3,14).

»Wer seinen Bruder nicht
liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht« (1 Joh

4,20).

20

62. Auch diese Einladung
zur Liebe konnte falsch verstanden werden. Nicht von ungefähr

ermahnte der heilige Paulus
seine Jünger, angesichts der Versuchung der ersten Gemeinden,

geschlossene und isolierte
Gruppen zu bilden, Liebe zueinander »und zu allen« (1 Thess 3,12) zu

üben; und in der Gemeinde
des Johannes forderte man, die Brüder gut aufzunehmen, »sogar [die]

Fremden« (3 Joh 5).
Dieser Zusammenhang hilft, den Wert des Gleichnisses Jesu vom

barmherzigen Samariter zu
verstehen: Für die Liebe ist es unerheblich, ob der verletzte Bruder

von hier oder von dort
kommt. Denn es ist »die Liebe, die die Ketten sprengt, die uns isolieren und

trennen, indem sie Brücken
schlägt; Liebe, die es uns möglich macht, eine große Familie zu

bilden, in der wir uns alle
zu Hause fühlen […]; Liebe, die nach Mitgefühl und Würde

schmeckt«.[56]

Der Verlassene

63. Jesus erzählt, wie ein
verwundeter Mann am Wegesrand auf dem Boden lag, weil er

überfallen worden war.
Mehrere Menschen gingen an ihm vorbei und blieben nicht stehen. Es

waren Menschen mit
wichtigen Stellungen in der Gesellschaft, die aber die Liebe für das

Gemeinwohl nicht im Herzen
trugen. Sie waren nicht in der Lage, einige Minuten zu erübrigen, um

dem Verletzten zu helfen
oder zumindest Hilfe zu suchen. Einer blieb stehen, schenkte ihm seine

Nähe, pflegte ihn mit
eigenen Händen, zahlte aus eigener Tasche und kümmerte sich um ihn. Vor

allem hat er ihm etwas
gegeben, mit dem wir in diesen hektischen Zeiten sehr knausern: Er hat

ihm seine Zeit geschenkt.
Sicherlich hatte er sein Programm für jenen Tag, entsprechend seiner

Bedürfnisse, seiner
Aufgaben oder seiner Wünsche. Aber er ist fähig gewesen, angesichts dieses

Verletzten alles beiseite
zu legen, und ohne ihn zu kennen, hat er ihn für würdig befunden, ihm

seine Zeit zu schenken.

64. Mit wem identifizierst
du dich? Diese Frage ist hart, direkt und entscheidend. Welchem von

ihnen ähnelst du? Wir
müssen die uns umgebende Versuchung erkennen, die anderen nicht zu

beachten, besonders die
Schwächsten. Sagen wir es so, in vieler Hinsicht haben wir Fortschritte

gemacht, doch wir sind
Analphabeten, wenn es darum geht, die Gebrechlichsten und

Schwächsten unserer
entwickelten Gesellschaften zu begleiten, zu pflegen und zu unterstützen.

Wir haben uns angewöhnt
wegzuschauen, vorbeizugehen, die Situationen zu ignorieren, solange

uns diese nicht direkt
betreffen.

65. Eine Person wird auf
der Straße überfallen, und viele laufen weg, als hätten sie nichts

gesehen. Oft gibt es
Menschen, die jemanden mit dem Auto anfahren und fliehen. Es ist ihnen nur

daran gelegen, Probleme zu
vermeiden; es interessiert sie nicht, ob durch ihre Schuld ein Mensch

stirbt. Dies aber sind
Zeichen eines verbreiteten Lebensstils, der sich auf verschiedene, vielleicht

auch subtilere Weisen
zeigt. Da wir alle zudem sehr auf unsere eigenen Bedürfnisse bezogen

sind, ist es uns lästig,
jemanden leiden zu sehen; es stört uns, weil wir keine Zeit wegen der

Probleme anderer verlieren
wollen. Dies sind Symptome einer kranken Gesellschaft, die versucht,

in ihrem Leben dem Schmerz
den Rücken zuzukehren.
                                                                                        21

66. Besser ist es, nicht in
dieses Elend zu verfallen. Betrachten wir das Modell des barmherzigen

Samariters. Dieser Text
lädt uns ein, unsere Berufung als Bürger unseres Landes und der ganzen

Welt, als Erbauer einer
neuen sozialen Verbundenheit wieder aufleben zu lassen. Es ist ein immer

neuer Ruf, obwohl er als
grundlegendes Gesetz in unser Sein eingeschrieben ist: dass die

Gesellschaft sich aufmacht,
das Gemeinwohl zu erstreben, und von dieser Zielsetzung her ihre

politische und soziale
Ordnung, ihr Beziehungsnetz und ihren Plan für den Menschen immer

wieder neu gestaltet. Mit
seinen Gesten hat der barmherzige Samariter gezeigt, dass »die

Existenz eines jeden von
uns an die der anderen gebunden ist: das Leben ist keine

verstreichende Zeit,
sondern Zeit der Begegnung«.
[57]

67. Dieses Gleichnis ist
ein aufschlussreiches Bild, das fähig ist, die grundlegende Option

hervorzuheben, die wir
wählen müssen, um diese Welt, an der wir leiden, zu erneuern. Angesichts

so großen Leids und so
vieler Wunden besteht der einzige Ausweg darin, so zu werden wie der

barmherzige Samariter. Jede
andere Entscheidung führt auf die Seite der Räuber oder derer, die

vorbeigehen, ohne Mitleid
zu haben mit den Schmerzen des Menschen, der verletzt auf der

Straße liegt. Das Gleichnis
zeigt uns, mit welchen Initiativen man eine Gemeinschaft erneuern

kann, ausgehend von Männern
und Frauen, die sich der Zerbrechlichkeit der anderen annehmen.

Sie lassen nicht zu, dass
eine von Exklusion geprägte Gesellschaft errichtet wird, sondern

kommen dem gefallenen
Menschen nahe, richten ihn auf und helfen ihm zu laufen, damit das

Gute allen zukommt.
Zugleich weist uns das Gleichnis auf bestimmte Verhaltensweisen von

Menschen hin, die nur auf
sich selbst schauen und sich nicht um die unabdingbaren Erfordernisse

der menschlichen Realität
kümmern.

68. Die Erzählung – sagen
wir es deutlich – liefert keine Lehre abstrakter Ideale und beschränkt

sich auch nicht auf die
Funktionalität einer sozialethischen Moral. Sie zeigt uns eine oft

vergessene wesentliche
Charakteristik des menschlichen Seins: Wir sind für die Fülle geschaffen,

die man nur in der Liebe
erlangt. Es ist keine mögliche Option, gleichgültig gegenüber dem

Schmerz zu leben; wir
können nicht zulassen, dass jemand „am Rand des Lebens“ bleibt. Es

muss uns so empören, dass
wir unsere Ruhe verlieren und von dem menschlichen Leiden

aufgewühlt werden. Das ist
Würde.

Eine Geschichte, die sich
wiederholt

69. Diese Geschichte ist
einfach und linear, enthält jedoch die ganze Dynamik des inneren

Kampfes, die mit der
Entfaltung unserer Identität einhergeht, in jeder Existenz auf dem Weg zur

Verwirklichung menschlicher
Geschwisterlichkeit. Einmal auf dem Weg, treffen wir unvermeidlich

auf verletzte Menschen.
Heute gibt es immer mehr verletzte Menschen. Die Inklusion oder die

Exklusion des am Wegesrand
leidenden Menschen bestimmt alle wirtschaftlichen, politischen,

sozialen oder religiösen
Vorhaben. Jeden Tag stehen wir vor der Wahl, barmherzige Samariter zu

sein oder gleichgültige
Passanten, die distanziert vorbeigehen. Und wenn wir den Blick auf die

Gesamtheit unserer
Geschichte und auf die ganze Welt ausweiten, sind wir oder waren wir wie
                                                                                        22

diese Gestalten: wir alle
haben etwas vom verletzten Menschen, etwas von den Räubern, etwas

von denen, die vorbeigehen,
und etwas vom barmherzigen Samariter.

70. Es ist interessant, wie
die Unterschiede zwischen den Gestalten der Erzählung vollständig

verwandelt werden
angesichts des qualvollen Ausdrucks des gefallenen und gedemütigten

Menschen. Es gibt keine
Unterscheidung mehr zwischen dem Bewohner von Judäa und dem von

Samaria, es gibt weder
Priester noch Händler; es gibt einfach zwei Arten von Menschen: jene, die

sich des Leidenden
annehmen, und jene, die um ihn einen weiten Bogen herum machen; jene, die

sich herunterbücken, wenn
sie den gefallenen Menschen bemerken, und jene, die den Blick

abwenden und den Schritt
beschleunigen. In der Tat fallen unsere vielfältigen Masken, unsere

Etikette, unsere
Verkleidungen: Es ist die Stunde der Wahrheit. Bücken wir uns, um die Wunden

der anderen zu berühren und
zu heilen? Bücken wir uns, um uns gegenseitig auf den Schultern zu

tragen? Dies ist die
aktuelle Herausforderung, vor der wir uns nicht fürchten dürfen. In den

Augenblicken der Krise
stehen wir sozusagen vor einer bedrängenden Alternative: Wer in diesem

Moment kein Räuber ist bzw.
distanziert vorbeigeht, ist entweder verletzt oder trägt auf seinen

Schultern einen Verletzten.

71. Die Geschichte des
barmherzigen Samariters wiederholt sich: Es wird immer deutlicher, dass

die soziale und politische
Unbekümmertheit viele Orte der Welt zu trostlosen Straßen macht, wo

innere und internationale
Auseinandersetzungen sowie Gelegenheitsplünderungen viele

Ausgestoßene am Straßenrand
liegen lassen. In seinem Gleichnis stellt Jesus keine

Alternativwege vor, wie zum
Beispiel: Was wäre aus diesem schwerverletzten Menschen oder

seinem Helfer geworden,
wenn Zorn oder Rachegelüste in ihren Herzen Raum gefunden hätten?

Jesus vertraut auf die
bessere Seite des menschlichen Geistes und ermutigt ihn mit dem

Gleichnis, sich an die
Liebe zu halten, den Leidenden wieder einzugliedern und eine Gesellschaft

zu aufzubauen, die dieses
Namens würdig ist.

Die Personen

72. Das Gleichnis beginnt
mit den Räubern. Der Ausgangspunkt, den Jesus wählt, ist ein schon

geschehener Überfall. Er
lässt uns nicht lange über das Vergangene klagen; er lenkt unseren

Blick nicht auf die Räuber.
Wir kennen sie. Wir haben in der Welt die dunklen Schatten der

Verwahrlosung, der
Gewaltanwendung aufgrund von schäbigen Machtinteressen, von Gier und

Konflikten anwachsen
gesehen. Die Frage könnte lauten: Lassen wir den Verletzten liegen, um

uns in Sicherheit zu
bringen oder um die Räuber zu verfolgen? Können wir angesichts des

Verletzten unsere
unversöhnlichen Spaltungen, unsere grausame Gleichgültigkeit, unsere

internen
Auseinandersetzungen noch rechtfertigen?

73. Weiter lässt uns das
Gleichnis eindeutig einen Blick auf die richten, die vorbeigehen. Diese

gefährliche
Gleichgültigkeit, nicht anzuhalten – mehr oder weniger unschuldig –, ist die
Frucht der

Geringschätzung oder einer
betrüblichen Zerstreutheit, und macht aus dem Priester und dem

23

Leviten nicht weniger
traurige Spiegelbilder jener Absonderung von der Wirklichkeit. Es gibt viele

Weisen des Vorbeigehens,
die einander ergänzen. Eine besteht darin, sich auf sich selbst

zurückzuziehen, sich nicht
für die anderen zu interessieren, gleichgültig zu sein. Eine andere

Weise wäre, nur woandershin
zu schauen. Was diese letzte Weise des Vorbeigehens betrifft, gibt

es in einigen Ländern oder
in bestimmten Bereichen davon eine Geringschätzung der Armen und

ihrer Kultur. Man schaut
auf andere Länder, als ob ein von dort importiertes Projekt ihre Stelle

einnehmen sollte. Dies kann
die Gleichgültigkeit einiger erklären, denn jene, die ihr Herz mit ihren

Bitten anrühren könnten,
existieren für sie einfach nicht. Sie befinden sich außerhalb ihres

Interessenhorizonts.

74. Bei jenen, die
vorbeigehen, gibt es eine Besonderheit, die wir nicht übersehen dürfen: Sie

waren religiöse Menschen.
Mehr noch, sie widmeten sich dem Gottesdienst: ein Priester und ein

Levit. Das ist eine
besondere Bemerkung wert: Es weist darauf hin, dass die Tatsache, an Gott zu

glauben und ihn anzubeten,
keine Garantie dafür ist, dass man auch lebt, wie es Gott gefällt. Ein

gläubiger Mensch mag nicht
in allem treu sein, was der Glaube selbst erfordert, kann sich aber

dennoch Gott nahe fühlen
und sich für würdiger als die anderen halten. Es gibt hingegen Weisen,

den Glauben so zu leben,
dass er zu einer Öffnung des Herzens gegenüber den Mitmenschen

führt, und dies ist Gewähr
für eine echte Öffnung gegenüber Gott. Der heilige Johannes

Chrysostomos hat diese
Herausforderung für die Christen mit großer Klarheit zum Ausdruck

gebracht: »Willst du den
Leib Christi ehren? Dann übersieh nicht, dass dieser Leib nackt ist. Ehre

den Herrn nicht im Haus der
Kirche mit seidenen Gewändern, während du ihn draußen übersiehst,

wo er unter Kälte und Blöße
leidet«.
[58] Paradoxerweise können diejenigen, die sich für
ungläubig

halten, den Willen Gottes
manchmal besser erfüllen als die Glaubenden.

75. Die „Straßenräuber“
haben für gewöhnlich als geheime Verbündete jene, die „die Straße

entlanggehen und auf die
andere Seite schauen“. Es schließt sich der Kreis zwischen jenen,

welche die Gesellschaft
ausnutzen und hintergehen, um sie auszuplündern, und jenen, die

meinen, die Reinheit ihrer
entscheidenden Funktion bewahren zu können, aber zugleich von

diesem System und seinen
Ressourcen leben. Es ist eine traurige Heuchelei, wenn die

Straffreiheit von
Verbrechen, die Nutzung von Institutionen zum persönlichen oder

unternehmerischen Vorteil
und andere Übel, die wir nicht ausrotten können, mit einer

permanenten
Disqualifizierung von allem, mit dem ständigen Säen von Misstrauen und

Ratlosigkeit einhergehen.
Der Täuschung des „Alles geht schief“ entspricht ein „Keiner kann es

richten“ und ein „Was kann
ich schon machen?“ Auf diese Weise nährt man Desillusionierung und

Hoffnungslosigkeit, und
dies stärkt weder die Solidarität noch die Großzügigkeit. Wenn man ein

Volk mutlos macht, dann
schließt sich ein wahrer Teufelskreis: So funktioniert die unsichtbare

Diktatur der eigentlichen
verborgenen Interessen, welche die Ressourcen beherrschen wie auch

die Meinungsbildung und das
Denken bestimmen.

76. Schauen wir zum Schluss
auf den verletzten Menschen. Manchmal fühlen wir uns wie er,

schwer verletzt und am
Straßenrand auf der Erde liegend. Wir fühlen uns auch von unseren

24

heruntergekommenen,
schlecht ausgerüsteten Institutionen im Stich gelassen, die manchmal den

Interessen einiger weniger
von innen oder außen dienen. Denn »in der globalisierten Gesellschaft

gibt es einen eleganten
Stil, sich abzuwenden, der gegenwärtig praktiziert wird: Unter dem

Deckmantel der politischen
Korrektheit oder ideologischer Modeerscheinungen schaut man auf

den Leidenden, ohne ihn zu
berühren; er wird live im Fernsehen übertragen. Es wird sogar eine

scheinbar tolerante Sprache
voller Euphemismen benutzt«.
[59]

Wieder neu Beginnen

77. Jeder Tag bietet uns
eine neue Gelegenheit, ist eine neue Etappe. Wir dürfen nicht alles von

denen erwarten, die uns
regieren; das wäre infantil. Wir haben Möglichkeiten der

Mitverantwortung, die es
uns erlauben, neue Prozesse und Veränderungen einzuleiten und zu

bewirken. Wir müssen aktiv
Anteil haben beim Wiederaufbau und bei der Unterstützung der

verwundeten Gesellschaft.
Heute haben wir die großartige Gelegenheit, unsere

Geschwisterlichkeit zum
Ausdruck zu bringen; zu zeigen, dass wir auch barmherzige Samariter

sind, die den Schmerz des
Versagens auf sich nehmen, anstatt Hass und Ressentiments zu

verstärken. Wie der
zufällig vorbeikommende Reisende unserer Geschichte müssen wir nur den

uneigennützigen Wunsch
haben, schlicht und einfach Volk zu sein und uns beständig und

unermüdlich dafür
einzusetzen, dass alle miteinbezogen und integriert werden und, wer gefallen

ist, wieder aufgerichtet
wird; auch wenn wir manchmal versagen und gezwungen sind, nach der

Logik der Gewalttätigen zu
handeln, die nur auf ihr eigenes Fortkommen bedacht sind sowie

Verwirrung und Lügen
verbreiten. Mögen andere weiter an die Politik oder an die Wirtschaft für

ihre Machtspiele denken.
Halten wir das am Leben, was gut ist, und stellen wir uns dem Guten zur

Verfügung.

78. Wir können von unten,
bei einer Sache beginnen und für das kämpfen, was ganz konkret und

naheliegend ist, und bis
zum letzten Winkel des eigenen Landes und der ganzen Welt

weitergehen – mit der
gleichen Sorgfalt, mit der sich der Reisende von Samaria jeder einzelnen

Wunde des verletzten
Menschen annahm. Suchen wir die anderen, und nehmen wir die uns

aufgetragene Wirklichkeit
in die Hand, ohne Angst vor Schmerz oder Unvermögen, denn dort liegt

all das Gute verborgen, das
Gott in das Herz des Menschen gesät hat. Übergroß erscheinende

Schwierigkeiten sind
Gelegenheiten zum Wachstum, und nicht Entschuldigung für eine lähmende

Traurigkeit, welche zum
Aufgeben verlockt. Aber arbeiten wir nicht allein und individuell. Der

Samariter suchte einen
Gastgeber, der sich um jenen Menschen kümmern konnte; genauso sind

auch wir gerufen, andere
einzuladen und uns in einem „Wir“ zu begegnen, das stärker ist als die

Summe der kleinen
Einzelpersonen. Erinnern wir uns daran, dass »das Ganze mehr ist als die

Teile und auch mehr ist als
ihre einfache Summe«.
[60] Verzichten wir auf Engstirnigkeit, auf den

Unmut unfruchtbarer
Parteilichkeit und auf endlose Konfrontationen. Hören wir auf, den Schmerz

der Verluste zu verstecken
und nehmen wir unsere Vergehen auf uns, unsere Feigheit und unsere

Lügen. Die heilende
Versöhnung lässt uns auferstehen und die Angst vor uns selbst und vor

anderen vergessen.

25

79. Der Samariter ging
fort, ohne Anerkennung oder Dank zu erwarten. Seine dienende Hingabe

brachte ihm großen Frieden
mit Gott und sich selbst und war ihm deshalb eine innere

Verpflichtung. Wir alle
tragen eine Verantwortung gegenüber dem Verwundeten, das heißt

gegenüber dem eigenen Volk
und allen Völker der Erde. Tragen wir Sorge für die Zerbrechlichkeit

jedes Mannes, jeder Frau,
jedes Kindes und jedes älteren Menschen mit dieser solidarischen und

aufmerksamen Haltung der
Nähe des barmherzigen Samariters.

Der Nächste ohne Grenzen

80. Jesus wählte dieses
Gleichnis als Antwort auf die Frage: Wer ist mein Nächster? Das Wort

„Nächster“ pflegte in der
Gesellschaft zu Zeiten Jesu denjenigen zu bezeichnen, der einem sehr

nahe, ja, am nächsten war.
Man verstand darunter, dass die Hilfe sich vor allem an den richtete,

der der eigenen Gruppe, der
gleichen Ethnie angehörte. Ein Samariter war für einige Juden

damals als ein
verachtungswürdiger, unreiner Mensch anzusehen. Deshalb gehörte er nicht zu

den Nachbarn, denen man
Hilfe gewähren musste. Der Jude Jesus stellt diese Auffassung völlig

auf den Kopf: Er ruft uns
nicht auf, danach zu fragen, wer die sind, die uns nahe sind, sondern uns

selbst zu nähern, selbst
zum Nächsten zu werden.

81. Es geht darum, der
hilfsbedürftigen Person beizustehen, ohne darauf zu schauen, ob sie zu

meinen Kreisen gehört. Im
genannten Fall ist es der Samariter, der dem verletzten Juden der

Nächste geworden ist. Um sich ihm zu nähern und bei ihm zu sein,
hat er alle kulturellen und

geschichtlichen Schranken
überwunden. Die Folgerung Jesu ist eine Aufforderung: »Dann geh

und handle du genauso!« (Lk
10,37). Das heißt, er fordert uns auf, jeden Unterschied beiseite zu

lassen und jedem Menschen
angesichts des Leidens beizustehen. Ich sage also nicht mehr, dass

ich „Nächste“ habe, denen
ich helfen muss, sondern dass ich mich gerufen fühle, den anderen ein

Nächster zu werden.

82. Das Problem ist, dass
Jesus ausdrücklich hervorhebt, dass es sich beim Verletzten um einen

Juden – einen Bewohner von
Judäa – handelte, während jener, der anhielt und ihm half, ein

Samariter – ein Bewohner
von Samaria – war. Dieses Detail besitzt eine enorme Bedeutung, wenn

man über eine Liebe
nachdenkt, die sich allen öffnet. Die Samariter wohnten in einem Gebiet, wo

auch heidnische Riten
vorkamen. Das machte sie für die Juden unrein, verabscheuungswürdig,

gefährlich. In der Tat
bezeichnet ein antiker hebräischer Text, der verhasste Nationen erwähnt,

Samaria sogar als »kein
Volk« (Sir 50,25) und fügt hinzu: Es ist »das törichte Volk, das in Sichem

wohnt« (V. 26).

83. Das erklärt, warum eine
Samariterin, als Jesus sie um etwas zu trinken bittet, so heftig

antwortet: »Wie kannst du
als Jude mich, eine Samariterin, um etwas zu trinken bitten?« (Joh 4,9).

Für alle, die nach einem
Vorwand suchten, um Jesus in Misskredit zu bringen, bot sich hier eine

sehr gute Angriffsfläche,
da sie ihn als »von einem Dämon besessen« und als »Samariter« (Joh

8,48) bezeichnen konnten.
Deshalb ist diese barmherzige Begegnung zwischen einem Samariter

26

und einem Juden eine starke
Provokation, die jeder ideologischen Manipulation entgegentritt,

damit wir unseren Kreis
erweitern und unserer Liebesfähigkeit eine universale Dimension geben,

die in der Lage ist, alle
Vorurteile, historische und kulturelle Hindernisse sowie kleinliche

Interessen zu überwinden.

Der Aufruf des Fremden

84. Schließlich erinnere
ich daran, dass Jesus in einem anderen Abschnitt des Evangeliums sagt:

»Ich war fremd und ihr habt
mich aufgenommen« (Mt 25,35). Jesus konnte diese Worte sagen,

weil er ein offenes Herz
hatte, das sich die Bedrängnisse der anderen zu eigen machte. Der

heilige Paulus mahnte:
»Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!« (Röm

12,15). Wenn das Herz eine
solche Haltung annimmt, ist es fähig, sich mit dem anderen zu

identifizieren, ohne darauf
zu achten, wo einer geboren ist oder wo er herkommt. Wenn einer in

diese Dynamik eintritt,
macht er letztendlich die Erfahrung, dass die anderen „von demselben

Fleisch“ (vgl. Jes 58,7)
sind.

85. Für die Christen haben
die Worte Jesu noch eine andere, eine transzendente Dimension. Sie

haben zur Folge, Christus
selbst in jedem verlassenen und ausgeschlossenen Bruder und in jeder

verstoßenen oder
vereinsamten Schwester wiederzuerkennen (vgl. Mt 25,40.45). Tatsächlich

bietet der Glaube wichtige
Beweggründe für die Anerkennung des anderen; denn wer glaubt, kann

erkennen, dass Gott jeden
Menschen mit einer unendlichen Liebe liebt und dass er »ihm dadurch

unendliche Würde verleiht«.[61] Dazu
kommt, dass wir glauben, dass Christus sein Blut für alle

und für jeden Einzelnen
vergossen hat und für ihn keiner von seiner allumfassenden Liebe

ausgeschlossen bleibt. Wenn
wir zur letzten Quelle gehen, die das innerste Leben Gottes ist,

begegnen wir einer
Gemeinschaft von drei Personen, Ursprung und vollkommenes Modell jedes

Lebens in Gemeinschaft. Die
Theologie wird weiterhin durch das fortwährende Nachdenken über

diese große Wahrheit
bereichert.

86. Manchmal betrübt mich
die Tatsache, dass die Kirche trotz solcher Motivationen so lange

gebraucht hat, bis sie mit
Nachdruck die Sklaverei und verschiedene Formen der Gewalt

verurteilte. Durch die
Weiterentwicklung von Spiritualität und Theologie haben wir heute keine

Entschuldigung mehr.
Trotzdem gibt es immer noch jene, die meinen, ihr Glaube würde sie

ermutigen oder es ihnen
zumindest erlauben, verschiedene Formen von engstirnigen und

gewalttätigen Nationalismen
zu unterstützen, von fremdenfeindlichen Einstellungen, von

Verachtung und sogar Misshandlungen
von Menschen, die anders sind. Der Glaube muss

zusammen mit der ihm
innewohnenden Menschlichkeit ein kritisches Gespür gegenüber diesen

Tendenzen lebendig halten
und dazu beitragen, schnell zu reagieren, wenn sie sich einzunisten

beginnen. Daher ist es
wichtig, dass die Katechese und die Predigt auf direktere und klarere

Weise die soziale Bedeutung
der Existenz, die geschwisterliche Dimension der Spiritualität, die

Überzeugung der
unveräußerlichen Würde jedes Menschen und die Beweggründe, um alle zu

lieben und anzunehmen,
einbezieht.

27

 

                                  DRITTES
KAPITEL

                EINE OFFENE WELT DENKEN UND
SCHAFFEN

 

87. Ein Mensch kann sich
nur entwickeln, sich verwirklichen und Erfüllung finden in »der

aufrichtigen Hingabe seiner
selbst«.
[62] Nur in der Begegnung mit dem anderen vermag
er seine

eigene Wahrheit vollständig
zu erkennen: »Ich kommuniziere nicht wirklich mit mir selbst, wenn

nicht in dem Maße, wie ich
mit dem anderen kommuniziere«.
[63] Deshalb kann niemand ohne die

Liebe zu konkreten
Mitmenschen den Wert des Lebens erfahren. Hierin liegt ein Geheimnis echter

menschlicher Existenz, denn
»das Leben existiert dort, wo es Bande gibt, Gemeinschaft,

Brüderlichkeit; und es ist
ein Leben, das stärker ist als der Tod, wenn es auf wahren Beziehungen

und Banden der Treue
aufgebaut ist. Andererseits gibt es da kein Leben, wo man den Anspruch

stellt, nur sich selbst zu
gehören und als Inseln zu leben: in diesen Haltungen herrscht der Tod

vor«.[64]

Darüber hinaus

88. Vom Inneren eines jeden
Herzens her schafft die Liebe Verbindungen und weitet die Existenz,

wenn sie die Person aus
sich selbst heraus und zum anderen hin führt.
[65] Wir sind für die
Liebe

geschaffen, und in jedem
von uns gibt es »das, was man das Gesetz der Ekstase nennen könnte

[…]: Der Liebende tritt
heraus aus seinem Selbst, um eine vollere Existenz in einem anderen zu

finden«.[66] Deshalb
»muss es der Mensch auf jeden Fall einmal selbst fertigbringen, von sich

selbst abzuspringen«.[67]

89. Andererseits kann sich
mein Leben nicht auf meine Beziehungen innerhalb einer kleinen

Gruppe oder meiner Familie
beschränken, denn ohne ein breiteres Beziehungsgeflecht ist es nicht

möglich, sich selbst zu
verstehen. Dabei geht es nicht nur um meine aktuellen Beziehungen,

sondern auch um das soziale
Gefüge, das schon vor mir da war und mich im Laufe meines

Lebens geprägt hat. Eine
Beziehung zu einer Person, die ich schätze, bedeutet nicht, dass diese

Person nur aufgrund ihrer
Beziehung zu mir lebt, und auch nicht, dass ich nur aufgrund meiner

Beziehung zu dieser Person
lebe. Gesunde und echte Beziehungen öffnen uns für andere, die

uns wachsen lassen und
bereichern. Leicht verschwindet heute die edelste soziale Gesinnung

hinter einer egoistisch
geprägten Vertrautheit, die nur den Anschein intensiver Beziehungen

erweckt. Echte Liebe, die
uns hilft zu wachsen, und die edelsten Formen der Freundschaft

wohnen jedoch in Herzen,
die sich vervollkommnen lassen. Partnerschaftliche oder

freundschaftliche
Beziehungen sind darauf ausgerichtet, das Herz für die Umgebung zu öffnen

und uns zu befähigen, aus
uns selbst herauszugehen, um alle anzunehmen. Exklusive Gruppen

28

und selbstbezogene Paare,
die sich als „Wir“ in Abgrenzung vom Rest der Welt definieren, sind in

der Regel veredelte Formen
des Egoismus und reiner Abschottung.

90. Es ist kein Zufall,
dass viele kleine Bevölkerungsgruppen, die in Wüstengebieten überlebt

haben, eine großzügige
Willkommenskultur für durchreisende Fremde entwickelt haben, und

damit ein beispielhaftes
Zeichen für die heilige Pflicht der Gastfreundschaft setzen. Diese Praxis

pflegten auch die
mittelalterlichen Klostergemeinschaften, wie man an der Regel des heiligen

Benedikt ablesen kann.
Obwohl das die Ordnung und das Schweigen in den Klöstern stören

konnte, forderte Benedikt,
dass die Armen und Fremden »mit Eifer und Sorge«
[68] aufgenommen

werden sollten.
Gastfreundschaft ist ein konkreter Weg, auf diese Herausforderung und dieses

Geschenk nicht zu
verzichten, die eine Begegnung mit Menschen darstellt, die nicht dem eigenen

Umfeld angehören. Diese
gastfreundlichen Menschen erkannten, dass alle Werte, die sie pflegten,

notwendig mit dieser
Fähigkeit einhergingen, sich durch eine Offenheit anderen gegenüber selbst

zu transzendieren.

Der einzigartige Wert der Liebe

91. Menschen können
bestimmte Haltungen entwickeln, die moralische Werte darstellen:

Tapferkeit, Nüchternheit,
Fleiß und andere Tugenden. Aber um die praktischen Ausdrucksformen

der verschiedenen
moralischen Tugenden richtig zu lenken, ist auch zu bedenken, inwieweit sie

eine Dynamik der Offenheit
und der Einheit mit anderen Menschen bewirken. Eine solche

Dynamik ist die
Nächstenliebe, die Gott den Menschen eingießt. Andernfalls kann es sein, dass

wir als tugendhaft
erscheinen, ohne dass diese Tugenden in der Lage sind, ein

Gemeinschaftsleben
aufzubauen. Deshalb sagte der heilige Thomas von Aquin – wobei er den

heiligen Augustinus
zitierte –, dass die Maßhaltung der Geizhälse nicht tugendhaft sei.
[69] Der

heilige Bonaventura
erklärte mit anderen Worten, dass die übrigen Tugenden ohne die

Nächstenliebe streng
genommen die Gebote nicht so erfüllen, »wie Gott das beabsichtigt«.
[70]

92. Die geistliche Gestalt
des menschlichen Lebens ist von der Liebe geprägt, die »zum Maßstab

für den endgültigen
Entscheid über Wert oder Unwert eines Menschenlebens wird«.
[71] Es
gibt

jedoch Gläubige, die
meinen, ihre Größe bestünde darin, anderen ihre Ideologien aufzuzwingen,

sei es in der gewaltsamen
Verteidigung der Wahrheit, sei es in großen Machtdemonstrationen.

Wir Gläubige müssen alle
dies erkennen: An erster Stelle steht die Liebe; was nie aufs Spiel

gesetzt werden darf, ist
die Liebe; die größte Gefahr besteht darin, nicht zu lieben (vgl. 1 Kor
13,1-

13).

93. Der heilige Thomas von
Aquin versuchte zu verdeutlichen, worin die Erfahrung der Liebe

besteht, die Gott mit
seiner Gnade ermöglicht. Er erklärte sie als eine Bewegung der

Aufmerksamkeit für den
anderen, insofern der Liebende das Geliebte in etwa »als ein Wesen mit

sich selbst betrachtet«.[72] Die
affektive Aufmerksamkeit, die dem anderen entgegengebracht

wird, führt zu einer
inneren Ausrichtung, die bedingungslos sein Wohl sucht. All dies nimmt seinen

29

Ausgang bei einem Wohlwollen,
bei einer Wertschätzung, also letztlich dem, was sich hinter dem

Wort „Nächstenliebe“
verbirgt: das Geliebte ist mir „teuer“, das heißt, ich halte es für sehr

wertvoll.[73] Und
»aus der Liebe, aufgrund derer man eine bestimmte Person schätzt, kommt all

das Gute, das man ihr
entgegenbringt«.
[74]

94. Liebe bedeutet also
mehr als eine Reihe wohltätiger Handlungen. Die Handlungen entspringen

einer Einheit, die immer
mehr auf den anderen ausgerichtet ist und die ihn jenseits seiner

physischen oder moralischen
Erscheinung als wertvoll, würdig, angenehm und schön erachtet.

Die Liebe zum anderen,
drängt uns aufgrund ihrer Natur, das Beste für sein Leben zu wollen. Nur

wenn wir diese Art
gegenseitiger Bezogenheit entwickeln, wird ein gesellschaftlicher

Zusammenhalt möglich sein,
der niemanden ausschließt, und eine Geschwisterlichkeit, die für alle

offen ist.

Die fortschreitende Öffnung
der Liebe

95. Die Liebe richtet uns
schließlich auf die universale Gemeinschaft hin aus. Niemand reift oder

gelangt zu Erfüllung, wenn
er sich isoliert. Durch die ihr innewohnende Dynamik verlangt die Liebe

eine fortschreitende
Öffnung, eine immer größere Fähigkeit, andere anzunehmen, in einem nie

endenden Abenteuer, das
alle Ränder zu einem vollen Bewusstsein gegenseitiger Zugehörigkeit

zusammenwachsen lässt.
Jesus sagte uns: »Ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23,8).

96. Diese Notwendigkeit,
über die eigenen Grenzen hinauszugehen, gilt auch für die

verschiedenen Regionen und
Länder. In der Tat: »Die ständig steigende Zahl der Verbindungen

und Kontakte, die unseren
Planeten überziehen, macht das Bewusstsein der Einheit und des

Teilens eines gemeinsamen
Geschicks unter den Nationen greifbarer. So sehen wir, dass in die

Geschichtsabläufe trotz der
Verschiedenheit der Ethnien, der Gesellschaften und der Kulturen die

Berufung hineingelegt ist,
eine Gemeinschaft zu bilden, die aus Geschwistern zusammengesetzt

ist, die einander annehmen
und füreinander sorgen«.
[75]

Offene Gesellschaften, die alle integrieren

97. Es gibt Peripherien
ganz in unserer Nähe, im Zentrum einer Stadt oder in der eigenen Familie.

Es gibt auch einen Aspekt
der universalen Offenheit der Liebe, der nicht geografischer, sondern

existentieller Natur ist.
Gemeint ist die tägliche Fähigkeit, meine kleine Welt zu erweitern,

diejenigen zu erreichen,
die nicht unmittelbar mit meinen Interessen zu tun haben, obwohl sie mir

nahestehen. Andererseits
sind alle leidenden Schwestern und Brüder, die von der Gesellschaft im

Stich gelassen oder
ignoriert werden, existenziell Fremde, auch wenn sie im selben Land geboren

wurden. Sie mögen
Staatsbürger sein und im Besitz aller Dokumente; doch man lässt sie sich als

Fremde im eigenen Land
empfinden. Rassismus ist ein Virus, der leicht mutiert, und, anstatt zu

verschwinden, im
Verborgenen weiter lauert.

30

98. Ich möchte an jene
„verborgenen Exilanten“ erinnern, die als Fremdkörper der Gesellschaft

behandelt werden.[76] Viele
Menschen mit Behinderungen »fühlen sich ohne Zugehörigkeit und

Beteiligung«. Es gibt immer
noch vieles, was ihnen eine volle Teilhabe verunmöglicht. Die

Aufgabe besteht nicht nur
darin, diesen Menschen zu helfen, sondern es geht um ihre »aktive

Teilnahme an der zivilen
und kirchlichen Gemeinschaft«. Das ist ein anstrengender, ja

beschwerlicher Weg, der
aber nach und nach dazu beitragen wird, ein Bewusstsein dafür zu

entwickeln, dass jeder
Mensch eine einzigartige und unwiederholbare Person ist. Ich denke dabei

ebenso an die älteren
Menschen, »die, auch wegen einer Behinderung, manchmal als Last

empfunden werden«. Und doch
kann jeder »durch seine eigene persönliche Biographie einen

einzigartigen Beitrag zum
Gemeinwohl leisten«. Ich möchte das noch einmal betonen: Wir müssen

»den Mut haben, denen eine
Stimme zu geben, die wegen einer Behinderung diskriminiert

werden, denn leider tut man
sich in einigen Ländern auch heute noch schwer, sie als Menschen

gleicher Würde
anzuerkennen«.
[77]

Unzureichendes Verständnis der universalen Liebe

99. Liebe, die über alle
Grenzen hinausreicht, ist die Grundlage dessen, was wir in jeder Stadt und

in jedem Land „soziale
Freundschaft“ nennen. Wenn dieser freundschaftliche Umgang in der

Gesellschaft authentisch
ist, ergibt er eine Bedingung der Möglichkeit von wirklicher universaler

Offenheit. Damit ist nicht
der falsche Universalismus derer gemeint, die ständig verreisen müssen,

weil sie ihr eigenes Volk
nicht ertragen und lieben. Wer sein Volk verachtet, etabliert in seiner

eigenen Gesellschaft
Kategorien einer ersten und einer zweiten Klasse, von Menschen mit mehr

oder weniger Würde und
Rechten. Auf diese Weise verneint er, dass es Platz für alle gibt.

100. Ich spreche hier auch
nicht von einem autoritären und abstrakten Universalismus, den einige

diktieren oder entwerfen
und als angebliches Ideal darstellen, um alle gleichzuschalten, zu

dominieren und auszubeuten.
Es gibt ein Globalisierungsmodell, das »bewusst auf eine

eindimensionale Uniformität
abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem

oberflächlichen Streben
nach Einheit zu beseitigen. […] Wenn eine Globalisierung anstrebt, alle

gleichzumachen, als
entspräche sie dem Bild einer Kugel, dann zerstört diese Globalisierung den

Reichtum und die
Besonderheit jedes Einzelnen und jedes Volkes«.
[78] Dieser falsche

universalistische Traum
endet damit, dass die Welt der Vielfalt ihrer Farben, ihrer Schönheit und

letztlich ihrer
Menschlichkeit beraubt wird. Denn die Zukunft ist nicht „einfarbig“. Wenn wir
den Mut

dazu haben, können wir »sie
in der Vielfalt und in der Unterschiedlichkeit der Beiträge betrachten,

die jeder einzelne leisten
kann. Wie sehr muss unsere Menschheitsfamilie lernen, in Harmonie

und Frieden zusammenzuleben,
ohne dass wir dazu alle gleich sein müssen!«
[79]

Über eine Welt von Menschen
seinesgleichen hinausgehen

101. Kehren wir nun zum
Gleichnis vom barmherzigen Samariter zurück, das uns noch viel zu

sagen hat. Auf der Straße
lag ein verletzter Mann. Die Menschen, die an ihm vorübergingen,

31

hörten nicht auf den
inneren Ruf, ihm beizustehen, sondern waren eher auf ihr Amt und die

soziale Stellung, die sie
innehatten, auf gesellschaftlich angesehene berufliche Tätigkeiten

bedacht. Sie erachteten
sich als wichtig für die Gesellschaft dieser Zeit, und was sie interessierte,

war die Rolle, die ihnen
zuteilwurde. Der verwundete und verlassene Mann am Wegesrand störte

und durchkreuzte diese
Pläne, und zudem hatte er keinerlei Funktion inne. Er war ein „Niemand“,

er gehörte keiner
bedeutenden Gruppe an und spielte auch sonst keine wichtige Rolle für die

weitere Geschichte. Der
großherzige Samariter widerstand der Versuchung eines solchen

klassifizierenden Denkens,
obwohl er selbst zu keiner dieser Kategorien gehörte und nur ein

Fremder ohne eigenen Platz
in der Gesellschaft war. Frei von allen Titeln und Strukturen, war er in

der Lage, seine Reise zu
unterbrechen und seine Pläne zu ändern sowie offen zu sein für das

Unvorhergesehene, für den
Verwundeten, der ihn brauchte.

102. Welche Reaktion würde
diese Geschichte heute hervorrufen, in einer Welt, in der es immer

mehr soziale Gruppen gibt,
die sich an eine Identität klammern, die sie von anderen trennt? Wie

kann sie diejenigen
ansprechen, die zu einer Ordnung neigen, die alles Fremde verhindern

möchte, das die eigene
Identität und ein solches System der Abschottung und Selbstbezogenheit

stören könnte? In einem solchen
System kann man nicht zum Nächsten werden, man kann nur

denjenigen nahe sein, die
einem etwas bringen. Damit verliert das Wort „Nächster“ jede

Bedeutung, und nur das Wort
„seinesgleichen“ hat dann noch Sinn, d.h. diejenigen, mit denen

man sich für bestimmte
Interessen zusammentut.
[80]

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit

103. Die Brüderlichkeit
(Geschwisterlichkeit) ist nicht einfach die Folge aus der Achtung

individueller Freiheit oder
aus einer gewissen geregelten Gleichheit. Das sind zwar Bedingungen

der Möglichkeit von
Brüderlichkeit, aber damit kommt es nicht notwendigerweise zu Brüderlichkeit.

Die Brüderlichkeit fügt der
Freiheit und Gleichheit noch positiv etwas hinzu. Was geschieht ohne

eine bewusst kultivierte
Brüderlichkeit, ohne einen politischen Willen zur Brüderlichkeit, der

konkret wird in einer
Erziehung zur Brüderlichkeit, zum Dialog, zur Entdeckung des Wertes der

Gegenseitigkeit und
wechselseitiger Bereicherung? Dann passiert es, dass die Freiheit schwindet

und eher zu einem Zustand
der Einsamkeit führt, zu einer reinen Autonomie, um jemandem oder

etwas anzugehören oder
einfach nur zu besitzen und zu genießen. Damit ist der Reichtum der

Freiheit, die vor allem auf
Liebe ausgerichtet ist, keineswegs erschöpft.

104. Auch Gleichheit wird
so nicht erreicht, wenn man abstrakt definiert, dass „alle Menschen

gleich sind“. Sie ist
vielmehr Ergebnis einer bewussten und pädagogischen Pflege der

Brüderlichkeit. Diejenigen,
die nur mit ihresgleichen zusammen sein können, schaffen

geschlossene Welten. Welche
Bedeutung hat dann ein Mensch in diesem Schema, der nicht zum

Kreis ihresgleichen gehört
und der neu dazukommt und von einem besseren Leben für sich und

seine Familie träumt?
                                                                                        32

105. Der Individualismus
macht uns nicht freier, gleicher oder brüderlicher. Die bloße Summe von

Einzelinteressen ist nicht
in der Lage, eine bessere Welt für die gesamte Menschheit zu schaffen.

Sie kann uns auch nicht vor
so vielen immer globaler auftretenden Übeln bewahren. Aber

radikaler Individualismus
ist das am schwersten zu besiegende Virus. Er ist hinterhältig. Er lässt

uns glauben, dass alles
darauf ankommt, unseren eigenen Ambitionen freien Lauf zu lassen, als

ob wir durch Akkumulation
individueller Ambitionen und Sicherheiten das Gemeinwohl aufbauen

könnten.

Universale Liebe zur
Förderung der Menschen

106. Um auf dem Weg des
freundschaftlichen Umgangs in der Gesellschaft und der universalen

Geschwisterlichkeit
voranzukommen, muss es zu einer grundlegenden, wesentlichen Erkenntnis

kommen: Es muss ein
Bewusstsein dafür entstehen, was ein Mensch wert ist, immer und unter

allen Umständen. Wenn jeder
so viel wert ist, muss klar und deutlich gesagt werden, dass »allein

die Tatsache, an einem Ort
mit weniger Ressourcen oder einer niedrigeren Entwicklungsstufe

geboren zu sein, nicht
rechtfertigt, dass einige Menschen weniger würdevoll leben«.
[81] Dies
ist

ein elementares Prinzip des
gesellschaftlichen Lebens, das gewohnheitsmäßig und auf

verschiedene Weise von
denjenigen ignoriert wird, die es mit ihrem Weltbild nicht vereinbaren

können oder meinen, dass es
ihren Zielen widerspricht.

107. Jeder Mensch hat das
Recht, in Würde zu leben und sich voll zu entwickeln, und kein Land

kann dieses Grundrecht
verweigern. Jeder Mensch besitzt diese Würde, auch wenn er wenig

leistet, auch wenn er mit
Einschränkungen geboren oder aufgewachsen ist; denn dies schmälert

nicht seine immense Würde
als Mensch, die nicht auf den Umständen, sondern auf dem Wert

seines Seins beruht. Wenn
dieses elementare Prinzip nicht gewahrt wird, gibt es keine Zukunft,

weder für die
Geschwisterlichkeit noch für das Überleben der Menschheit.

108. Es gibt
Gesellschaften, in denen dieses Prinzip nur teilweise gilt. Sie bejahen, dass
jeder

seine Chancen bekommen
muss, dann aber, meinen sie, habe ein jeder alles selbst in der Hand.

Aus dieser Sicht hätte es
keinen Sinn, »zu investieren, damit diejenigen, die auf der Strecke

geblieben sind, die
Schwachen oder die weniger Begabten es im Leben zu etwas bringen

können«.[82] Investitionen
zugunsten der Schwachen sind möglicherweise nicht rentabel bzw.

weniger effizient. Das
erfordert einen präsenten und aktiven Staat und zivilgesellschaftliche

Institutionen, die über die
Freiheit der rein leistungsorientierten Mechanismen bestimmter

wirtschaftlicher,
politischer oder ideologischer Systeme hinausgehen, weil sie wirklich und in
erster

Linie auf die Menschen und
das Gemeinwohl ausgerichtet sind.

109. Einige wachsen in
Familien mit guten wirtschaftlichen Voraussetzungen auf, erhalten eine

solide Ausbildung, sind
wohl genährt aufgewachsen oder besitzen von Natur aus bemerkenswerte

Fähigkeiten. Sie werden
sicherlich keinen aktiven Staat brauchen und nur Freiheit einfordern.

Aber offensichtlich gilt
das nicht für Menschen mit einer Behinderung, für Menschen aus einem

33

armen Elternhaus, für Menschen
mit einem niedrigen Bildungsniveau oder solche, die kaum

Chancen auf eine
angemessene Behandlung ihrer Krankheiten haben. Wenn die Gesellschaft in

erster Linie auf den
Kriterien des freien Marktes und der Leistung beruht, ist für sie kein Platz,
und

Geschwisterlichkeit wird zu
einem allenfalls romantischen Ausdruck.

110. Tatsache ist, dass
eine »rein theoretische wirtschaftliche Freiheit, bei der aber die realen

Bedingungen verhindern,
dass viele sie wirklich erlangen können, und bei der sich der Zugang zur

Arbeit verschlechtert, […]
für die Politik zu einem widersprüchlichen Thema«
[83] wird. Worte wie

Freiheit, Demokratie oder
Geschwisterlichkeit verlieren dann ihren Sinn. Denn »solange unser

Wirtschafts- und
Sozialsystem auch nur ein Opfer hervorbringt und solange auch nur eine Person

ausrangiert wird, kann man
nicht feierlich von universaler Geschwisterlichkeit sprechen«.
[84] Eine

menschliche und
geschwisterliche Gesellschaft ist in der Lage, auf effiziente und stabile Weise

dafür zu sorgen, dass alle
Menschen auf ihrem Lebensweg begleitet werden, nicht nur, um ihre

Grundbedürfnisse zu
befriedigen, sondern damit sie das Beste geben können, selbst wenn ihre

Leistung dann vielleicht
nicht hervorragend ist, auch wenn sie nur langsam vorankommen, auch

wenn ihre Effizienz von
geringer Bedeutung sein wird.

111. Der Mensch mit seinem
unveräußerlichen Rechten ist von Natur aus offen für Bindungen.

Zutiefst wohnt ihm der Ruf
inne, sich in der Begegnung mit anderen zu transzendieren. Aus

diesem Grund muss man »Acht
geben, nicht Missverständnissen zu verfallen, die aus einem

falschen Verständnis des
Begriffes Menschenrechte und deren widersinnigem Gebrauch

hervorgehen. Es gibt
nämlich heute die Tendenz zu einer immer weiter reichenden

Beanspruchung der
individuellen – ich bin versucht zu sagen: individualistischen – Rechte, hinter

der sich ein aus jedem
sozialen und anthropologischen Zusammenhang herausgelöstes Bild des

Menschen verbirgt, der
gleichsam als „Monade“ (monás) zunehmend unsensibel wird […]. Wenn

nämlich das Recht eines
jeden nicht harmonisch auf das größere Wohl hin ausgerichtet ist, wird

es schließlich als
unbegrenzt aufgefasst und damit zur Quelle von Konflikten und Gewalt«.
[85]

Das moralisch Gute fördern

112. Wir können nicht umhin
zu sagen, dass der Wunsch und die Suche nach dem Wohl der

anderen und der ganzen
Menschheit auch ein Bemühen um Reifung der Personen und

Gesellschaften bezüglich
der verschiedenen moralischen Werte impliziert, die zu einer

ganzheitlichen menschlichen
Entwicklung führen. Das Neue Testament erwähnt eine Frucht des

Heiligen Geistes (vgl. Gal
5,22), die mit dem griechischen Wort agathosyne bezeichnet wird. Es

meint ein
Dem-Guten-Anhangen, ein Streben nach dem Guten. Mehr noch, es geht darum, das
zu

erreichen, was am meisten
zählt, das Beste für die anderen: ihre Reifung, ihr gesundes

Wachstum, die Übung von
Tugenden und nicht nur materiellen Wohlstand. Es gibt einen

ähnlichen lateinischen
Ausdruck: bene-volentia, d.h. die Haltung, das Wohl des anderen zu

wollen. Es ist eine starke
Sehnsucht nach dem Guten, eine Neigung zu allem, was gut und

vortrefflich ist, welche
uns drängt, das Leben anderer mit schönen, erhabenen, erbaulichen

                          34

Dingen zu bereichern.

113. In diesem Zusammenhang
möchte ich noch einmal auf die schmerzliche Tatsache

hinweisen, dass »wir schon
sehr viel Zeit moralischen Verfalls [haben] verstreichen lassen, indem

wir die Ethik, die Güte,
den Glauben und die Ehrlichkeit bespöttelt haben, und es ist der Moment

gekommen zu merken, dass
diese fröhliche Oberflächlichkeit uns wenig genützt hat. Diese

Zerstörung jeder Grundlage
des Gesellschaftslebens bringt uns schließlich um der Wahrung der

jeweils eigenen Interessen
willen gegeneinander auf«.
[86] Wenden wir uns der Förderung des

Guten zu, für uns selbst
und für die ganze Menschheit, und so werden wir gemeinsam auf ein

echtes und ganzheitliches
Wachstum zugehen. Jede Gesellschaft muss für die Weitergabe von

Werten sorgen, denn wenn
dies ausbleibt, werden Egoismus, Gewalt und Korruption in ihren

verschiedenen Formen sowie
Gleichgültigkeit verbreitet, ein Leben letztlich, das jeder

Transzendenz verschlossen
ist und sich in individuellen Interessen verschanzt.

Der Wert der Solidarität

114. Ich möchte die
Solidarität hervorheben. »Als moralische Tugend und soziales Verhalten, eine

Frucht der persönlichen
Umkehr, erfordert [sie] ein Engagement vieler Einzelner, die im

Erziehungs- und Bildungswesen
Verantwortung tragen. Ich denke zunächst an die Familien, die

zu einer vorrangigen und
unabdingbaren Erziehungsaufgabe berufen sind. Sie bilden den ersten

Ort, an dem die Werte der
Liebe und der Geschwisterlichkeit, des Zusammenlebens und des

Miteinander-Teilens, der
Aufmerksamkeit und der Sorge für den anderen gelebt und vermittelt

werden. Sie sind auch der
bevorzugte Bereich für die Weitergabe des Glaubens, angefangen von

jenen ersten einfachen
Gesten der Frömmigkeit, die die Mütter ihren Kindern beibringen. Die

Erzieher und die Lehrer,
die in der Schule oder in den verschiedenen Kinder- und Jugendzentren

die anspruchsvolle Aufgabe
haben, die jungen Menschen zu erziehen, sind berufen sich bewusst

zu machen, dass ihre
Verantwortung die moralische, spirituelle und soziale Dimension des

Menschen betrifft. Die
Werte der Freiheit, der gegenseitigen Achtung und der Solidarität können

vom frühesten Alter an
vermittelt werden. […] Auch die Kulturanbieter und die Betreiber der

sozialen Kommunikationsmittel
tragen eine Verantwortung auf dem Gebiet der Erziehung und der

Bildung, besonders in den
zeitgenössischen Gesellschaften, in denen der Zugriff auf Informations-

und Kommunikationsmittel
immer stärker verbreitet ist«.
[87]

115. In dieser Zeit, in der
sich alles zu verwässern und aufzulösen scheint, ist es gut, an die

Solidität[88] zu
appellieren, die sich daraus ergibt, dass wir uns für die Schwäche anderer

verantwortlich fühlen und
versuchen eine gemeinsame Perspektive zu entwickeln. Die Solidarität

drückt sich konkret im
Dienst aus, der in der Art und Weise, wie wir uns um andere kümmern, sehr

unterschiedliche Formen
annehmen kann. Dienst bedeutet »zum großen Teil, Schwäche und

Gebrechlichkeit zu
beschützen. Dienen bedeutet, für die Schwachen in unseren Familien, in

unserer Gesellschaft, in
unserem Volk zu sorgen.« Bei dieser Aufgabe ist jeder in der Lage, »im

konkreten Blick auf die
Schwächsten sein Suchen, sein Streben und seine Sehnsucht nach
                                                                                        35

Allmacht auszublenden.
[…] Der Dienst schaut immer auf das Gesicht des Mitmenschen, berührt

seinen Leib, spürt seine
Nähe und in manchen Fällen sogar das „Kranke“ und sucht, ihn zu

fördern. Darum ist der
Dienst niemals ideologisch, denn man dient nicht Ideen, sondern man dient

Menschen«.[89]

116. Die Geringsten
praktizieren im Allgemeinen »jene so besondere Solidarität, die leidende

Menschen zusammenschweißt –
arme Menschen –, und die unsere Zivilisation zu vergessen

haben scheint, bzw. nur
allzu gern vergessen möchte. Solidarität ist ein Wort, das nicht immer

gefällt; ja, ich würde
sagen, wir haben es manchmal sogar zu einer Art Schimpfwort gemacht, das

man besser nicht in den
Mund nimmt. Aber es ist ein Wort, das sehr viel mehr bedeutet als einige

sporadische Gesten der
Großzügigkeit. Es bedeutet, dass man im Sinne der Gemeinschaft denkt

und handelt, dass man dem
Leben aller Vorrang einräumt – und nicht der Aneignung der Güter

durch einige wenige. Es
bedeutet auch, dass man gegen die strukturellen Ursachen der Armut

kämpft: Ungleichheit, das
Fehlen von Arbeit, Boden und Wohnung, die Verweigerung der sozialen

Rechte und der
Arbeitsrechte. Es bedeutet, dass man gegen die zerstörerischen Auswirkungen

der Herrschaft des Geldes
kämpft […]. Die Solidarität, verstanden in ihrem tiefsten Sinne, ist eine

Art und Weise, Geschichte
zu machen, und genau das ist es, was die Volksbewegungen tun«.
[90]

117. Wenn wir von der Sorge
um das gemeinsame Haus unseres Planeten sprechen, dann

berufen wir uns auf dieses
Minimum an universalem Bewusstsein und an gegenseitiger Fürsorge,

die in den Menschen noch
verblieben ist. Wenn jemand Wasser im Überfluss besitzt und trotzdem

sorgsam damit umgeht, weil
er an die anderen denkt, tut er das, weil er ein moralisches Niveau

erreicht hat, das es ihm
erlaubt, über sich und die Seinen hinauszublicken. Das ist wunderbar

human! Ebendiese Haltung
braucht es auch, um die Rechte eines jeden Menschen

anzuerkennen, auch wenn er
auf der anderen Seite der jeweiligen Grenzen geboren wurde.

Die soziale Funktion des
Eigentums neu denken

118. Die Erde ist für alle
da, denn wir Menschen kommen alle mit der gleichen Würde auf die

Welt. Unterschiede in
Hautfarbe, Religion, Fähigkeiten, Herkunft, Wohnort und vielen anderen

Bereichen können nicht als
Rechtfertigung für die Privilegien einiger zum Nachteil der Rechte aller

geltend gemacht oder
genutzt werden. Folglich sind wir als Gemeinschaft verpflichtet, dafür zu

sorgen, dass jeder Mensch
in Würde leben kann und angemessene Möglichkeiten für seine

ganzheitliche Entwicklung
hat.

119. In den ersten
Jahrhunderten des Christentums haben einige verständige Menschen in ihrem

Nachdenken über die
gemeinsame Bestimmung der geschaffenen Güter ein universales

Bewusstsein entwickelt.[91] Man
gelangte zu folgender Auffassung: Wenn jemand nicht das

Notwendige zu einem Leben
in Würde hat, liegt das daran, dass ein anderer sich dessen

bemächtigt hat. Der heilige
Johannes Chrysostomus fasst dies mit den Worten zusammen: »Den

Armen nicht einen Teil
seiner Güter zu geben bedeutet, von den Armen zu stehlen, es bedeutet,

36

sie ihres Lebens zu berauben;
und was wir besitzen, gehört nicht uns, sondern ihnen«.
[92] Ähnlich

drückt sich der heilige
Gregor der Große aus: »Wenn wir den Armen etwas geben, geben wir nicht

etwas von uns, sondern wir
geben ihnen zurück, was ihnen gehört«.
[93]

120. Wieder einmal mache
ich mir Worte des heiligen Johannes Paul II. zu eigen und wiederhole

sie hier, weil sie in ihrer
Tragweite vielleicht nicht verstanden wurden: »Gott hat die Erde dem

ganzen Menschengeschlecht
geschenkt, ohne jemanden auszuschließen oder zu bevorzugen, auf

dass sie alle seine
Mitglieder ernähre.«
[94] In diesem Zusammenhang erinnere ich daran,
dass

»die christliche Tradition
[…] das Recht auf Privatbesitz niemals als absolut oder unveräußerlich

anerkannt und die soziale
Funktion jeder Form von Privateigentum betont« hat.
[95] Das Prinzip

der gemeinsamen Nutznießung
der für alle geschaffenen Güter ist das »Grundprinzip der ganzen

sozialethischen Ordnung«,[96] es
ist ein natürliches, naturgegebenes und vorrangiges

Recht.[97] Alle
anderen Rechte an den Gütern, die für die ganzheitliche Verwirklichung der

Personen notwendig sind,
einschließlich des Privateigentums und aller anderen, »dürfen seine

Verwirklichung nicht
erschweren, sondern müssen sie im Gegenteil erleichtern«, wie der heilige

Paul VI. betonte.[98] Das
Recht auf Privateigentum kann nur als ein sekundäres Naturrecht

betrachtet werden, das sich
aus dem Prinzip der universalen Bestimmung der geschaffenen Güter

ableitet, und dies hat sehr
konkrete Konsequenzen, die sich im Funktionieren der Gesellschaft

widerspiegeln müssen.
Häufig kommt es jedoch vor, dass sekundäre Rechte über die vorrangigen

und ursprünglichen Rechte
gestellt werden, so dass sie ohne praktische Relevanz bleiben.

Rechte ohne Grenzen

121. Niemand darf aufgrund seiner
Herkunft ausgeschlossen werden und schon gar nicht

aufgrund der Privilegien
anderer, die unter günstigeren Umständen aufgewachsen sind. Auch die

Grenzen und Grenzverläufe
von Staaten können das nicht verhindern. So wie es inakzeptabel ist,

dass eine Person weniger
Rechte hat, weil sie eine Frau ist, so ist es auch nicht hinnehmbar, dass

der Geburts- oder Wohnort
schon von sich aus mindere Voraussetzungen für ein würdiges Leben

und eine menschenwürdige
Entwicklung liefert.

122. Entwicklung darf nicht
die wachsende Bereicherung einiger weniger zum Ziel haben, sondern

muss »die persönlichen und
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Menschenrechte,

die Rechte der Nationen und
Völker eingeschlossen«,
[99] gewährleisten. Das Recht einiger auf

Unternehmens- oder
Marktfreiheit kann nicht über den Rechten der Völker und der Würde der

Armen stehen und auch nicht
über der Achtung für die Schöpfung, denn »wenn sich jemand etwas

aneignet, dann nur, um es
zum Wohl aller zu verwalten«.
[100]

123. Die
Unternehmertätigkeit ist in der Tat eine edle Berufung, »die darauf
ausgerichtet ist,

Wohlstand zu erzeugen und
die Welt für alle zu verbessern«.
[101] Gott fördert uns, er erwartet

von uns, dass wir die
Fähigkeiten entfalten, die er uns gegeben hat, und er hat der Welt sehr viele

Möglichkeiten geschenkt.
Sein Plan für uns ist es, dass jeder Mensch sich entwickelt
[102] und

37

dazu gehört auch die
Förderung wirtschaftlicher und technologischer Fähigkeiten, um Güter und

den Wohlstand zu mehren. In
jedem Fall aber sollten diese Fähigkeiten der Unternehmer, die ein

Geschenk Gottes sind, klar
auf die Entwicklung anderer Menschen und auf die Überwindung der

Armut ausgerichtet sein,
insbesondere durch die Schaffung vielfältiger

Beschäftigungsmöglichkeiten.
Immer gibt es neben dem Recht auf Privatbesitz das vorrangige

und vorgängige Recht der
Unterordnung allen Privatbesitzes unter die allgemeine Bestimmung

der Güter der Erde und
daher das allgemeine Anrecht auf seinen Gebrauch.
[103]

Die Rechte der Völker

124. Die Überzeugung von
der gemeinsamen Bestimmung der Güter der Erde erfordert heute,

dass sie auch auf Länder,
ihre Territorien und ihre Ressourcen angewandt wird. Wenn wir es nicht

nur von der Legitimität des
Privateigentums und den Rechten der Bürger einer bestimmten Nation

aus betrachten, sondern
auch von dem ersten Grundsatz der gemeinsamen Bestimmung der

Güter, dann können wir
sagen, dass jedes Land auch ein Land des Ausländers ist, denn die Güter

eines Territoriums dürfen
einer bedürftigen Person, die von einem anderen Ort kommt, nicht

vorenthalten werden.
Tatsächlich gibt es, wie die Bischöfe der Vereinigten Staaten gelehrt haben,

Grundrechte, die »jeder
Gesellschaft vorausgehen, weil sie sich aus der Würde ableiten, die

jedem Menschen zukommt, da
er ein Geschöpf Gottes ist«.
[104]

125. Dies setzt auch eine
andere Art des Verständnisses der Beziehungen und des Austauschs

zwischen den Ländern
voraus. Wenn jeder Mensch eine unveräußerliche Würde hat, wenn jeder

Mensch mein Bruder oder
meine Schwester ist, und wenn die Welt wirklich allen gehört, ist es

egal, ob jemand hier
geboren wurde oder außerhalb der Grenzen seines eigenen Landes lebt.

Auch meine Nation ist
mitverantwortlich für deren Entwicklung, auch wenn sie dieser

Verantwortung auf
verschiedene Weise gerecht werden kann: indem sie sie großzügig aufnimmt,

wenn sie sich in einer
unvermeidlichen Notlage befinden, indem sie sie in ihren eigenen Ländern

fördert, indem sie nicht
ganze Länder ausbeutet und ihrer natürlichen Ressourcen beraubt und

korrupte Systeme fördert,
die eine würdige Entwicklung dieser Völker behindern. Was für die

Nationen gilt, ist auch in
abgewandelter Form für die verschiedenen Regionen der einzelnen

Länder gültig, zwischen
denen oft gravierende Ungleichheiten auftreten. Aber die Unfähigkeit,

allen die gleiche
Menschenwürde zuzuerkennen, führt manchmal dazu, dass die besser

entwickelten Regionen
bestimmter Länder danach streben, sich vom „Ballast“ der ärmeren

Regionen zu befreien, um
den eigenen Konsum noch weiter steigern zu können.

126. Wir sprechen von einem
neuen Netzwerk in den internationalen Beziehungen, denn es ist

nicht möglich, die ernsten
Probleme der Welt zu lösen, wenn man nur auf der Ebene einer

gegenseitigen Hilfe
zwischen Einzelpersonen oder kleinen Gruppen denkt. Machen wir uns

bewusst, dass die
Ungerechtigkeit nicht nur Einzelne betrifft, sondern ganze Länder. Sie

verpflichtet dazu, über
eine Ethik der internationalen Beziehungen nachzudenken.
[105] Und
die

Gerechtigkeit verlangt die
Anerkennung und Achtung nicht nur der individuellen Rechte, sondern

 38

auch der sozialen Rechte
und der Rechte der Völker.
[106] Das hier gesagte, impliziert auch die

Gewährleistung des
»Grundrechts der Völker auf Erhaltung und Fortschritt«,
[107] was zuweilen

durch den Druck, der von
der Auslandsverschuldung ausgeht, stark beeinträchtigt wird. Die

Abzahlung der Schulden
verlangsamt in vielen Fällen nicht nur die Entwicklung, sondern begrenzt

sie und macht sie stark
abhängig. Auch wenn der Grundsatz bestehen bleibt, dass jede

rechtmäßig aufgenommene
Schuld bezahlt werden muss, darf die Art und Weise, wie viele arme

Länder dieser Pflicht
gegenüber den reichen Ländern nachkommen, nicht dazu führen, dass ihr

Bestand und ihr Wachstum
gefährdet werden.

127. Hier geht es
zweifellos um eine andere Logik. Wenn man sich nicht bemüht, in diese Logik

einzusteigen, werden meine
Worte sich nach Phantasien anhören. Aber wenn man als

grundlegendes Rechtsprinzip
akzeptiert, dass diese Rechte aus der bloßen Tatsache des

Besitzes einer
unveräußerlichen Menschenwürde hervorgehen, kann man die Herausforderung

annehmen, von einer anderen
Menschheit zu träumen und über eine solche nachzudenken. Es ist

möglich, einen Planeten zu
wünschen, der allen Menschen Land, Heimat und Arbeit bietet. Dies

ist der wahre Weg zum
Frieden und nicht die sinnlose und kurzsichtige Strategie, Angst und

Misstrauen gegenüber
äußeren Bedrohungen zu säen. Denn ein wirklicher und dauerhafter

Frieden ist nur möglich »im
Anschluss an eine globale Ethik der Solidarität und Zusammenarbeit

im Dienst an einer Zukunft,
die von der Interdependenz und Mitverantwortlichkeit innerhalb der

ganzen Menschheitsfamilie
von heute und morgen gestaltet wird.«
[108]

 

                                  VIERTES
KAPITEL

                  EIN OFENES HERZ FÜR DIE GANZE
WELT

 

128. Wenn die Überzeugung,
dass wir als Menschen Brüder und Schwestern sind, keine abstrakte

Idee bleiben, sondern
konkret Wirklichkeit werden soll, dann stehen wir vor einer Reihe von

Herausforderungen, die uns
aufrütteln und uns zwingen, neue Perspektiven einzunehmen und

neue Antworten zu
entwickeln.

Die Beschränkung von
Grenzen

129. Wenn der Nächste ein
Migrant ist, ergeben sich komplexe Herausforderungen.
[109] Ideal

wäre es, wenn unnötige
Migration vermieden werden könnte, und das kann erreicht werden,

indem man in den
Herkunftsländern die Bedingungen für ein Leben in Würde und Wachstum

schafft, so dass jeder die
Chance auf eine ganzheitliche Entwicklung hat. Solange es jedoch keine

wirklichen Fortschritte in
diese Richtung gibt, ist es unsere Pflicht, das Recht eines jeden

39

Menschen zu respektieren,
einen Ort zu finden, an dem er nicht nur seinen Grundbedürfnissen

und denen seiner Familie
nachkommen, sondern sich auch als Person voll verwirklichen kann.

Unsere Bemühungen für die
zu uns kommenden Migranten lassen sich in vier Verben

zusammenfassen: aufnehmen,
schützen, fördern und integrieren. In der Tat geht es nicht »darum,

von oben her Hilfsprogramme
zu verordnen, sondern gemeinsam einen Weg zurückzulegen durch

diese vier Vorgehensweisen,
um Städte und Länder aufzubauen, die zwar die jeweilige kulturelle

und religiöse Identität
bewahren, aber offen sind für Unterschiede und es verstehen, diese im

Zeichen der menschlichen
Brüderlichkeit wertzuschätzen«.
[110]

130. Daraus folgen einige
notwendige Konsequenzen insbesondere denen gegenüber, die vor

schweren humanitären Krisen
fliehen. Ich möchte einige Beispiele nennen: es müsste eine

größere Zahl von Visa
ausgestellt werden und die Antragsverfahren müssten vereinfacht werden;

es wären private und
gemeinschaftliche Hilfsprogramme ins Leben zu rufen; für die am stärksten

gefährdeten Flüchtlinge
müssten humanitäre Korridore eingerichtet werden; angemessene und

ordentliche Unterkünfte
müssten zur Verfügung stehen; die persönliche Sicherheit und der Zugang

zu grundlegenden
Dienstleistungen muss gewährleistet sein, ebenso eine angemessene

konsularische Betreuung und
das Recht, jederzeit persönliche Ausweispapiere mit sich führen zu

dürfen, ein
uneingeschränkter Zugang zur Justiz, die Möglichkeit der Eröffnung von
Bankkonten

und die Gewährleistung
aller für den Lebensunterhalt notwendigen Dinge; Bewegungsfreiheit und

die Möglichkeit einer
Arbeit nachzugehen; Minderjährigen ist Schutz und ein geregelter Zugang

zur Bildung zu gewähren;
für sie sind auch Programme vorübergehender Obhut und

Unterbringung wichtig;
Religionsfreiheit ist zu garantieren; soziale Integration zu fördern; die

Familienzusammenführung zu
unterstützen und Gruppierungen vor Ort sollten auf

Integrationsprozesse
vorbereitet werden.
[111]

131. Für diejenigen, die
schon länger angekommen sind und inzwischen Teil des sozialen

Gefüges sind, ist es
wichtig, einen Begriff von „Bürgerrecht“ anzuwenden, der »auf der Gleichheit

der Rechte und Pflichten
[basiert], unter deren Schutz alle die gleiche Gerechtigkeit genießen.

Das erfordert
notwendigerweise den Einsatz dafür, dass in unseren Gesellschaften das Konzept

des vollen Bürgerrechts
festgelegt und auf eine diskriminierende Verwendung des Begriffs

Minderheiten verzichtet wird. Denn diese sät Gefühle der Isolation
und der Minderwertigkeit,

bereitet Feindseligkeit und
Zwietracht den Boden und beraubt durch Diskriminierung einen Teil der

Bürgerschaft einiger
religiöser oder ziviler Errungenschaften und Rechte«.
[112]

132. Über die verschiedenen
unverzichtbaren Maßnahmen hinaus können die Staaten allein keine

angemessenen Lösungen
entwickeln, »denn die Konsequenzen der Entscheidungen eines jeden

fallen unvermeidlich auf
die gesamte internationale Gemeinschaft zurück«. Deshalb können »die

Antworten nur das Ergebnis
einer gemeinsamen Arbeit sein«,
[113] indem eine umfassende

Gesetzgebung (governance)
für Migration geschaffen wird. In jedem Fall besteht die

Notwendigkeit, dass
»mittel- und langfristige Pläne aufgestellt werden müssen, die über den

Notbehelf hinausgehen. Sie
müssten einerseits wirklich die Eingliederung der Migranten in die
                                                                                        40

Aufnahmeländer fördern und
andererseits zugleich die Entwicklung in den Herkunftsländern

begünstigen mit
solidarischen politischen Programmen, die jedoch die Hilfen nicht von
Strategien

und Verfahren abhängig
machen, die den Kulturen der Völker, an die sie sich richten, ideologisch

fremd sind oder zu ihnen im
Widerspruch stehen«.
[114]

Die gegenseitigen Gaben

133. Die Ankunft
verschiedener Menschen, die aus anderen Lebenskontexten und kulturellen

Zusammenhängen kommen, wird
zu einer Chance, denn die Geschichten der Migranten sind

auch Geschichten von
»Begegnungen zwischen Menschen und Kulturen: Für die Gemeinden und

Gesellschaften, in denen
sie ankommen, sind sie eine Chance zur Bereicherung und fördern die

ganzheitliche menschliche
Entwicklung aller«.
[115] Deshalb »bitte ich vor allem die
Jugendlichen,

nicht auf diejenigen
hereinzufallen, die versuchen, gegen junge Migranten zu hetzen, indem sie so

beschrieben werden, als
seien sie gefährlich und als hätten sie nicht die gleiche unveräußerliche

Würde wie jeder Mensch«.[116]

134. Wenn man einen anderen
Menschen herzlich aufnimmt, ermöglicht ihm das, weiterhin er

selbst zu sein und sich
zugleich weiterzuentwickeln. Die verschiedenen Kulturen, die im Laufe der

Jahrhunderte ihren Reichtum
hervorgebracht haben, müssen bewahrt werden, damit die Welt

nicht verarmt. Zugleich
sollten sie unbedingt motiviert werden, in der Begegnung mit anderen

Wirklichkeiten etwas Neues
entstehen zu lassen. Die Gefahr, Opfer einer „kulturellen Sklerose“ zu

werden, darf nicht
ignoriert werden. Deshalb ist es »nötig, dass wir miteinander reden, die

Reichtümer eines jeden
entdecken, zur Geltung bringen, was uns verbindet, und auf die

Unterschiede blicken als
eine Möglichkeit, im Respekt gegenüber allen zu wachsen. Ein

geduldiger und
vertrauensvoller Dialog ist notwendig, so dass die Menschen, die Familien und
die

Gemeinschaften die Werte
ihrer eigenen Kultur vermitteln und das Gute, das von der Erfahrung

anderer kommt, aufnehmen
können.«
[117]

135. Ich greife ein paar
Beispiele auf, die ich bereits vor einiger Zeit erwähnt habe: Die Kultur der

Latinos ist »ein Ferment
von Werten und Möglichkeiten, die den Vereinigten Staaten vielleicht

sehr gut täten. […] Eine
starke Einwanderung prägt und verändert letztlich immer die Kultur eines

Ortes. In Argentinien hat
die starke italienische Einwanderung die Kultur der Gesellschaft geprägt,

und in der Kultur von
Buenos Aires bemerkt man deutlich, dass dort etwa zweihunderttausend

Juden leben. Einwanderer
sind, wenn man ihnen bei der Integration hilft, ein Segen, ein Reichtum

und ein neues Geschenk, das
eine Gesellschaft einlädt sich weiterzuentwickeln«.
[118]

136. In einem weiteren
Zusammenhang erinnerte ich gemeinsam mit dem Großimam Ahmad Al-

Tayyeb daran, dass »die
Beziehung zwischen dem Westen und dem Osten von gegenseitiger

Notwendigkeit ist und weder
ersetzt noch vernachlässigt werden kann, damit beide durch den

Austausch und Dialog der
Kulturen sich gegenseitig kulturell bereichern. Der Westen könnte in der

Kultur des Ostens
Heilmittel für einige seiner geistigen und religiösen Krankheiten finden, die
von

41

der Vorherrschaft des
Materialismus hervorgerufen wurden. Und der Osten könnte in der Kultur

des Westens viele Elemente
finden, die ihm hilfreich sind, sich von der Schwachheit, der

Spaltung, dem Konflikt und
vor dem wissenschaftlichen, technischen und kulturellen Abstieg zu

retten. Es ist wichtig, den
religiösen, kulturellen und historischen Unterschieden Aufmerksamkeit

zu schenken, die ein
wesentlicher Bestandteil in der Bildung der Persönlichkeit, der Kultur und der

Zivilisation des Ostens
sind. Es ist auch wichtig, die allgemeinen gemeinsamen Menschenrechte

zu festigen, um dazu
beizutragen, ein würdiges Leben für alle Menschen im Westen und im Osten

zu gewährleisten, wobei der
Rückgriff auf eine doppelte Politik vermieden werden muss«.
[119]

Fruchtbarer Austausch

137. Gegenseitige Hilfe
zwischen Ländern kommt letztlich allen zugute. Ein Land, das sich auf der

Grundlage seiner
ursprünglichen Kultur weiterentwickelt, ist wertvoll für die gesamte
Menschheit.

Wir müssen das Bewusstsein
dafür schärfen, dass wir die Probleme unserer Zeit nur gemeinsam

oder gar nicht bewältigen
werden. Armut, Verfall und die Leiden eines Teils der Erde sind ein

stillschweigender Nährboden
für Probleme, die letztlich den ganzen Planeten betreffen. Wenn uns

das Aussterben bestimmter
Arten Sorgen bereitet, sollte uns erst recht der Gedanke beunruhigen,

dass es überall Menschen
und Völker gibt, die ihr Potenzial und ihre Schönheit aufgrund von

Armut oder anderen
strukturellen Grenzen nicht entfalten können. Denn dies führt letztendlich zur

Verarmung von uns allen.

138. Dies war schon immer
bekannt, doch heute, in einer Welt, die durch die Globalisierung so

sehr miteinander verbunden
ist, ist es offensichtlicher denn je. Wir brauchen eine rechtliche,

politische und
wirtschaftliche Weltordnung, »die die internationale Zusammenarbeit auf die

solidarische Entwicklung
aller Völker hin fördert und ausrichtet«.
[120] Dies kommt letztlich
dem

ganzen Planeten zugute,
denn »Entwicklungshilfe für die armen Länder« bedeutet

»Vermögensschaffung für
alle«.
[121] Unter dem Gesichtspunkt ganzheitlicher
Entwicklung setzt

dies voraus, dass »auch den
ärmeren Nationen eine wirksame Stimme in den gemeinschaftlichen

Entscheidungen zuerkannt
wird«
[122] und dass Anstrengungen unternommen werden,
»den von

Armut und Unterentwicklung
gezeichneten Ländern Zugang zum internationalen Markt zu

verschaffen«.[123]

Unentgeltliche Annahme

139. Ich möchte diesen
Ansatz jedoch nicht auf irgendeine Form von Utilitarismus reduzieren. Es

gibt nämlich auch die Unentgeltlichkeit,
die Fähigkeit, bestimmte Dinge einfach deshalb zu tun,

weil sie an sich gut sind,
ohne dass man dabei auf irgendeinen Ertrag hofft oder sofort eine

Gegenleistung erwartet. So
ist es möglich, den Fremden aufzunehmen, auch wenn es im Moment

keinen unmittelbaren Nutzen
bringt. Dennoch gibt es Länder, die für sich beanspruchen, nur

Wissenschaftler und
Investoren aufzunehmen.

42

140. Diejenigen, die keine
solche geschwisterliche Uneigennützigkeit üben, machen ihr ganzes

Dasein zu einem mühseligen
Geschäft, weil sie das, was sie geben, immerzu gegen das

aufrechnen, was sie als
Gegenleistung erhalten. Gott aber gibt unentgeltlich, und das geht so weit,

dass er selbst denen hilft,
die nicht treu sind, und »seine Sonne aufgehen [lässt] über Bösen und

Guten« (Mt 5,45). Deshalb
empfiehlt Jesus: »Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht

wissen, was deine rechte
tut, damit dein Almosen im Verborgenen bleibt« (Mt 6,3-4). Wir haben

unser Leben geschenkt
bekommen, wir haben nicht dafür bezahlt. Wir alle können also etwas

geben, ohne etwas dafür zu
erwarten, wir können Gutes tun, ohne von der Person, der wir helfen,

dasselbe zu verlangen. Eben
das sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Umsonst habt ihr empfangen,

umsonst sollt ihr geben«
(Mt 10,8).

141. Wie es um die
verschiedenen Länder der Welt wirklich bestellt ist, lässt sich an dieser

Fähigkeit abmessen, nicht
nur an das eigene Land, sondern an die ganze Menschheitsfamilie zu

denken, und das wird
besonders in kritischen Zeiten offenbar. In sich verschlossene

Nationalismen manifestieren
eine Unfähigkeit, unentgeltlich zu geben, und die irrige Überzeugung,

dass sie vom Niedergang der
anderen profitieren können und dass sie sicherer leben, wenn sie

sich anderen gegenüber
abschotten. Der Einwanderer wird als Usurpator gesehen, der nichts

bringt. So kommt man zu der
naiven Auffassung, dass die Armen gefährlich oder nutzlos und die

Mächtigen großzügige
Wohltäter sind. Nur eine soziale und politische Kultur, die eine Aufnahme

ohne Gegenleistung
einschließt, wird eine Zukunft haben.

Lokal und universal

142. Es sei daran erinnert,
dass »zwischen der Globalisierung und der Lokalisierung [eine

Spannung entsteht]. Man
muss auf die globale Dimension achten, um nicht in die alltägliche

Kleinlichkeit zu fallen.
Zugleich ist es nicht angebracht, das, was ortsgebunden ist und uns mit

beiden Beinen auf dem Boden
der Realität bleiben lässt, aus dem Auge zu verlieren. Wenn die

Pole miteinander vereint
sind, verhindern sie, in eines der beiden Extreme zu fallen: das eine,

dass die Bürger in einem
abstrakten und globalisierenden Universalismus leben […]; das andere,

dass sie ein
folkloristisches Museum ortsbezogener Eremiten werden, die dazu verurteilt
sind,

immer dieselben Dinge zu
wiederholen, unfähig, sich von dem, was anders ist, hinterfragen zu

lassen und die Schönheit zu
bewundern, die Gott außerhalb ihrer Grenzen verbreitet«.
[124] Wir

müssen auf das Globale
schauen, das uns von einem beschaulichen Provinzialismus erlöst. Wenn

unser Zuhause nicht mehr
Heimat ist, sondern einem Gehege oder einer Zelle gleicht, dann befreit

uns das Globale, weil es
uns auf die Fülle hin orientiert. Gleichzeitig muss uns die lokale

Dimension am Herzen liegen,
denn sie besitzt etwas, was das Globale nicht hat: sie ist Sauerteig,

sie bereichert, sie setzt
subsidiäre Maßnahmen in Gang. Daher sind die universale

Geschwisterlichkeit und die
soziale Freundschaft im Inneren jeder Gesellschaft zwei untrennbare

und gleichwichtige Pole.
Trennt man sie voneinander, führt dies zu Deformierung und schädlicher

Polarisierung.

43

Lokalkolorit

143. Eine Offenheit, die
ihr Wertvollstes preisgibt, ist nicht die Lösung. So wie es ohne persönliche

Identität keinen Dialog mit
anderen gibt, so gibt es auch keine Offenheit zwischen den Völkern

ohne die Liebe zum eigenen
Land und seinen Menschen sowie zu ihren jeweiligen kulturellen

Eigenheiten. Ich begegne
dem anderen nicht, wenn ich keinen Nährboden habe, in dem ich fest

verwurzelt bin, denn auf
dieser Grundlage kann ich das Geschenk des anderen annehmen und

ihm etwas Authentisches
anbieten. Man kann die anderen nur dann annehmen und ihren

spezifischen Beitrag
anerkennen, wenn man selbst fest mit dem eigenen Volk und seiner Kultur

verbunden ist. Jeder liebt
sein Land, verspürt eine besondere Verantwortung diesem gegenüber

und kümmert sich darum, so
wie jeder sein Zuhause lieben und pflegen muss, damit es nicht

zusammenbricht, denn die
Nachbarn werden das nicht tun. Das Wohl der Welt erfordert ebenfalls,

dass jeder sein eigenes
Land schützt und liebt. Andernfalls werden die Probleme der einzelnen

Länder Auswirkungen auf den
gesamten Planeten haben. Dies beruht auf der positiven

Bedeutung des Rechts auf
Eigentum: Ich bewahre und pflege etwas, das ich besitze, so dass es

allen zum Wohl gereicht.

144. Außerdem ist dies
Voraussetzung für einen gesunden und bereichernden Austausch. Die

Erfahrung, an einem
bestimmten Ort und in einer bestimmten Kultur zu leben, ist die Grundlage,

die es ermöglicht, Aspekte
der Wirklichkeit zu erfassen, die diejenigen, die keine solche Erfahrung

haben, nicht so leicht
begreifen können. Das Universale darf nicht zu einer homogenen,

einheitlichen und
standardisierten Domäne einer einzigen vorherrschenden Kulturform werden, die

irgendwann die Farben des
Polyeders verliert und dann abstoßend wirkt. Das ist die Versuchung,

von der die uralte
Geschichte des Turmbaus zu Babel handelt. Der Bau eines Turms, der bis in

den Himmel ragen sollte,
drückte nicht die Einheit unter den verschiedenen Völkern aus, die in der

Lage waren, entsprechend
ihrer Verschiedenheit zu kommunizieren. Im Gegenteil, es war der

irrige und aus menschlichem
Stolz und Ehrgeiz stammende Versuch, eine andere Art von Einheit

zu schaffen als die, die
Gott für die Völker vorgesehen hatte (vgl. Gen 11,1-9).

145. Es gibt eine falsche
Offenheit für das Universale, die von der leeren Oberflächlichkeit

derjenigen herrührt, die
nicht in der Lage sind, ihr eigenes Heimatland wirklich zu verstehen, oder

von denen, die einen nicht
überwundenen Groll gegen ihr eigenes Volk hegen. Auf jeden Fall

müssen wir »immer den Blick
weiten, um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen

bringt. Das darf allerdings
nicht den Charakter einer Flucht oder einer Entwurzelung haben. Es ist

notwendig, die Wurzeln in
den fruchtbaren Boden zu senken und in die Geschichte des eigenen

Ortes, die ein Geschenk
Gottes ist. Man arbeitet im Kleinen, mit dem, was in der Nähe ist, jedoch

mit einer weiteren
Perspektive. […] Das ist weder die globale Sphäre, die letztlich
marginalisiert,

noch die isolierte
Besonderheit, die unfruchtbar macht«,
[125] sondern das ist der Polyeder, bei

dem zwar jeder einzelne
Teil in seinem Wert respektiert wird und zugleich »das Ganze mehr ist

als die Teile, und […] auch
mehr als ihre bloße Summe«.
[126]
                                                                                        44

Der universale Horizont

146. Es gibt einen „lokalen
Narzissmus“, der nicht Ausdruck einer gesunden Liebe zum eigenen

Volk und zur eigenen Kultur
ist. Hinter diesem Phänomen verbirgt sich ein verschlossener Geist,

der aus einer gewissen
Unsicherheit und Furcht vor dem Anderen lieber Mauern errichtet, um sich

zu schützen. Man kann
jedoch nicht auf gesunde Weise lokal denken ohne eine aufrichtige und

von Herzen kommende
Offenheit für das Universale, ohne sich von dem, was anderswo

geschieht, hinterfragen zu
lassen, ohne sich von anderen Kulturen bereichern zu lassen oder sich

mit den Nöten anderer
Völker zu solidarisieren. Ein solch unguter Lokalpatriotismus ist zwanghaft

auf einige wenige Ideen,
Bräuche und Gewissheiten beschränkt. Er ist unfähig, die vielen

Möglichkeiten und all das
Schöne überall auf der Welt zu sehen, und es fehlt ihm an authentischer

und großzügiger
Solidarität. In dieser Form ist heimatverbundenes Leben nicht mehr empfänglich,

es lässt sich von anderen
nicht mehr ergänzen und schränkt sich so in seinen

Entwicklungsmöglichkeiten
ein, wird unbeweglich und krank. Denn in Wirklichkeit ist jede gesunde

Kultur von Natur aus offen
und einladend, ja, man kann sagen, dass »eine Kultur ohne universale

Werte keine echte Kultur
ist«.
[127]

147. Wir stellen fest: Je
weniger Weite ein Mensch in seinem Denken und Empfinden besitzt,

desto weniger wird er in
der Lage sein, die ihn unmittelbar umgebende Wirklichkeit zu deuten.

Ohne die Beziehung und
Auseinandersetzung mit denen, die anders sind, ist es schwierig, ein

klares und vollständiges
Wissen über sich selbst und das eigene Land zu erlangen, denn andere

Kulturen sind keine Feinde,
gegen die man sich verteidigen muss, sondern spiegeln auf

verschiedene Weise den
unerschöpflichen Reichtum menschlichen Lebens wider. Indem man sich

selbst aus der Perspektive
des anderen, des Fremden betrachtet, kann jeder die Eigenheiten der

eigenen Person und Kultur
besser erkennen: ihren Reichtum, ihre Möglichkeiten, aber auch ihre

Grenzen. Die Erfahrung, die
an einem Ort gemacht wird, kann sich nur „in Kontrast zu“ und „in

Übereinstimmung mit“ den
Erfahrungen anderer Menschen weiterentwickeln, die in anderen

kulturellen Kontexten
leben.
[128]

148. Tatsächlich steht eine
gesunde Offenheit nie im Gegensatz zur eigenen Identität. Eine

lebendige Kultur, die sich
um neue Elemente fremder Herkunft bereichert, wird diese nie einfach

nur kopieren oder
wiederholen, sondern sie wird sich das Neue auf ihre Art und Weise zu eigen

machen. Dies führt zur
Entstehung einer neuen Synthese, die letztlich allen zugutekommt, da die

Kultur, in der diese
Beiträge ihren Ursprung haben, selbst davon profitiert. Deshalb habe ich die

indigenen Völker
aufgefordert, ihre angestammten Wurzeln und Kulturen zu bewahren, wollte

zugleich aber auch
klarstellen, dass es nicht meine Absicht war, »einen völlig geschlossenen,

ahistorischen, statischen
Indigenismus voranzutreiben, der jede Form der Vermischung ablehnt«,

denn »die eigene kulturelle
Identität wurzelt im Dialog mit denen, die anders sind, und wird durch

ihn bereichert. Echte
Bewahrung ist keine verarmende Isolation«.
[129] Die Welt wächst und
füllt

sich jenseits jeder
kulturellen Vereinnahmung aufgrund immer weiterer Synthesen verschiedener

Kulturen mit neuer
Schönheit.

45

149. Um ein gesundes
Verhältnis zwischen der Liebe zum eigenen Land und der inneren

Verbundenheit mit der gesamten
Menschheit zu fördern, ist es vielleicht hilfreich, sich daran zu

erinnern, dass die
„Weltgesellschaft“ nicht einfach aus der Summe der verschiedenen Länder

besteht, sondern dass sie
vielmehr die Gemeinschaft selbst ist, die zwischen diesen besteht; sie

ist die gegenseitige
Inklusion, die der Entstehung der einzelnen Gruppierungen vorausgeht. Jede

Gruppe von Menschen ist ein
Teil dieses Geflechts universaler Gemeinschaft und findet dort zu

ihrer je eigenen Schönheit.
Daher weiß jeder Mensch, der in ein bestimmtes Gefüge

hineingeboren wurde, dass
er oder sie zu einer größeren Familie gehört, ohne die es nicht

möglich ist, sich selbst
wirklich zu verstehen.

150. Letztlich erfordert
dieser Ansatz, dass wir freudig akzeptieren, dass kein Volk, keine Kultur

oder Person sich selbst
genügen kann. Die anderen sind konstitutiv notwendig für den Aufbau

eines erfüllten Lebens. Das
Bewusstsein der eigenen Grenzen und der eigenen Begrenztheit wird,

weit davon entfernt, eine
Bedrohung zu sein, zum Schlüssel für die Vision und die Entwicklung

gemeinsamer Projekte. Denn
»der Mensch ist das Grenzwesen, das keine Grenze hat«.
[130]

Aus der eigenen Region

151. Dank des regionalen
Austauschs, der den schwächeren Ländern einen Zugang zur ganzen

Welt eröffnet, ist es
möglich, dass sich deren Besonderheiten nicht in der Universalität auflösen.

Eine angemessene und echte
Weltoffenheit setzt die Fähigkeit voraus, sich dem Nächsten in einer

Familie von Nationen zu
öffnen. Die kulturelle, wirtschaftliche und politische Integration mit den

umliegenden Völkern sollte
von einem Bildungsprozess begleitet werden, der den Wert einer

freundschaftlichen
Nachbarschaft fördert, die eine erste unverzichtbare Übung zur Erlangung

einer gesunden universalen
Integration darstellt.

152. In einigen
ursprünglichen Gegenden ist der Geist der „Nachbarschaft“ noch lebendig, wo
sich

jeder spontan verpflichtet
fühlt, seinen Nachbarn zu begleiten und ihm beizustehen. An diesen

Orten, die solche
Gemeinschaftswerte bewahren, werden nachbarschaftliche Beziehungen gelebt,

die geprägt sind von
Unentgeltlichkeit, Solidarität und Gegenseitigkeit, die auf ein lokales Wir-

Gefühl zurückgehen.[131] Es
wäre wünschenswert, dass so etwas auch unter Nachbarländern

gelebt werden könnte, die in
der Lage sind, eine herzliche Nähe zwischen ihren Völkern

aufzubauen. Aber
individualistische Sichtweisen übertragen sich auf die Beziehungen zwischen

den Ländern. Das Risiko
eines Lebens in gegenseitiger Abschottung, weil man den anderen als

Konkurrenten oder
gefährlichen Feind betrachtet, wird auf die Beziehung zu den Völkern der

Region übertragen.
Vielleicht wurden wir in dieser Angst und diesem Misstrauen erzogen.

153. Es gibt mächtige
Länder und große Konzerne, die von dieser Isolation profitieren und es

vorziehen, mit jedem Land
einzeln zu verhandeln. Für kleine oder arme Länder gibt es jedoch die

Alternative, regionale
Vereinbarungen mit ihren Nachbarn zu treffen, die es ihnen ermöglichen, en

bloc zu verhandeln und zu vermeiden, dass sie zu marginalen
Segmenten werden, die von den

46

Großmächten abhängig sind.
Heute ist kein isolierter Nationalstaat in der Lage, das Gemeinwohl

seiner Bevölkerung zu gewährleisten.

                                FÜNFTES KAPITEL

                                DIE BESTE
POLITIK


 

154. Um die Entwicklung
einer weltweiten Gemeinschaft zu ermöglichen, in der eine

Geschwisterlichkeit unter
den die soziale Freundschaft lebenden Völkern und Nationen herrscht,

braucht es die beste
Politik im Dienst am wahren Gemeinwohl. Leider nimmt jedoch heute die

Politik oftmals Formen an,
die den Weg zu einer andersgearteten Welt behindern.

Populismus und Liberalismus

155. Die Verachtung für
Schwache kann sich hinter populistischen Formen verstecken, die sie

demagogisch für ihre Zwecke
benutzen, oder aber hinter liberalen Formen im Dienst an den

wirtschaftlichen Interessen
der Mächtigen. In beiden Fällen handelt es sich um die Schwierigkeit,

sich eine offene Welt
vorzustellen, in der es Platz für alle gibt, die Schwächsten

miteingeschlossen, und in
der die verschiedenen Kulturen respektiert werden.

Populär oder populistisch

156. In den letzten Jahren
hat der Ausdruck „Populismus“ oder „populistisch“ die

Kommunikationsmittel und
die Sprache insgesamt erobert. Damit verliert er den Wert, den er

haben könnte, und wird zu
einer der Polaritäten der gespaltenen Gesellschaft. Dies geht soweit,

alle Personen, Gruppen,
Gesellschaften und Regierungen ausgehend von einer Schwarz-Weiß-

Einteilung klassifizieren
zu wollen: „populistisch“ oder „nicht populistisch“. Niemand kann sich

mehr zu irgendeinem Thema
äußern, ohne dass versucht wird, ihn einem dieser beiden Pole

zuzuordnen, entweder um ihn
ungerechterweise zu diskreditieren oder um ihn auf übertriebene

Weise zu verherrlichen.

157. Der Anspruch, den
Populismus als Interpretationsschlüssel für die soziale Wirklichkeit zu

verwenden, hat eine weitere
Schwäche: er vergisst die Legitimität des Volksbegriffs. Der Versuch,

diese Kategorie aus dem
Sprachgebrauch verschwinden zu lassen, könnte dazu führen, das Wort

„Demokratie“ – nämlich die
„Herrschaft des Volkes“ – selbst auszulöschen. Aber der Begriff „Volk“

ist notwendig, um
auszusagen, dass die Gesellschaft mehr ist als die bloße Summe von

Individuen. Tatsächlich
gibt es soziale Phänomene, welche die Mehrheiten strukturieren. Es gibt

Megatrends und
gemeinschaftliche Bestrebungen; ferner kann man an gemeinsame Ziele über die

Differenzen hinaus denken,
um vereint ein geteiltes Projekt umzusetzen; schließlich ist es sehr

47

schwierig, etwas Großes langfristig
zu planen, wenn man nicht erreicht, dass es zu einem

kollektiven Traum wird. All
dies findet seinen Ausdruck im Substantiv „Volk“ oder im Adjektiv

„populär“. Wenn man sie
nicht verwenden würde – zusammen mit einer handfesten Kritik an der

Demagogie –, würde man auf
einen grundlegenden Aspekt der sozialen Wirklichkeit verzichten.

158. Es gibt nämlich ein
Missverständnis. »Volk ist keine logische Kategorie, es ist auch keine

mystische Kategorie in dem
Sinne, dass alles, was das Volk tut, gut wäre oder dass das Volk eine

engelsgleiche Kategorie
wäre. Aber das ist falsch! Es ist bestenfalls eine mythische Kategorie. […]

Wenn du erklärst, was ein
Volk ist, dann benutzt du logische Kategorien, weil du es eben erklären

musst: Natürlich, die braucht
man. Aber dann erklärst du nicht, was das für ein Gefühl ist, zu

einem Volk dazuzugehören.
Das Wort „Volk“ hat noch etwas an sich, das man nicht logisch

erklären kann. Teil des
Volkes zu sein heißt, Teil einer gemeinsamen Identität aus sozialen und

kulturellen Bindungen zu
sein. Und das geschieht nicht automatisch, im Gegenteil: es ist ein

langsamer, schwieriger
Prozess … auf ein gemeinsames Projekt zu«.
[132]

159. Es gibt volksnahe
Anführer, die fähig sind, das Volksempfinden zu interpretieren wie auch

seine kulturelle Dynamik
und die großen Tendenzen einer Gesellschaft. Der Dienst, den sie durch

das Zusammenführen und
Leiten leisten, kann die Grundlage für ein dauerhaftes Projekt der

Umwandlung und des
Wachstums sein. Das schließt die Bereitschaft mit ein, auf der Suche nach

dem Gemeinwohl zugunsten
anderer auf seinen Posten zu verzichten. Aber dieser Dienst

verkommt zu einem
ungesunden Populismus, wenn er sich in die Fähigkeit verwandelt,

Zustimmung zu erzielen, nur
um unter welchen ideologischen Vorzeichen auch immer die Kultur

des Volkes politisch zu
instrumentalisieren, damit sie persönlichen Plänen und dem Machterhalt

dient. Andere Male wird auf
Popularitätsgewinn gezielt, indem die niedrigsten und egoistischen

Neigungen einiger Gruppierungen
der Gesellschaft geschürt werden. Dies ist noch

schwerwiegender, wenn es in
groben oder subtilen Formen zu einer Unterordnung der

Institutionen und der
Legalität führt.

160. Die geschlossenen
populistischen Gruppen verzerren das Wort „Volk“. Wovon sie reden, ist

nämlich in Wirklichkeit
kein echtes Volk. In der Tat ist die Kategorie „Volk“ offen. Ein lebendiges,

dynamisches Volk mit
Zukunft ist jenes, das beständig offen für neue Synthesen bleibt, indem es

in sich das aufnimmt, was
verschieden ist. Dazu muss es sich nicht selbst verleugnen, sondern

bereit sein, in Bewegung
gesetzt zu werden und sich der Diskussion zu stellen, erweitert zu

werden, von anderen
bereichert. Auf diese Weise kann es sich weiterentwickeln.

161. Eine weitere entartete
Form der Führungsrolle im Volk ist die Suche nach dem unmittelbaren

Interesse. Man antwortet
auf Bedürfnisse des Volkes, um sich Stimmen oder Unterstützung zu

sichern, aber ohne in einem
mühsamen, kontinuierlichen Einsatz voranzuschreiten, der den

Personen die Ressourcen für
ihre Entwicklung bietet, um ihr Leben mit ihren Initiativen und ihrer

Kreativität zu gestalten.
In diesem Sinn habe ich klar zum Ausdruck gebracht, dass es »mir völlig

[fernliegt], einen
unverantwortlichen Populismus vorzuschlagen«.
[133] Einerseits verlangt
die

48

Überwindung der sozialen
Ungerechtigkeit, die Wirtschaft zu fördern und die Potentialitäten jeder

Region Frucht bringen zu
lassen und so eine nachhaltige soziale Gerechtigkeit zu

gewährleisten.[134] Andererseits
sollten »die Hilfsprojekte, die einigen dringlichen Erfordernissen

begegnen, […] nur als
provisorische Maßnahmen angesehen werden«.
[135]

162. Das große Thema ist
die Arbeit. Das bedeutet wirklich volksnah – weil es das Wohl des

Volkes fördert –, wenn
allen die Möglichkeit garantiert wird, die Samen aufkeimen zu lassen, die

Gott in jeden hineingelegt
hat, seine Fähigkeiten, seine Initiative, seine Kräfte. Dies ist die beste

Hilfe für einen Armen, der
beste Weg zu einer würdigen Existenz. Daher möchte ich betonen:

»Den Armen mit Geld zu
helfen muss in diesem Sinn immer eine provisorische Lösung sein, um

den Dringlichkeiten
abzuhelfen. Das große Ziel muss immer sein, ihnen mittels Arbeit ein würdiges

Leben zu ermöglichen«.[136]Auch
wenn sich die Produktionssysteme verändern, darf die Politik

nicht auf das Ziel einer
Gesellschaftsorganisation verzichten, die es jeder Person ermöglicht, sich

mit ihren Fähigkeiten und Initiativen
einzubringen. Denn es »existiert keine schlimmere Armut als

die, welche dem Menschen
die Arbeit und die Würde der Arbeit nimmt«.
[137] In einer wirklich

entwickelten Gesellschaft
ist die Arbeit eine unverzichtbare Dimension des gesellschaftlichen

Lebens, weil sie nicht nur
eine Art ist, sich das Brot zu verdienen, sondern auch ein Weg zum

persönlichen Wachstum, um
gesunde Beziehungen aufzubauen, um sich selbst auszudrücken,

um Gaben zu teilen, um sich
mitverantwortlich für die Vervollkommnung der Welt zu fühlen und

um schließlich als Volk zu
leben.

Werte und Grenzen der liberalen Sichtweisen

163. Die Kategorie des
Volkes mit ihrer positiven Wertung der gemeinschaftlichen und kulturellen

Bindungen wird für
gewöhnlich von den liberalen individualistischen Visionen abgelehnt, innerhalb

derer die Gesellschaft als
eine bloße Summe von koexistierenden Interessen betrachtet wird. Sie

sprechen von der Achtung
der Freiheit, aber ohne die Wurzel eines gemeinsamen sprachlichen

Hintergrunds. In bestimmten
Kontexten wird oftmals des Populismus bezichtigt, wer aller die

Rechte der Schwächsten in
der Gesellschaft verteidigt. Für diese Sichtweisen ist die Kategorie

des Volkes eine
Mythologisierung von etwas, was es in Wirklichkeit nicht gibt. Aber hier
entsteht

eine unnötige
Polarisierung: weder jene des Volkes noch jene des Nächsten sind rein mythische

oder romantische
Kategorien, welche die gesellschaftliche Organisation, die Wissenschaft und die

Institutionen der
Zivilgesellschaft ausschließen oder verachten.
[138]

164. Die Liebe vereint
beide Dimensionen – die mythische und die institutionelle –, weil sie einen

wirksamen Weg der
Verwandlung der Geschichte beinhaltet, der vorwiegend alles miteinbeziehen

muss: die Institutionen,
das Recht, die Technik, die Erfahrung, professionelle Unterstützung,

wissenschaftliche Analyse,
die Verwaltungsprozesse. In der Tat gibt es »kein Privatleben, wenn

es nicht von einer
öffentlichen Ordnung geschützt wird; ein Heim besitzt keine Behaglichkeit, wenn

es nicht unter dem Schutz
des Gesetzes steht und sich auf stabile Verhältnisse stützen kann, die

auf dem Gesetz und der
Staatsgewalt gründen und einen Mindestwohlstand antreffen, der von der

                   49

Arbeitsteilung, von den
Handelsbeziehungen, von der sozialen Gerechtigkeit und dem politischen

Bürgersinn gesichert wird«.[139]

165. Die wahre Liebe ist
fähig, all dies in ihr Engagement einzuschließen. Auch wenn sie sich in

der Begegnung von Person zu
Person ausdrücken muss, so kann sie dennoch einen entfernten

Bruder oder eine gar
vergessene Schwester durch die verschiedenen Ressourcen erreichen, die

die Institutionen einer
organisierten, freien und kreativen Gesellschaft schaffen können. So

brauchte zum Beispiel auch
der barmherzige Samariter ein Gasthaus zur Unterstützung, weil er es

momentan nicht allein
schaffen konnte. Die Nächstenliebe ist realistisch und verschleudert nichts

von dem, was für eine
Verwandlung der Geschichte nötig ist, die auf das Wohl der Letzten

ausgerichtet ist.
Andererseits gibt es zuweilen linke Ideologien oder soziale Doktrinen, die mit

individualistischen
Gewohnheiten und unwirksamen Vorgehensweisen einhergehen und nur

wenige erreichen. In der Zwischenzeit
bleibt das Gros der Verlassenen dem eventuellen guten

Willen von Einzelnen
ausgeliefert. Dies zeigt, dass nicht nur eine Spiritualität der

Geschwisterlichkeit wachsen
muss, sondern zugleich eine weltweite wirksamere Organisation zur

Lösung der drängenden
Probleme der Verlassenen, die in den armen Ländern leiden und sterben.

Dies schließt wiederum ein,
dass es nicht nur einen möglichen Ausweg gibt, eine einzig

annehmbare Methode, ein
wirtschaftliches Rezept, das gleichermaßen auf alle angewendet

werden kann, und es setzt
voraus, dass auch die rigoroseste Wissenschaft verschiedene Wege

aufzeigen kann.

166. All dies wäre aber nur
Flickwerk, wenn wir die Unverzichtbarkeit eines Wandels im Herzen

der Menschen, in den
Gewohnheiten und den Lebensstilen vergessen. Dies geschieht, wenn

politische Propaganda,
Medien und die öffentlichen Meinungsmacher angesichts der

ökonomischen Interessen
ohne Regeln und der Organisation der Gesellschaften im Dienst an den

bereits zu mächtigen
weiterhin eine individualistische, naive Kultur fördern. Daher bedeutet meine

Kritik am technokratischen
Paradigma nicht, dass wir nur durch die Kontrolle der Exzesse sicher

sein können. Die größte
Gefahr besteht vielmehr nicht in den Sachen, in den materiellen

Wirklichkeiten, in den
Organisationen, sondern in der Art und Weise, in der die Menschen sie

benützen. Das Problem ist
die menschliche Schwachheit, die beständige menschliche Tendenz

zum Egoismus, der Teil
dessen ist, was die christliche Tradition „Begierlichkeit“ nennt: die

Neigung des Menschen, sich
in der Immanenz des eigenen Ichs zu verschließen, seiner Gruppe,

seiner armseligen
Interessen. Diese Begierlichkeit ist kein Fehler unserer Epoche. Sie gibt es,
seit

der Mensch existiert. Sie
wandelt sich einfach und nimmt im Lauf der Jahrhunderte verschiedene

Formen an, indem sie die
Werkzeuge verwendet, die ihr der historische Augenblick zur Verfügung

stellt. Aber mit Gottes
Hilfe ist es möglich, sie zu beherrschen.

167. Der Einsatz für
Bildung, die Entwicklung solidarischer Haltungen, die Fähigkeit, das

menschliche Leben
ganzheitlicher zu begreifen, die spirituelle Tiefe sind notwendig, um den

menschlichen Beziehungen
Qualität zu verleihen, damit die Gesellschaft selbst auf ihre

Ungerechtigkeiten, Verirrungen
sowie Machtmissbräuche in wirtschaftlichen, technologischen,

50

politischen und medialen
Bereichen reagieren kann. Es gibt liberale Sichtweisen, die diesen

Faktor der menschlichen
Zerbrechlichkeit übersehen und sich eine Welt vorstellen, die einer

bestimmten Ordnung folgt
und fähig ist, aus sich selbst heraus die Zukunft und die Lösung aller

Probleme zu garantieren.

168. Der Markt allein löst
nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des

neoliberalen Credos
glaubhaft machen will. Es handelt sich um eine schlichte, gebetsmühlenartig

wiederholte Idee, die vor
jeder aufkeimenden Herausforderung immer die gleichen Rezepte

herauszieht. Der Neoliberalismus
regeneriert sich immer wieder neu auf identische Weise, indem

er – ohne sie beim Namen zu
nennen – auf die magische Vorstellung des Spillover oder die

Trickle-down-Theorie als einzige Wege zur Lösung der
gesellschaftlichen Probleme zurückgreift.

Man sieht nicht, dass die
vorgebliche Neuverteilung nicht die soziale Ungerechtigkeit aufhebt, die

ihrerseits Quelle neuer
Formen von Gewalt ist, die das gesellschaftliche Gefüge bedrohen.

Einerseits ist eine aktive
Wirtschaftspolitik unverzichtbar, die darauf ausgerichtet ist »eine

Wirtschaftzu fördern,
welche die Produktionsvielfalt und die Unternehmerkreativität

begünstigt«,[140] damit
es möglich ist, die Anzahl von Arbeitsplätzen zu erhöhen, anstatt sie zu

senken. Eine
Finanzspekulation mit billigem Gewinn als grundlegendem Ziel richtet weiter
Unheil

an. Andererseits kann der
Markt »ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte

Handlungsweisen in seinem
Inneren die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen

erfüllen. Heute ist dieses
Vertrauen verlorengegangen«.
[141] Damit hat die Geschichte nicht

aufgehört, und die
dogmatischen Rezepte der herrschenden Wirtschaftstheorie haben sich als

fehlbar erwiesen. Die
Zerbrechlichkeit der weltweiten Systeme angesichts der Pandemie hat

gezeigt, dass nicht alles
durch den freien Markt gelöst werden kann und dass – über die

Rehabilitierung einer
gesunden Politik hinaus, die nicht dem Diktat der Finanzwelt unterworfen ist

– wir »die Menschenwürde
wieder in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf diesem Grundpfeiler

müssen die sozialen
Alternativen erbaut sein, die wir brauchen.«
[142]

169. In einigen
kleinkarierten und monochromatischen Wirtschaftstheorien scheinen zum Beispiel

die Volksbewegungen keinen
Platz zu finden, welche Arbeitslose, Arbeitnehmer in prekären

Arbeitsverhältnissen und
viele andere, die nicht einfach in die vorgegebenen Kanäle passen,

versammeln. In Wirklichkeit
initiieren sie verschiedene Formen von Volkswirtschaft und

gemeinschaftlicher
Produktion. Es ist notwendig, die gesellschaftliche, politische und

wirtschaftliche
Partizipation in einer Weise zu konzipieren, »die die Volksbewegungen mit

einschließen und die
lokalen, nationalen und internationalen Regierungsstrukturen mit jenem

Strom moralischer Energie
beleben, der der Miteinbeziehung der Ausgeschlossenen in den

Aufbau unseres gemeinsamen
Schicksals entspringt.« Zugleich ist es gut, dafür zu sorgen, »dass

diese Bewegungen, diese
Erfahrungen der Solidarität, die von der Basis – sozusagen vom

„Untergeschoss“ des
Planeten Erde – ausgehen, zusammenfließen, koordinierter [sind] und sich

austauschen«.[143] Dies
muss jedoch geschehen, ohne ihren charakteristischen Stil zu verraten,

weil sie »Sämänner der
Veränderung sind, Förderer eines Prozesses, in den Millionen großer und

kleiner Aktionen
einfließen, die kreativ miteinander verbunden sind, wie in einem Gedicht.«
[144] In

51

diesem Sinn sind sie
„soziale Poeten“, die auf ihre Weise arbeiten, vorschlagen, fördern und

befreien. Mit ihnen wird
eine ganzheitliche menschliche Entwicklung möglich. Sie erfordert die

Überwindung jener
»Vorstellung von einer Sozialpolitik, die verstanden wird als eine Politik

„gegenüber“ den Armen, aber
nie „mit“ den Armen, die nie die Politik „der“ Armen ist und schon

gar nicht in einen Plan
integriert ist, der die Völker wieder miteinander vereint«.
[145] Auch
wenn

sie unbequem sind, auch
wenn einige „Theoretiker“ nicht wissen, wie sie einzuordnen sind, so

muss man doch den Mut haben
anzuerkennen: Ohne sie »verkümmert die Demokratie, wird sie

zum Nominalismus, zur
Formalität, verliert sie ihre Repräsentativität, wird sie entleiblicht, weil
sie

das Volk außen vor lässt in
seinem Kampf um die Würde, beim Aufbau seines Schicksals.«
[146]

Die Internationale Macht

170. Ich erlaube mir zu
wiederholen: »Die Finanzkrise von 2007-2008 war eine Gelegenheit für die

Entwicklung einer neuen,
gegenüber den ethischen Grundsätzen aufmerksameren Wirtschaft und

für eine Regelung der
spekulativen Finanzaktivität und des fiktiven Reichtums. Doch es gab keine

Reaktion, die dazu führte,
die veralteten Kriterien zu überdenken, die weiterhin die Welt

regieren«.[147] Im
Gegenteil, es scheint, dass die tatsächlichen Strategien, die sich im Anschluss

daran weltweit entwickelt
haben, auf mehr Individualismus und weniger Integration zielten, auf

mehr Freiheit für die
wahren Mächtigen, die immer ein Hintertürchen finden.

171. Ich möchte auf dieser
Tatsache bestehen: »Jedem das Seine zu geben – gemäß der

klassischen Definition von
Gerechtigkeit – bedeutet, dass weder eine Einzelperson noch eine

Menschengruppe sich als
allmächtig betrachten darf, dazu berechtigt, über die Würde und die

Rechte der anderen
Einzelpersonen oder ihrer gesellschaftlichen Gruppierungen hinwegzugehen.

Die faktische Verteilung
der Macht (vor allem auf dem Gebiet von Politik, Wirtschaft, Verteidigung,

Technologie) unter vielen
verschiedenen Personen und die Schaffung eines rechtlichen Systems

zur Regelung der Ansprüche
und Interessen konkretisiert die Begrenzung der Macht. Ein

weltweiter Überblick zeigt
uns jedoch heute viele Scheinrechte und zugleich große schutzlose

Bereiche, die vielmehr
Opfer einer schlechten Ausübung der Macht sind«.
[148]

172. Das 21. Jahrhundert
ist »Schauplatz eines Machtschwunds der Nationalstaaten, vor allem

weil die Dimension von
Wirtschaft und Finanzen, die transnationalen Charakter besitzt, tendenziell

die Vorherrschaft über die
Politik gewinnt. In diesem Kontext wird es unerlässlich, stärkere und

wirkkräftig organisierte
internationale Institutionen zu entwickeln, die Befugnisse haben, die durch

Vereinbarung unter den
nationalen Regierungen gerecht bestimmt werden, und mit der Macht

ausgestattet sind,
Sanktionen zu verhängen«.
[149] Wenn von der Möglichkeit einer Form von

politischer Weltautorität
die Rede ist, die sich dem Recht unterordnet,
[150] so ist dabei nicht

notwendigerweise an eine
personale Autorität zu denken. Sie müsste zumindest die Schaffung

von wirksameren
Weltorganisationen vorsehen, die mit der Autorität ausgestattet sind, die

Beseitigung von Hunger und
Elend und die feste Verteidigung der grundlegenden

Menschenrechte zu
gewährleisten.
                                                                                        52

173. In diesem Zusammenhang
erinnere ich daran, dass eine »Reform sowohl der Organisation

der Vereinten Nationen als
auch der internationalen Wirtschafts- und Finanzgestaltung«

notwendig ist, »damit dem
Konzept einer Familie der Nationen reale und konkrete Form gegeben

werden kann.«[151] Zweifelsohne
setzt dies genaue rechtliche Maßgaben voraus, um zu

vermeiden, dass es sich um
eine nur von einigen Ländern berufene Autorität handelt. Ebenso gilt

es, die Aufoktroyierung
einer bestimmten Kultur oder die Einschränkung der Grundfreiheiten der

ärmsten Nationen aufgrund
ideologischer Differenzen zu verhindern. Denn »die internationale

Gemeinschaft ist eine
Rechtsgemeinschaft, die auf der Souveränität jedes Mitgliedsstaates

beruht, dessen
Unabhängigkeit nicht durch Bande der Unterordnung negiert oder eingeschränkt

wird«.[152] Aber
»das Werk der Vereinten Nationen kann – angefangen von den Postulaten der

Präambel und der ersten
Artikel ihrer Charta – als die Entwicklung und Förderung der

Souveränität des Rechtes
angesehen werden, da die Gerechtigkeit bekanntlich eine unerlässliche

Voraussetzung ist, um das
Ideal der universalen Brüderlichkeit zu erreichen […] [Es] muss die

unangefochtene Herrschaft
des Rechtes sichergestellt werden sowie der unermüdliche Rückgriff

auf die Verhandlung, die
guten Dienste und auf das Schiedsverfahren, wie es in der Charta der

Vereinten Nationen, einer wirklich grundlegenden Rechtsnorm,
vorgeschlagen wird«.
[153] Es

muss vermieden werden, dass
dieser Organisation die Legitimation entzogen wird, denn ihre

Probleme und Mängel können
nur gemeinsam angegangen und gelöst werden.

174. Es braucht Mut und
Großherzigkeit, um frei bestimmte gemeinsame Ziele festzulegen und

die weltweite Erfüllung
einiger wesentlicher Normen sicherzustellen. Damit dies wirklich von

Nutzen ist, muss »die
Forderung, unterschriebene Verträge einzuhalten (pacta sunt

servanda)«,[154] aufrecht erhalten
werden, um der Versuchung zu widerstehen, »lieber auf das

Recht des Stärkeren als auf die Kraft des Rechtes zu setzen«.[155] Dies verlangt die
Stärkung der

»normativen Mittel zur
friedlichen Lösung von Konflikten […] mit einer größeren Reichweite und

Verbindlichkeit«.[156] Unter
diesen normativen Werkzeugen sollen die multilateralen Abkommen

zwischen den Staaten
begünstigt werden, weil sie besser als die bilateralen Abkommen die Sorge

um ein wirklich universales
Gemeinwohl und den Schutz der schwächsten Staaten gewährleisten.

175. Gott sei Dank helfen
viele Vereinigungen und Organisationen der Zivilgesellschaft, die

Schwächen der
internationalen Gemeinschaft, ihren Mangel an Koordination in komplexen

Situationen, ihr Fehlen an
Aufmerksamkeit für die grundlegenden Menschenrechte und für äußerst

kritische Situationen
einiger Gruppen auszugleichen. So findet das Subsidiaritätsprinzip einen

konkreten Ausdruck. Es
gewährleistet die Teilnahme und die Tätigkeit der Gemeinschaften und

Organisationen auf
niedrigerer Ebene, welche die Tätigkeit des Staates ergänzen. Oftmals

bringen sie im Einsatz für
das Gemeinwohl lobenswerte Bemühungen voran, und manche

Mitglieder vollbringen
wahrhaft heldenhafte Taten, die zeigen, zu wie viel Schönheit unsere

Menschheit noch fähig ist.

Eine soziale und politische
Liebe

53

176. Für viele ist die
heutige Politik ein Schimpfwort, und es ist nicht zu übersehen, dass hinter

dieser Tatsache oft Fehler,
Korruption und Ineffizienz mancher Politiker stehen. Hierzu kommen

noch Strategien, die darauf
abzielen, die Politik zu schwächen, sie durch die Wirtschaft zu

ersetzen oder sie mit einer
Ideologie zu beherrschen. Und dennoch, kann die Welt ohne Politik

funktionieren? Kann sie
ohne eine gute Politik einen effektiven Weg zur allgemeinen

Geschwisterlichkeit und zum
gesellschaftlichen Frieden finden?
[157]

Die Politik, derer es bedarf

177. Ich darf betonen: »Die
Politik darf sich nicht der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich

nicht dem Diktat und dem
effizienzorientierten Paradigma der Technokratie

unterwerfen.«[158] Auch
wenn man Machtmissbrauch, Korruption, Gesetzesübertretung und

Ineffizienz bekämpfen muss,
kann man »nicht eine Wirtschaft ohne Politik rechtfertigen – sie wäre

unfähig, eine andere Logik
zu begünstigen, die die verschiedenen Aspekte der gegenwärtigen

Krise lenken könnte.«[159] Im
Gegenteil, »wir brauchen eine Politik, deren Denken einen weiten

Horizont umfasst und die
einem neuen, ganzheitlichen Ansatz zum Durchbruch verhilft, indem sie

die verschiedenen Aspekte
der Krise in einen interdisziplinären Dialog aufnimmt«.
[160] Ich denke

an eine »solide Politik
[…], die die Institutionen zu reformieren und zu koordinieren vermag und

die auch deren Betrieb ohne
Pressionen und lasterhafte Trägheit gewährleistet«.
[161] Das kann

man nicht von der
Wirtschaft verlangen und man kann auch nicht akzeptieren, dass diese die

wirkliche Staatsgewalt
übernimmt.

178. Angesichts vieler
Formen armseliger Politik, die auf das unmittelbare Interesse ausgerichtet

sind, zeigt sich »die
politische Größe, wenn man in schwierigen Momenten nach bedeutenden

Grundsätzen handelt und
dabei an das langfristige Gemeinwohl denkt. Diese Pflicht in einem

Projekt der Nation auf sich
zu nehmen, kostet die politische Macht einen hohen Preis«
[162];
dies

umso mehr in einem
gemeinsamen Projekt für die gegenwärtige und zukünftige Menschheit. An

die zukünftige Generation
zu denken, dient nicht zu Wahlzwecken. Es ist aber der Anspruch einer

authentischen
Gerechtigkeit, weil, wie die Bischöfe Portugals gelehrt haben, die Erde »eine

Leihgabe ist, die jede
Generation empfängt und der nachfolgenden Generation weitergeben

muss«.[163]

179. Die weltweite
Gesellschaft weist schwerwiegende strukturelle Mängel auf, die nicht durch

Zusammenflicken oder bloße
schnelle Gelegenheitslösungen behoben werden. Es gibt Dinge, die

durch neue
Grundausrichtungen und bedeutende Verwandlungen verändert werden müssen. Nur

eine gesunde Politik könnte
hier die Führungsrolle übernehmen und dabei die verschiedensten

Sektoren und die
unterschiedlichsten Wissensbereiche einbeziehen. So kann eine Wirtschaft, die

sich in ein politisches,
soziales, kulturelles und vom Volk her kommendes Projekt für das

Gemeinwohl einfügt, »den
Weg für andere Möglichkeiten [eröffnen], die nicht etwa bedeuten, die

Kreativität des Menschen
und seinen Sinn für Fortschritt zu bremsen, sondern diese Energie auf

neue Anliegen hin
auszurichten«.
[164]
                                                                                        54

Die politische Liebe

180. Es ist keine pure
Utopie, jeden Menschen als Bruder oder Schwester anerkennen zu wollen

und eine soziale
Freundschaft zu suchen, die alle integriert. Dazu braucht es Entschiedenheit
und

die Fähigkeit, wirksame
Wege zu finden, die sie real möglich machen. Jegliches Bemühen in

diese Richtung wird zu
einer anspruchsvollen Ausübung der Nächstenliebe. Denn ein Einzelner

kann einer bedürftigen
Person helfen, aber wenn er sich mit anderen verbindet, um

gesellschaftliche Prozesse
zur Geschwisterlichkeit und Gerechtigkeit für alle ins Leben zu rufen,

tritt er in »das Feld der
umfassenderen Nächstenliebe, der politischen Nächstenliebe ein«.
[165] Es

geht darum, zu einer
gesellschaftlichen und politischen Ordnung zu gelangen, deren Seele die

gesellschaftliche
Nächstenliebe ist.
[166] Nochmals lade ich dazu ein, die Politik neu
zu bewerten,

die eine »sehr hohe
Berufung [ist], […] eine der wertvollsten Formen der Nächstenliebe, weil sie

das Gemeinwohl anstrebt«.[167]

181. Jeder von der
Soziallehre der Kirche inspirierte Einsatz geht »aus der Liebe hervor, die nach

den Worten Jesu die
Zusammenfassung des ganzen Gesetzes ist (vgl. Mt 22, 36-40)«.
[168] Dies

verlangt anzuerkennen, dass
»die Liebe voller kleiner Gesten gegenseitiger Achtsamkeit auch das

bürgerliche und das
politische Leben betrifft und sich bei allen Gelegenheiten zeigt, die zum

Aufbau einer besseren Welt
beitragen«.
[169] Daher drückt sich die Liebe nicht nur in
vertrauten

und engen Beziehungen aus,
sondern auch in »Makro-Beziehungen – in gesellschaftlichen,

wirtschaftlichen und
politischen Zusammenhängen«.
[170]

182. Diese politische
Nächstenliebe schließt ein, einen gesellschaftlichen Sinn entwickelt zu

haben, der jede individualistische
Mentalität überwindet: »Die soziale Liebe lässt uns das

Gemeinwohl lieben und auf
wirkungsvolle Weise das Wohl aller Personen anstreben, die nicht nur

als Individuen, sondern
auch in der sozialen Dimension betrachtet werden, die sie

vereint«.[171] Jeder
ist dann wirklich eine Person, wenn er zu einem Volk gehört, und gleichzeitig

gibt es kein wahres Volk
ohne Respekt vor dem Angesicht jeder Person. Volk und Person sind

korrelative Begriffe. Heute
jedoch maßt man sich an, Personen auf Individuen zu reduzieren, die

leicht von Mächten
beherrscht werden, die auf unrechtmäßige Interessen abzielen. Eine gute

Politik sucht nach Wegen
zum Aufbau von Gemeinschaften auf verschiedenen Ebenen des

gesellschaftlichen Lebens,
um so die Globalisierung wieder auszugleichen und neu zu orientieren

und ihre zersetzenden
Auswirkungen zu vermeiden.

Wirksame Liebe

183. Ausgehend von der
»sozialen Liebe«
[172] ist es möglich, zu einer Zivilisation der
Liebe

voranzuschreiten, zu der
wir uns alle berufen fühlen können. Die Liebe kann mit ihrer universalen

Dynamik eine neue Welt
aufbauen,
[173] weil sie nicht ein unfruchtbares Gefühl ist,
sondern

vielmehr das beste Mittel,
um wirksame Entwicklungsmöglichkeiten für alle zu finden. Die soziale

Liebe ist eine »Kraft […],
die neue Wege eröffnen kann, um den Problemen der heutigen Welt zu

55

begegnen und Strukturen,
soziale Organisationen und Rechtsordnungen von innen heraus und

von Grund auf zu erneuern.«[174]

184. Die Liebe ist das
Herzstück jedes gesunden und nicht ausgrenzenden Gesellschaftslebens.

Doch wird sie heutzutage
»leicht als unerheblich für die Interpretation und die Orientierung der

moralischen Verantwortung
erklärt«.
[175] Wenn sie sich zur Wahrheit verpflichtet, um
nicht

einfaches »Opfer der
zufälligen Gefühle und Meinungen der Einzelnen«
[176] zu sein, ist sie viel

mehr als eine subjektive
Sentimentalität. Gerade ihre Beziehung zur Wahrheit begünstigt die

Universalität der Liebe und
bewahrt sie so davor, »in einen begrenzten und privaten Bereich von

Beziehungen verbannt«[177] zu
werden. Sonst wird sie »aus den Planungen und den Prozessen

zum Aufbau einer
menschlichen Entwicklung von umfassender Tragweite – im Dialog zwischen

Wissen und Praxis […]
ausgeschlossen«.
[178] Ohne die Wahrheit fehlen der menschlichen

Emotivität die relationalen
und sozialen Komponenten. Daher schützt die Öffnung auf die Wahrheit

hin die Liebe vor einem
falschen Glauben, »der ihr die menschliche und universelle Weite

nimmt«.[179]

185. Die Liebe bedarf des
Lichts der Wahrheit, die wir beständig suchen, und diese »ist das Licht

der Vernunft wie auch des
Glaubens«,
[180] ohne Relativismen. Dies impliziert auch die

Entwicklung der
Wissenschaften und ihren unersetzlichen Beitrag, um konkrete und sichere Wege

zum Erzielen der erhofften
Ergebnisse zu finden. Wenn nämlich das Wohl der anderen auf dem

Spiel steht, genügen nicht
gute Absichten, sondern es muss darum gehen, wirksam das zu

erlangen, was sie und ihre
Nationen zur Selbstverwirklichung benötigen.

Die Tätigkeit der
politischen Liebe

186. Es gibt eine
sogenannte Liebe „aus innerem Verlangen“: Das sind die Akte, die direkt aus der

Tugend der Liebe
hervorgehen und sich auf Personen oder Völker richten. Es gibt sodann eine

„gebotene“ Liebe: Das sind
jene Akte der Liebe, die dazu anspornen, bessere Institutionen zu

schaffen, gerechtere
Ordnungen, solidarischere Strukturen.
[181] Daraus folgt: »Ein ebenso

unverzichtbarer Akt der
Liebe ist das Engagement, das darauf ausgerichtet ist, die Gesellschaft so

zu organisieren und zu
strukturieren, dass der Nächste nicht im Elend leben muss«.
[182] Es
ist

Liebe, einer leidenden
Person nahe zu sein; aber auch all das ist Liebe, was man ohne direkten

Kontakt mit dieser Person
zur Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, die ihr Leiden

verursachen, tut. Während
jemand einem älteren Menschen hilft, einen Fluss zu überqueren – und

das ist wahre Liebe –, so
erbaut der Politiker ihm eine Brücke, und auch dies ist Liebe. Während

jemand einem anderen hilft,
indem er ihm zu essen gibt, so schafft der Politiker für ihn einen

Arbeitsplatz und übt eine
sehr hochstehende Form der Liebe, die sein politisches Handeln

veredelt.

Die Opfer der Liebe

56

187. Diese Nächstenliebe,
die das geistige Herzstück der Politik ist, ist eine Liebe, die den Letzten

den Vorzug gibt, und die
hinter jeder Handlung steht, die zu ihren Gunsten vollzogen

wird.[183] Nur
mit einem durch die Liebe geweiteten Blick, der die Würde des anderen
wahrnimmt,

können die Armen in ihrer
unfassbaren Würde erkannt und mit ihrem eigenen Stil und ihrer Kultur

geschätzt werden, und so
wirklich in die Gesellschaft integriert werden. Ein solcher Blick ist der

Kern des authentischen
Geistes der Politik. Die Wege, die sich von da aus auftun, sind nicht die

eines seelenlosen
Pragmatismus. Zum Beispiel »lässt sich der Skandal der Armut nicht

vermeiden, indem man
Verharmlosungsstrategien betreibt, die letztendlich nur dazu gut sind, die

Gemüter zu beruhigen und
die Armen zu gut kontrollierten, harmlosen Wesen zu machen. Wie

traurig ist es doch,
zuzusehen, wie andere unter dem Schutzmantel vermeintlich altruistischer

Werke zur Passivität
verurteilt werden«.
[184] Was nottut, sind verschiedene

Ausdrucksmöglichkeiten und
Wege der sozialen Beteiligung. Die Bildung steht im Dienst dieses

Weges, damit jeder Mensch
zum Schmied seines eigenen Schicksals werden kann. Hier zeigt das

Prinzip der Subsidiarität
seinen Wert, das vom Prinzip der Solidarität untrennbar ist.

188. Daraus ergibt sich die
Dringlichkeit, eine Lösung für all das zu finden, was die grundlegenden

Menschenrechte bedroht. Die
Politiker sind gerufen, »sich der Gebrechlichkeit anzunehmen, [es]

bedeutet Kraft und
Zärtlichkeit, bedeutet Kampf und Fruchtbarkeit inmitten eines funktionellen und

privatistischen Modells,
das unweigerlich zur „Wegwerf-Kultur“ führt. […] Es bedeutet, die

Gegenwart in ihrer
nebensächlichsten und am meisten beängstigenden Situation auf sich zu

nehmen und fähig zu sein,
sie mit Würde zu salben.«
[185] So ruft man gewiss eine intensive

Tätigkeit ins Leben, denn
es »muss alles getan werden, um den Status und die Würde der

menschlichen Person zu
schützen«.
[186] Der Politiker ist tatkräftig, er ist ein
Erbauer mit großen

Zielen und mit
realistischem und pragmatischem Weitblick auch über sein Land hinaus. Die
größte

Sorge eines Politikers
sollten nicht sinkende Umfragewerte sein, sondern vielmehr, dass er keine

wirksame Lösung findet, um
»das Phänomen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen

Ausschließung mit seinen
traurigen Folgen wie Menschenhandel, Handel von menschlichen

Organen und Geweben, sexuelle
Ausbeutung von Knaben und Mädchen, Sklavenarbeit

einschließlich
Prostitution, Drogen- und Waffenhandel, Terrorismus und internationale
organisierte

Kriminalität so schnell wie
möglich zu überwinden. Diese Situationen und die Anzahl der

unschuldigen Leben, die sie
fordern, sind von solchem Ausmaß, dass wir jede Versuchung

meiden müssen, einem
Nominalismus zu verfallen, der sich in Deklarationen erschöpft und einen

Beruhigungseffekt auf das
Gewissen ausübt. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Institutionen

wirklich effektiv sind im
Kampf gegen all diese Plagen.«
[187] Dies geschieht, indem man die

großen Ressourcen der
technologischen Entwicklung intelligent nutzt.

189. Wir sind noch weit
entfernt von einer Globalisierung der grundlegenden Menschenrechte.

Daher kann es die
Weltpolitik nicht unterlassen, unter ihre unverzichtbaren Hauptziele die
effektive

Beseitigung des Hungers
aufzunehmen. »Wenn die Finanzspekulation [nämlich] den Preis für

Lebensmittel bestimmt und
diese als x-beliebige Ware betrachtet, dann müssen Millionen von

Menschen darunter leiden
und verhungern. Auf der anderen Seite werden Tonnen von

57

Lebensmitteln weggeworfen.
Das ist ein Skandal! Andere hungern zu lassen ist ein Verbrechen;

Ernährung ein
unveräußerliches Recht«.
[188] Während wir uns in unsere semantischen und

ideologischen Diskussionen
verbeißen, lassen wir oftmals zu, dass auch heute noch Schwestern

und Brüder verhungern und
verdursten, obdachlos sind und ohne Zugang zur

Gesundheitsversorgung.
Neben diesen unerfüllten Grundbedürfnissen ist der Menschenhandel

eine weitere Schande für
die Menschheit, welche die internationale Politik jenseits von

Ansprachen und guten Absichten
hinaus nicht weiter tolerieren dürfte. Das sind die

unverzichtbarer
Minimalvoraussetzungen.

Liebe, die integriert und versammelt

190. Die politische
Nächstenliebe drückt sich auch in der Offenheit für alle aus. Vor allem wer

Regierungsverantwortung
trägt, muss zu Verzichten bereit sein, damit Begegnung möglich wird.

Zumindest im Hinblick auf
einige Themen sucht er Übereinstimmung. Er kann dem Standpunkt

das anderen zuhören und
zulassen, dass jeder seinen Raum findet. Mit Verzicht und Geduld kann

ein Regierender die
Schaffung jenes schönen Polyeders begünstigen, in dem alle Platz finden. In

diesem Bereich
funktionieren die Verhandlungen nach Art der Wirtschaft nicht. Es ist mehr als

das, es ist ein Austausch
von Angeboten zugunsten des Gemeinwohls. Das scheint eine naive

Utopie, aber wir können auf
dieses höchste Ziel nicht verzichten.

191. Wir sehen, wie sich
alle Arten fundamentalistischer Intoleranz der Beziehungen zwischen

den Personen, Gruppen und
Völkern bemächtigen. Deshalb müssen wir den Wert von Respekt,

von Liebe, die alle
Verschiedenheiten umfasst, den Vorrang der Würde jedes Menschen vor

seinen Ideen, Gefühlen,
Handlungsweisen und sogar Sünden vorleben und lehren. Während in

der heutigen Gesellschaft
Formen von Fanatismus, von hermetisch abgeschotteten Denkweisen

und die gesellschaftliche
und kulturelle Fragmentierung wachsen, macht ein guter Politiker den

ersten Schritt, damit
verschiedene Stimmen gehört werden. Es ist zwar wahr, dass die

Unterschiede Konflikte
hervorbringen, die Einförmigkeit jedoch erstickt und bewirkt, dass wir uns

kulturell selbst
vernichten. Finden wir uns nicht damit ab, abgeschlossen nur in einem
Bruchstück

der Realität zu leben.

192. In diesem Zusammenhang
möchte ich daran erinnern, dass wir gemeinsam mit dem

Großimam Ahmad Al-Tayyeb
»von den Architekten der internationalen Politik und der globalen

Wirtschaft ein ernsthaftes
Engagement zur Verbreitung einer Kultur der Toleranz, des

Zusammenlebens und des
Friedens [verlangt haben,] ein schnellstmögliches Eingreifen, um das

Vergießen von unschuldigem
Blut zu stoppen».
[189] Und wenn eine bestimmte Politik im Namen

des Wohls des eigenen
Landes Hass und Angst gegenüber anderen Nationen sät, muss man sich

sorgen, rechtzeitig
reagieren und sofort die Route korrigieren.

Mehr Fruchtbarkeit als
Erfolge

58

193. Während dieses
unermüdlichen Einsatzes bleibt jeder Politiker doch immer auch Mensch. Er

ist gerufen, die Liebe in
seinen alltäglichen zwischenmenschlichen Beziehungen zu leben. Er ist

eine Person und er muss
wahrnehmen, dass »die moderne Welt, selbst mit ihrer technischen

Perfektion, dazu neigt,
immer mehr die Befriedigung der menschlichen Sehnsüchte zu

rationalisieren, sie in
verschiedene Dienstleistungen zu klassifizieren und zu unterteilen. Immer

weniger nennt man einen
Menschen mit seinem eigenen Namen, immer weniger wird man dieses

einzigartige Wesen auf der
Welt als Person behandeln, das sein eigenes Herz, seine Leiden,

seine Probleme, seine
Freuden und seine Familie besitzt. Man wird nur seine Krankheiten

kennen, um sie zu heilen,
seinen Mangel an Geld, um es ihm bereitzustellen, sein Bedürfnis nach

einem Zuhause, um ihm
Unterkunft zu geben, seinen Wunsch nach Zerstreuung und Ablenkung,

um diesen
entgegenzukommen«. Aber »den unbedeutendsten der Menschen wie einen Bruder zu

lieben, so als ob es auf
der Welt keine anderen als ihn gäbe, das ist kein Zeitverlust«.
[190]

194. Auch in der Politik
gibt es Raum, um mit Zärtlichkeit zu lieben. »Was ist die Zärtlichkeit? Sie

ist die Liebe, die nah und
konkret wird. Sie ist eine Bewegung, die vom Herzen ausgeht und zu

den Augen, den Ohren, den
Händen gelangt. […] Die Zärtlichkeit ist der Weg, den die mutigsten

Männer und Frauen
beschritten haben«.
[191] Inmitten der politischen Tätigkeit »müssen
die

Bedürftigen, die Schwachen,
die Armen unser Herz berühren: Sie haben das „Recht“, uns die

Seele und das Herz zu
nehmen. Ja, sie sind unsere Brüder, und als solche müssen wir sie lieben

und behandeln.«[192]

195. Somit sehen wir, dass
es nicht immer um große Resultate, die zuweilen nicht möglich sind,

geht. Im politischen
Einsatz muss man daran erinnern: »Jenseits aller äußeren Erscheinung ist

jeder unendlich heilig und
verdient unsere Liebe und unsere Hingabe. Deswegen, wenn ich es

schaffe, nur einem Menschen
zu helfen, ein besseres Leben zu haben, rechtfertigt dies schon den

Einsatz meines Lebens. Es
ist schön, gläubiges Volk Gottes zu sein. Und die Fülle erreichen wir,

wenn wir die Wände
einreißen und sich unser Herz mit Gesichtern und Namen füllt!«
[193] Die
in

Strategien erträumten
großen Ziele werden nur teilweise errungen. Darüber hinaus hat derjenige,

der liebt und die Politik
nicht mehr als ein reines Streben nach Macht versteht, »die Sicherheit,

dass keine der Arbeiten,
die man mit Liebe verrichtet hat, verloren geht, dass keine der ehrlichen

Sorgen um den Nächsten,
keine Tat der Liebe zu Gott, keine großherzige Mühe, keine leidvolle

Geduld verloren ist. All
das kreist um die Welt als eine lebendige Kraft«.
[194]

196. Es ist eine edle
Haltung, Prozesse in der Hoffnung auf die geheime Kraft des ausgesäten

Guten anzustoßen, deren
Früchte von anderen geerntet werden. Eine gute Politik vereint die

Liebe mit der Hoffnung, mit
dem Vertrauen auf die Vorräte an Gutem, die sich trotz allem im

Herzen der Menschen
befinden. »Echte Politik, die sich auf Recht und ehrlichen Dialog zwischen

den Personen gründet,
entsteht immer neu aus der Überzeugung heraus, dass mit jeder Frau,

jedem Mann und jeder
Generation die Hoffnung auf neue relationale, intellektuelle, kulturelle und

spirituelle Möglichkeiten
verbunden ist«.
[195]

          59

197. Auf diese Weise
betrachtet ist die Politik edler als ihr Erscheinungsbild, des Marketings, der

verschiedenen Formen der
medialen Verzerrung. All dies sät nur Spaltung, Feindschaft und einen

trostlosen Skeptizismus,
der unfähig ist, sich auf ein gemeinsames Projekt zu berufen. Im Hinblick

auf die Zukunft müssen an
manchen Tagen die Fragen lauten: „Zu welchem Zweck? Worauf ziele

ich wirklich ab?“ Denn wenn
wir nach einigen Jahren über die eigene Vergangenheit nachdenken,

wird die Frage nicht
lauten: „Wie viele haben mir zugestimmt, wie viele haben mich gewählt, wie

viele hatten ein positives
Bild von mir?“ Die vielleicht schmerzlichen Fragen werden sein: „Wie viel

Liebe habe ich in meine
Arbeit gelegt? Wo habe ich das Volk vorangebracht? Welche Spur habe

ich im Leben der
Gesellschaft hinterlassen? Welche realen Bindungen habe ich aufgebaut?

Welche positiven Kräfte
habe ich freigesetzt? Wie viel sozialen Frieden habe ich gesät? Was habe

ich an dem Platz, der mir
anvertraut wurde, bewirkt?“

 

                                SECHSTES
KAPITEL

                    DIALOG UND SOZIALE
FREUNDSCHAFT

 

198. Aufeinander zugehen,
sich äußern, einander zuhören, sich anschauen, sich kennenlernen,

versuchen, einander zu
verstehen, nach Berührungspunkten suchen – all dies wird in dem Wort

Dialog zusammengefasst. Um
einander zu begegnen und sich gegenseitig zu helfen, müssen wir

miteinander sprechen. Es
versteht sich von selbst, wozu der Dialog dient. Man braucht nur daran

zu denken, was die Welt
ohne dieses geduldige Gespräch so vieler hochherziger Menschen wäre,

die Familien und
Gemeinschaften zusammengehalten haben. Ein beharrlicher und mutiger Dialog

erregt kein Aufsehen wie
etwa Auseinandersetzungen und Konflikte, aber er hilft unauffällig der

Welt, besser zu leben, und
zwar viel mehr, als uns bewusst ist.

Der gesellschaftliche
Dialog auf eine neue Kultur hin

199. Einige versuchen, der
Realität zu entfliehen, indem sie sich in die Privatsphäre zurückziehen,

andere begegnen ihr mit
zerstörerischer Gewalt. Aber »zwischen der egoistischen Gleichgültigkeit

und dem gewaltsamen Protest
gibt es eine Option, die immer möglich ist: den Dialog. Der Dialog

zwischen den Generationen,
der Dialog im Volk, denn wir alle gehören zum Volk, die Fähigkeit, zu

geben und zu empfangen,
zugleich für die Wahrheit offen zu sein. Ein Land wächst, wenn seine

verschiedenen kulturellen
Reichtümer konstruktiv in Dialog miteinander stehen: die Volkskultur,

die Universitätskultur, die
Jugendkultur, die Kultur der Kunst und die Kultur der Technik, die

Wirtschaftskultur und die
Familienkultur sowie die Medienkultur«.
[196]

200. Häufig wird der Dialog
mit etwas ganz anderem verwechselt, nämlich einem hitzigen

                                       60

Meinungsaustausch in
sozialen Netzwerken, der nicht selten durch nicht immer zuverlässige

Medieninformationen
beeinflusst wird. Das sind nur parallel verlaufende Monologe, die vielleicht

durch ihren lauten, aggressiven
Ton die Aufmerksamkeit anderer auf sich ziehen. Monologe aber

verpflichten niemanden, so
dass ihr Inhalt nicht selten opportunistisch und widersprüchlich ist.

201. Die sensationsgierige
Verbreitung von Fakten und Aufrufen in den Medien verhindert

tatsächlich oft einen
Dialog, weil sie jedem erlaubt, seine eigenen Ideen, Interessen und Optionen

unangetastet und ohne
Nuancen beizubehalten, während die Fehler anderer als Ausrede dafür

dienen. Es herrscht der
Brauch, den Gegner schnell zu diskreditieren und mit demütigenden

Schimpfwörtern zu versehen,
anstatt sich einem offenen und respektvollen Dialog zu stellen, bei

dem man eine Synthese
sucht, die weiterführt. Das Schlimmste ist, dass diese im medialen

Kontext einer politischen
Kampagne übliche Sprache derart verbreitet ist, dass sie von allen

tagtäglich verwendet wird.
Die Debatte wird oft von mächtigen Partikularinteressen gelenkt, die

hinterlistig versuchen, die
öffentliche Meinung zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Ich beziehe mich

nicht nur auf die jeweils
amtierende Regierung, denn diese manipulative Macht kann

wirtschaftlicher,
politischer, medialer, religiöser oder sonstiger Art sein. Wenn ihre
Stoßrichtung

mit den eigenen
wirtschaftlichen oder ideologischen Interessen übereinstimmt, wird sie zuweilen

gerechtfertigt oder
entschuldigt, früher oder später aber wendet sie sich gegen eben diese

Interessen.

202. Der Mangel an Dialog
bringt es mit sich, dass niemand in den einzelnen Bereichen auf das

Gemeinwohl bedacht ist,
sondern nur darauf, aus der Macht Nutzen zu ziehen oder bestenfalls die

eigene Denkweise
durchzusetzen. So werden Gespräche zu bloßen Verhandlungen um die

meiste Macht und den
größtmöglichen Nutzen, ohne einer gemeinsamen Suche nach dem

Gemeinwohl. Die Helden der
Zukunft werden die sein, die diese ungesunde Logik zu

durchbrechen wissen und mit
allem Respekt die Wahrheit fördern, jenseits von persönlichen

Interessen. So Gott will,
wachsen diese Helden still im Herzen unserer Gesellschaft heran.

Gemeinsam aufbauen

203. Der echte Dialog
innerhalb der Gesellschaft setzt die Fähigkeit voraus, den Standpunkt des

anderen zu respektieren und
zu akzeptieren, dass er möglicherweise gerechtfertigte

Überzeugungen oder
Interessen enthält. Schon von seinem personalen Sein her hat der andere

etwas beizutragen, und es
ist wünschenswert, dass er seine eigene Position vertieft und darlegt,

damit die öffentliche
Debatte noch umfassender wird. Sicher kommt es der Gesellschaft auf die

eine oder andere Weise
zugute, wenn eine Person oder eine Gruppe kohärent lebt, Werte und

Überzeugungen fest vertritt
und eine Meinung entwickelt. Dies geschieht aber nur in dem Maß, in

dem eine solche Entwicklung
im Dialog und in Offenheit gegenüber anderen stattfindet. Denn »in

einem wahren Geist des
Dialogs wächst die Fähigkeit, den Sinn dessen zu verstehen, was der

andere sagt und tut, auch
wenn man es nicht als eigene Überzeugung für sich selbst übernehmen

kann. Auf diese Weise wird
es möglich, aufrichtig zu sein und das, was wir glauben, nicht zu

61

verbergen, dabei aber doch
weiter im Gespräch zu bleiben, Berührungspunkte zu suchen und vor

allem gemeinsam […] zu
arbeiten und zu kämpfen«.
[197] Wenn die öffentliche Diskussion wirklich

allen Raum gibt und
Informationen nicht manipuliert oder verheimlicht, ist sie ein ständiger

Ansporn zur besseren
Wahrheitsfindung oder wenigstens zu ihrer besseren Vermittlung. Sie

verhindert, dass die
verschiedenen Bereiche in ihrer Sichtweise und in ihren begrenzten

Interessen bequem und
selbstgenügsam werden. Denken wir daran: »Unterschiede sind kreativ,

sie erzeugen Spannungen und
in der Auflösung einer Spannung liegt der Fortschritt der

Menschheit«.[198]

204. Heute besteht die
Überzeugung, dass neben den wissenschaftlichen Entwicklungen in den

Fachgebieten auch der
interdisziplinäre Austausch notwendig ist. Die Wirklichkeit ist nämlich eine,

auch wenn man sich ihr aus
verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Methoden

annähern kann. Deshalb
sollte das Risiko nicht unterschätzt werden, dass ein wissenschaftlicher

Fortschritt für den einzig
möglichen Ansatz zum Verständnis eines bestimmten Aspekts des

Lebens, der Gesellschaft
und der Welt gehalten wird. Ein Forscher, der in seiner Analyse

Fortschritte macht und
gleichzeitig bereit ist, weitere Dimensionen der von ihm untersuchten

Wirklichkeit anzuerkennen,
öffnet sich hingegen dank der Arbeit anderer Wissenschaften und

Wissensgebiete einem
ganzheitlicheren, vollständigeren Erfassen der Wirklichkeit.

205. In dieser
globalisierten Welt »können die Medien dazu verhelfen, dass wir uns einander

näher fühlen, dass wir ein
neues Gefühl für die Einheit der Menschheitsfamilie entwickeln, das uns

zur Solidarität und zum
ernsthaften Einsatz für ein würdigeres Leben drängt. […] Die Medien

können uns dabei behilflich
sein, besonders heute, da die Kommunikationsnetze der Menschen

unerhörte Entwicklungen
erreicht haben. Besonders das Internet kann allen größere Möglichkeiten

der Begegnung und der
Solidarität untereinander bieten, und das ist gut, es ist ein Geschenk

Gottes«.[199] Es
muss allerdings ständig überprüft werden, ob uns die heutigen Formen der

Kommunikation tatsächlich
zu einer großherzigen Begegnung, zu einer aufrichtigen Suche nach

der vollen Wahrheit, zum
Dienst, zur Nähe zu den Geringsten, zum Einsatz für den Aufbau des

Gemeinwohls führen.
Gleichzeitig »können wir« – wie die Bischöfe Australiens geschrieben haben

– »auch nicht eine digitale
Welt akzeptieren, die darauf angelegt ist, unsere Schwächen

auszunutzen und das
Schlimmste in den Menschen hervorzubringen«.
[200]

Die Grundlage des Konsenses

206. Der Relativismus ist
keine Lösung. Unter dem Deckmantel von vermeintlicher Toleranz führt

er letztendlich dazu, dass
die Mächtigen sittliche Werte der momentanen Zweckmäßigkeit

entsprechend
interpretieren. Wenn es letztendlich nämlich »weder objektive Wahrheiten noch

feste Grundsätze gibt außer
der Befriedigung der eigenen Pläne und der eigenen unmittelbaren

Bedürfnisse […] können wir
nicht meinen, dass die politischen Pläne oder die Kraft des Gesetzes

ausreichen werden […] Denn
wenn die Kultur verfällt und man keine objektive Wahrheit oder

keine allgemein gültigen
Prinzipien mehr anerkennt, werden die Gesetze nur als willkürlicher

62

Zwang und als Hindernisse
angesehen, die es zu umgehen gilt«.
[201]

207. Ist es möglich, auf
Wahrheit zu achten und die Wahrheit zu suchen, die unserer tiefsten

Wirklichkeit entspricht?
Was ist das Gesetz ohne die auf einem langen Weg des Nachdenkens

und der Weisheit erlangten
Überzeugung, dass jeder Mensch heilig und unantastbar ist? Damit

eine Gesellschaft eine Zukunft
besitzt, muss sie eine tiefe Achtung vor der Wahrheit der

Menschenwürde entwickeln,
der wir uns unterwerfen. Dann wird man es nicht aus Furcht vor

gesellschaftlicher Ächtung
und vor der Last des Gesetzes, sondern aus Überzeugung unterlassen,

jemanden zu töten. Das ist
eine unabdingbare Wahrheit, die wir mit der Vernunft erkennen und im

Gewissen annehmen. Eine
Gesellschaft ist nicht zuletzt dann edel und achtbar, wenn sie die

Suche nach der Wahrheit
fördert und an den Grundwahrheiten festhält.

208. Wir müssen uns
angewöhnen, die verschiedenen Arten und Weisen der Manipulation,

Verzerrung und
Verschleierung der Wahrheit im öffentlichen und privaten Bereich zu entlarven.

Was wir „Wahrheit“ nennen,
ist nicht nur die Faktenvermittlung durch den Journalismus. Es ist vor

allem die Suche nach den
stabilsten Grundlagen für unsere Entscheidungen und auch für unsere

Gesetze. Das bedeutet
zuzugestehen, dass der menschliche Verstand über die momentanen

Bedürfnisse hinaus einige
Wahrheiten erkennen kann, die unveränderlich sind, die schon vor uns

wahr waren und es immer
sein werden. Durch die Erforschung der menschlichen Natur entdeckt

die Vernunft Werte, die
universell sind, weil sie sich von ihr ableiten.

209. Könnte es anderenfalls
nicht vielleicht geschehen, dass die grundlegenden Menschenrechte,

hinter die man heute nicht
zurückgehen kann, von den jeweiligen Mächtigen verwehrt werden,

nachdem sie den „Konsens“
einer eingeschläferten und eingeschüchterten Bevölkerung erlangt

haben? Auch ein bloßer
Konsens zwischen den verschiedenen Völkern wäre nicht ausreichend

und gleichermaßen
manipulierbar. Wir haben bereits reichlich Beweise für all das Gute, zu dem

wir fähig sind, doch
gleichzeitig müssen wir zugeben, dass wir eine destruktive Neigung in uns

haben. Ist nicht auch der
gleichgültige und unerbittliche Individualismus, in den wir gefallen sind,

das Ergebnis der Trägheit
bei der Suche nach den höheren Werten, die über die momentanen

Bedürfnisse hinausgehen?
Zum Relativismus kommt die Gefahr hinzu, dass der Mächtigste oder

Schlauste am Ende eine
Scheinwahrheit aufoktroyiert. Doch »im Hinblick auf die sittlichen

Normen, die das in sich
Schlechte verbieten, gibt es für niemanden Privilegien oder Ausnahmen.

Ob einer der Herr der Welt
oder der Letzte, „Elendeste“ auf Erden ist, macht keinen Unterschied:

Vor den sittlichen
Ansprüchen sind wir alle absolut gleich«.
[202]

210. Was heute mit uns
geschieht und was uns in eine verkehrte und leere Logik hineinzieht, ist

darauf zurückzuführen, dass
es eine Assimilation von Ethik und Politik mit den Gesetzen der

Physik gibt. Es gibt kein
Gut und Böse an sich, sondern nur eine Berechnung von Vor- und

Nachteilen. Die Verdrängung
der sittlichen Vernunft hat zur Folge, dass sich das Recht nicht auf

eine Grundkonzeption von
Gerechtigkeit beziehen kann, sondern zum Spiegel der herrschenden

Ideen wird. Hier beginnt
der Verfall: eine fortschreitende „Nivellierung nach unten“ durch einen

               63

oberflächlichen
Verhandlungskonsens. So triumphiert am Ende die Logik der Gewalt.

Konsens und Wahrheit

211. In einer
pluralistischen Gesellschaft ist der Dialog der beste Weg zur Anerkennung
dessen,

was stets bejaht und
respektiert werden muss und was über einen umstandsbedingten Konsens

hinausgeht. Wir sprechen
hier von einem Dialog, der durch Motivation, durch rationale Argumente,

durch eine Vielfalt von
Perspektiven, durch Beiträge unterschiedlicher Wissensgebiete und

Standpunkte bereichert und
erleuchtet werden muss; von einem Dialog, der die Überzeugung

nicht ausschließt, dass es
möglich ist, zu einigen grundlegenden Wahrheiten zu gelangen, die

immer vertreten werden
müssen. Zu akzeptieren, dass es einige bleibende, mitunter nicht immer

leicht zu erkennende Werte
gibt, verleiht einer Sozialethik Solidität und Stabilität. Auch wenn wir

solche Grundwerte dank
Dialog und Konsens erkannt und angenommen haben, sehen wir, dass

sie über jeden Konsens
hinausgehen – wir erkennen sie als Werte an, die unsere individuelle

Situation überschreiten und
niemals verhandelbar sind. Unser Verständnis hinsichtlich ihrer

Bedeutung und Wichtigkeit
mag wachsen – und in diesem Sinne ist der Konsens etwas

Dynamisches –, aber an sich
werden sie aufgrund ihrer ihnen innewohnenden Bedeutung für

unveränderlich gehalten.

212. Wenn etwas für das
gute Funktionieren der Gesellschaft immer positiv ist, liegt es dann

vielleicht nicht daran,
dass dahinter eine vom Verstand erfassbare, bleibende Wahrheit steht? In

der Wirklichkeit des
Menschen und der Gesellschaft selbst, in deren innerster Natur, gibt es eine

Reihe von Grundstrukturen,
die ihre Entwicklung und ihr Überleben sichern. Daraus leiten sich

bestimmte Forderungen her,
die im Dialog entdeckt werden können, auch wenn sie nicht im

strengen Sinn vom Konsens
geschaffen werden. Die Tatsache, dass bestimmte Regeln für das

gesellschaftliche Leben
selbst unverzichtbar sind, ist ein äußerer Hinweis dafür, dass sie eine in

sich selbst gute Sache sind.
Folglich ist es nicht notwendig, soziale Zweckmäßigkeit, Konsens und

die Realität einer
objektiven Wahrheit in Konkurrenz zueinander zu sehen. Diese drei Dinge

können sich harmonisch
miteinander verbinden, wenn die Menschen im Dialog wagen, einem

Thema auf den Grund zu
gehen.

213. Wenn man die Würde des
Nächsten in jeder Situation respektieren soll, dann nicht etwa

deshalb, weil wir die Würde
des anderen erfinden oder annehmen, sondern weil er wirklich einen

Wert besitzt, der über die
materiellen Dinge und die Umstände hinausgeht; dieser erfordert, dass

wir ihn auf andere Weise
behandeln. Dass jeder Mensch eine unveräußerliche Würde besitzt, ist

eine Wahrheit, die der
menschlichen Natur unabhängig jeden kulturellen Wandels zukommt.

Deshalb besitzt der Mensch
in jeder zeitlichen Epoche die gleiche unantastbare Würde. Niemand

kann sich durch die
Umstände ermächtigt fühlen, diese Überzeugung zu leugnen oder ihr nicht

entsprechend zu handeln.
Der Verstand kann also durch Reflexion, Erfahrung und Dialog die

Wirklichkeit der Dinge
erforschen, um innerhalb dieser Wirklichkeit, die ihn übersteigt, die

Grundlage bestimmter
allgemeingültiger sittlicher Ansprüche zu erkennen.

         64

214. Agnostikern mag diese
Grundlage ausreichend erscheinen, um den nicht verhandelbaren

ethischen Grundprinzipien
eine starke und beständige universelle Gültigkeit zu verleihen und

weitere Katastrophen zu
verhindern. Für Gläubige ist die menschliche Natur als Quelle ethischer

Prinzipien von Gott
geschaffen, der diesen Prinzipien letztlich eine feste Grundlage

verleiht.[203] Dies
begründet weder einen ethischen Kreationismus, noch zwingt es irgendein

Moralsystem auf, da
universell gültige sittliche Grundprinzipien zu unterschiedlichen praktischen

Normen führen können.
Deshalb bleibt immer Raum für den Dialog.

Eine neue Kultur

215. »Das Leben ist die
Kunst der Begegnung, auch wenn es so viele Auseinandersetzungen im

Leben gibt«.[204] Ich
habe wiederholt dazu eingeladen, eine Kultur der Begegnung zu entwickeln,

die über die stets
aneinandergeratenen Dialektiken hinausgeht. Es ist ein Lebensstil, der eine

Polyederbildung mit vielen
Facetten und sehr vielen Seiten, die aber zusammen eine

nuancenreiche Einheit
bilden, fördert, denn »das Ganze ist dem Teil übergeordnet«.
[205] Der

Polyeder stellt eine
Gesellschaft dar, in der die Unterschiede zusammenleben, sich dabei

gegenseitig ergänzen,
bereichern und erhellen, wenn auch unter Diskussionen und mit Argwohn.

Denn man kann von jedem
etwas lernen, niemand ist nutzlos, niemand ist entbehrlich. Dies

bedeutet, dass die
Peripherien mit einbezogen werden müssen. Wer in ihnen lebt, hat einen

anderen Blickwinkel, sieht
Aspekte der Realität, die man von den Machtzentren aus, in denen die

maßgeblichen Entscheidungen
getroffen werden, nicht erkennen kann.

Die Begegnung, die zur Kultur geworden ist

216. Das Wort „Kultur“
weist auf etwas hin, was das Volk, seine innersten Überzeugungen und

seinen Lebensstil
durchdrungen hat. Wenn wir von einer „Kultur“ im Volk sprechen, ist das mehr

als eine Idee oder eine
Abstraktion. Sie hat mit den Wünschen, den Leidenschaften und

schließlich mit der
Lebensweise, die diese Menschengruppe charakterisieren, zu tun. Von einer

„Kultur der Begegnung“ zu
sprechen bedeutet also, dass wir uns als Volk für die Idee begeistern,

zusammenzukommen,
Berührungspunkte zu suchen, Brücken zu schlagen, etwas zu planen, das

alle miteinbezieht. Dies
ist zu einer Bestrebung und zu einem Lebensstil geworden. Das Subjekt

dieser Kultur ist das Volk,
nicht nur ein Teil der Gesellschaft, der versucht, den Rest mit

professionellen und
medialen Mitteln friedlich zu halten.

217. Der soziale Frieden
erfordert harte Arbeit, Handarbeit. Es wäre einfacher, die Freiheiten und

Unterschiede mit ein wenig
List und verschiedenen Ressourcen im Zaum zu halten. Aber dieser

Frieden wäre oberflächlich
und brüchig, und nicht die Frucht einer Kultur der Begegnung, die ihn

stützen sollte. Unterschiede
zu integrieren ist viel schwieriger und langsamer, aber die Garantie

für einen echten und
beständigen Frieden. Das wird nicht erreicht, indem man nur die Reinen

zusammenbringt, denn »sogar
die Menschen, die wegen ihrer Fehler kritisiert werden können,

haben etwas beizutragen,
das nicht verloren gehen darf«.
[206] Es geht auch nicht um den

65

Frieden, der entsteht, wenn
soziale Forderungen zum Schweigen gebracht oder daran gehindert

werden, Chaos zu stiften.
Es geht nicht um »einen Konsens auf dem Papier […] oder einen

oberflächlichen Frieden für
eine glückliche Minderheit«.
[207] Worauf es ankommt, ist, Prozesse

der Begegnung in Gang zu
setzen, Prozesse, die ein Volk aufbauen, das die Unterschiede in sich

aufnimmt. Rüsten wir unsere
Kinder mit den Waffen des Dialogs aus! Lehren wir sie den guten

Kampf der Begegnung!

Die Freude, den anderen anzuerkennen

218. Dies bedeutet die
Fähigkeit, dem Nächsten das Recht zuzugestehen, er selbst zu sein und

anders zu sein. Aus dieser
zur Kultur gewordenen Anerkennung heraus kann ein Sozialpakt

entstehen. Ohne diese
Anerkennung tauchen hingegen subtile Weisen auf, dem Nächsten

jegliche Bedeutung
abzusprechen; er wird irrelevant und die Gesellschaft misst ihm keinen Wert

bei. Hinter der Ablehnung
bestimmter sichtbarer Formen von Gewalt verbirgt sich oft eine andere

heimtückischere Form von
Gewalt, nämlich die Gewalt derer, die den verachten, der „anders“ ist,

vor allem dann, wenn seine
Forderungen ihren eigenen Interessen auf irgendeine Weise schaden.

219. Wenn ein Teil der
Gesellschaft beansprucht, alles zu genießen, was die Welt zu bieten hat,

als würde es die Armen
nicht geben, dann hat dies irgendwann Folgen. Die Existenz und die

Rechte anderer zu
ignorieren führt früher oder später zu irgendeiner Form von oft unerwarteter

Gewalt. Die Träume von
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit können auf rein formaler Ebene

bleiben, weil sie sich
nicht für alle verwirklichen. Es geht also nicht bloß um eine Begegnung

zwischen denen, die
verschiedene Formen wirtschaftlicher, politischer oder akademischer Macht

besitzen. Eine echte
gesellschaftliche Begegnung bringt die großen kulturellen Formen, die die

Mehrheit der Bevölkerung
ausmachen, in einen wahren Dialog. Häufig werden von den ärmsten

Randgruppen gute Vorschläge
nicht aufgegriffen, weil sie in einem kulturellen Gewand präsentiert

werden, das nicht das ihre
ist und mit dem sie sich nicht identifizieren können. Daher muss ein

realistischer integrativer
Sozialpakt auch ein „Kulturpakt“ sein, der die unterschiedlichen

Weltanschauungen, Kulturen
oder Lebensstile, die in der Gesellschaft nebeneinander bestehen,

respektiert und
berücksichtigt.

220. So sind zum Beispiel
die ursprünglichen Völker nicht gegen den Fortschritt, sondern haben

eine andere Vorstellung von
Fortschritt, oft humanistischer als die der modernen Kultur der

Industrieländer. Es ist
keine Kultur, die auf den Nutzen der Machthaber ausgerichtet ist, derer, die

sich eine Art ewiges
Paradies auf Erden schaffen müssen. Intoleranz und Verachtung gegenüber

indigenen Volkskulturen ist
eine richtiggehende Form der Gewalt, die typisch ist für herzlose

„Moralisten“, die leben, um
andere zu verurteilen. Aber ein authentischer, tiefgreifender und

stabiler Wandel ist
unmöglich, wenn er nicht die verschiedenen Kulturen, insbesondere die der

Armen, miteinbezieht. Ein
Kulturpakt setzt voraus, dass man davon absieht, die Identität eines

Ortes gleichsam monolithisch
zu verstehen; er erfordert hingegen, die Vielfalt zu respektieren

indem man Möglichkeiten zu
ihrer Förderung und sozialen Integration anbietet.

66

221. Dieser Pakt bedeutet
auch zu akzeptieren, dass man eventuell etwas für das Gemeinwohl

aufgeben muss. Niemand wird
die ganze Wahrheit besitzen oder alle seine Wünsche erfüllen

können. Ein solcher
Anspruch würde nämlich dazu führen, den anderen zu zerstören, indem man

ihm seine Rechte
verweigert. Die Suche nach einer falschen Toleranz muss dem Realismus des

Dialogs weichen, dem
Realismus derer, die überzeugt sind, ihren Prinzipien treu bleiben zu

müssen, gleichzeitig aber
anerkennen, dass der andere ebenso das Recht hat, zu versuchen,

seinen eigenen Prinzipien
treu zu sein. Das ist die authentische Anerkennung des anderen, die

nur durch die Liebe möglich
ist; das bedeutet, sich in den anderen hineinzuversetzen, um zu

entdecken, was es an
Authentischem oder zumindest Verständlichem unter seinen Motivationen

und Interessen gibt.

Die Freundlichkeit
zurückgewinnen

222. Der
Konsumindividualismus verursacht viel Missbrauch. Die anderen Menschen werden
zu

bloßen Hindernissen für die
eigene angenehme Ruhe. So behandelt man sie schließlich, als

würden sie eine Belästigung
darstellen, und die Aggressivität nimmt zu. Dies verschärft sich und

erreicht unerträgliche
Ausmaße in Krisenzeiten, in Katastrophensituationen, in schwierigen

Momenten, wenn der Geist
des „Es rette sich, wer kann“ offen zutage tritt. Trotzdem kann man

sich immer noch für die
Freundlichkeit entscheiden. Es gibt Menschen, die dies tun und wie

Sterne in der Dunkelheit
leuchten.

223. Der heilige Paulus
bezeichnete eine Frucht des Heiligen Geistes mit dem griechischen Wort

chrestotes (Gal 5,22), was einen Seelenzustand ausdrückt, der
nicht rau, grob oder hart ist,

sondern gütig und sanft,
der stützt und tröstlich ist. Die Person, die diese Eigenschaft besitzt, hilft

anderen, ihr Dasein besser
zu ertragen, insbesondere die Last der Probleme, Nöte und Ängste.

Diese Umgangsart zeigt die
sich auf verschiedene Weise: in einer freundlichen Behandlung, als

Sorge, nicht mit Worten
oder Gesten zu verletzen, als Bemühen, die Last der anderen zu

erleichtern. Es geht darum,
»Worte der Ermutigung [zu] sagen, die wieder Kraft geben, die

aufbauen, die trösten und
die anspornen«, statt »Worte, die demütigen, die traurig machen, die

ärgern, die herabwürdigen«.[208]

224. Freundlichkeit befreit
uns von der Grausamkeit, die manchmal die menschlichen

Beziehungen durchdringt,
von der Ängstlichkeit, die uns davon abhält, an andere zu denken, von

der zerstreuten
Bedürfnisbefriedigung, die ignoriert, dass auch andere ein Recht darauf haben,

glücklich zu sein. Heute
hat man oft weder Zeit noch übrige Kräfte, um innezuhalten und andere

gut zu behandeln, um „Darf
ich?“, „Entschuldige!“, „Danke!“ zu sagen. Hin und wieder aber

erscheint wie ein Wunder
ein freundlicher Mensch, der seine Ängste und Bedürfnisse

beiseitelässt, um
aufmerksam zu sein, ein Lächeln zu schenken, ein Wort der Ermutigung zu

sagen, einen Raum des
Zuhörens inmitten von so viel Gleichgültigkeit zu ermöglichen. Dieses

täglich gelebte Bemühen
kann jenes gesunde Zusammenleben schaffen, das Missverständnisse

überwindet und Konflikte
verhindert. Freundlichkeit zu üben ist kein kleines Detail oder eine

67

oberflächliche spießige
Haltung. Da sie Wertschätzung und Respekt voraussetzt, verändert sie –

wenn sie zur Kultur wird –
in einer Gesellschaft tiefgreifend den Lebensstil, die sozialen

Beziehungen und die Art und
Weise, wie Ideen diskutiert und miteinander verglichen werden.

Freundlichkeit erleichtert
die Suche nach Konsens und öffnet Wege, wo die Verbitterung alle

Brücken zerstören würde.

 

                                  SIEBTES
KAPITEL

                      WEGE ZU EINER NEUEN
BEGEGNUNG

 

225. In vielen Erdteilen
sind Friedenswege erforderlich, die zur Heilung führen; es sind

Friedensstifter vonnöten,
die bereit sind, einfallsreich und mutig Prozesse zur Heilung und zu

neuer Begegnung
einzuleiten.

Von der Wahrheit her neu
beginnen

226. Einander neu zu
begegnen bedeutet nicht die Rückkehr in eine Zeit vor den Konflikten. Im

Laufe der Zeit haben wir
uns alle verändert. Der Schmerz und die Auseinandersetzungen haben

uns verändert. Außerdem
gibt es für leere Diplomatie, für Verstellung, für Doppelzüngigkeit, für

Verheimlichung, für gute Manieren,
die die Realität verschleiern, keinen Platz mehr. Wer sich

heftig gestritten hat, muss
in nackter Wahrheit klar miteinander reden. Sie alle müssen lernen,

eine bußfertige Gesinnung
anzunehmen, welche die Vergangenheit akzeptieren kann, um die

Zukunft von eigener
Unzufriedenheit, von Verwirrungen oder Projektionen frei zu halten. Allein die

historische
Tatsachenwahrheit kann Grundlage für das beharrliche, fortgesetzte Bemühen um
ein

gegenseitiges Verständnis
und um eine neue Sichtweise zum Wohle aller sein. Tatsächlich

benötigt der
Friedensprozess einen fortdauernden Einsatz. »Er ist eine geduldige Arbeit der

Suche nach Wahrheit und
Gerechtigkeit, die das Gedächtnis an die Opfer ehrt und schrittweise

eine gemeinsame Hoffnung
eröffnet, die stärker ist als die Rache«.
[209] So sagten die
Bischöfe

des Kongo im Hinblick auf
einen wiederkehrenden Konflikt: »Friedensabkommen auf dem Papier

werden nie ausreichen. Es
wird notwendig sein, weiterzugehen und die Forderung nach der

Wahrheit über die Ursprünge
dieser wiederkehrenden Krise einzubinden. Das Volk hat das Recht

zu erfahren, was passiert
ist«.
[210]

227. Denn »die Wahrheit ist
die untrennbare Gefährtin der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Die

drei vereint sind
wesentlich, um den Frieden aufzubauen, und andererseits verhindert jede

Einzelne von ihnen, dass
die anderen verfälscht werden […] Die Wahrheit darf nämlich nicht zu

Rache führen, sondern
vielmehr zu Versöhnung und Vergebung. Wahrheit heißt, den vom
                                                                                        68

Schmerz zerstörten Familien
zu berichten, was mit ihren vermissten Angehörigen geschehen ist.

Wahrheit heißt, das zu
bekennen, was den von den Gewalttätern angeworbenen Minderjährigen

passiert ist. Wahrheit
heißt, den Schmerz der Frauen anzuerkennen, die Opfer von Gewalt und

Missbrauch geworden sind.
[…] weil jede gegen einen Menschen begangene Gewaltakt eine

Wunde am Fleisch der
Menschheit ist; jeder gewaltsame Tod mindert unser Person-Sein. […]

Gewalt bringt mehr Gewalt
hervor, Hass erzeugt mehr Hass und Tod führt zu weiterem Tod. Wir

müssen diesen scheinbar
unvermeidlichen Kreislauf durchbrechen«.
[211]

Die Architektur und das
Handwerk des Friedens

228. Der Weg zum Frieden
bedeutet nicht, die Gesellschaft homogen zu machen, sondern

zusammenzuarbeiten. Er kann
viele in einer gemeinsamen Suche vereinen, von der alle

profitieren. Zur Erreichung
eines bestimmten gemeinsamen Ziels kann man verschiedene

technische Vorschläge sowie
unterschiedliche Erfahrungen beisteuern und so für das Gemeinwohl

arbeiten. Man muss
versuchen, die Probleme einer Gesellschaft klar zu erkennen, um zu

akzeptieren, dass es
unterschiedliche Weisen gibt, Schwierigkeiten zu sehen und zu lösen. Der

Weg zu einem besseren
Zusammenleben schließt immer das Zugeständnis ein, dass der andere

eine – zumindest teilweise
– berechtigte Perspektive einbringen könnte, etwas, das neu bewertet

werden kann, selbst wenn er
einen Fehler gemacht oder falsch gehandelt hat. Denn »der andere

darf niemals auf das
reduziert werden, was er sagen oder machen konnte, sondern muss im

Hinblick auf die
Verheißung, die er in sich trägt, geachtet werden«
[212] –Verheißung, die
immer

einen Hoffnungsschimmer
zurücklässt.

229. Wie die Bischöfe Südafrikas
lehrten, wird wahre Versöhnung proaktiv erreicht, nämlich

dadurch, »dass man eine
neue Gesellschaft formt, die auf dem Dienst am Nächsten gründet,

anstatt auf dem Wunsch zu
dominieren; eine Gesellschaft, die darauf beruht, dass man mit dem

anderen teilt, was man
besitzt, anstatt dass jeder egoistisch um den größtmöglichen Reichtum

kämpft; eine Gesellschaft,
in der der Wert des Zusammenseins als Menschen letztlich wichtiger ist

als jede kleinere Gruppe,
sei es Familie, Nation, Volk oder Kultur«.
[213]Die südkoreanischen

Bischöfe haben darauf
hingewiesen, dass wahrer Frieden »nur erreicht werden kann, wenn wir

durch den Dialog für
Gerechtigkeit kämpfen, und so nach Versöhnung und gegenseitiger

Entwicklung streben«.[214]

230. Das Bemühen um die
Überwindung trennender Hindernisse ohne Aufgabe der eigenen

Identität setzt voraus,
dass in allen ein grundlegendes Zugehörigkeitsgefühl lebendig ist. Denn

»unsere Gesellschaft
gewinnt, wenn jede Person, jede soziale Gruppe sich wirklich zu Hause

fühlt. Bei einer Familie
gehören die Eltern, die Großeltern, die Kinder dazu; keiner ist

ausgeschlossen. Wenn einer
eine Schwierigkeit hat, sogar eine gravierende, kommen die anderen

ihm zu Hilfe und
unterstützen ihn, selbst dann, wenn er sie sich selbst „eingebrockt“ hat. Sein
Leid

ist das Leid aller. […] In
den Familien tragen alle zum gemeinsamen Vorhaben bei, alle arbeiten

für das gemeinsame Wohl,
aber ohne den Einzelnen „auszuhebeln“. Im Gegenteil, sie stützen und
                                                                                        69

fördern ihn. Sie streiten
sich, doch es gibt etwas, das unverrückbar bleibt: die familiäre

Verbindung. Die familiären
Streitigkeiten werden zu Versöhnungen. Die Freuden und die Leiden

eines jeden machen sich
alle zu Eigen. Das ist Familie! Wenn es uns gelingen könnte, den

politischen Gegner oder den
Hausnachbarn mit den gleichen Augen zu sehen, wie wir unsere

Kinder, die Ehefrau oder
den Ehemann, den Vater oder die Mutter sehen, wie gut wäre das doch!

Lieben wir unsere
Gesellschaft, oder bleibt sie etwas Fremdes, etwas Anonymes, das uns nicht

einbezieht, uns nichts
angeht, uns nicht verpflichtet?«
[215]

231. Oft sind Verhandlungen
dringend notwendig, um konkrete Wege für den Frieden zu

entwickeln. Die
eigentlichen Prozesse für einen dauerhaften Frieden sind aber in erster Linie

Veränderungen, die von den
Volksgruppen handwerklich gestaltet werden und bei denen jeder

Mensch mit seinem
alltäglichen Lebensstil ein wirksamer Sauerteig sein kann. Große

Veränderungen werden nicht
am Schreibtisch oder in Büros fabriziert. So besitzt »in dem einen

kreativen Plan ein jeder
eine wesentliche Rolle, um eine neue Seite der Geschichte zu schreiben,

eine Seite voller Hoffnung,
voller Frieden und voller Versöhnung«.
[216] Es gibt eine „Architektur“

des Friedens, zu der die
verschiedenen Institutionen der Gesellschaft je nach eigener Kompetenz

beitragen; doch es gibt
auch ein „Handwerk“ des Friedens, das uns alle einbezieht. Aus den

unterschiedlichen Friedensprozessen
in diversen Erdteilen »haben [wir] gelernt, dass diese Wege

der Versöhnung, des
Vorrangs der Vernunft über die Vergeltung, der zerbrechlichen Harmonie

zwischen Politik und Recht
nicht die Vorgänge im Volk umgehen können. Es genügt nicht,

gesetzliche Rahmen und
institutionelle Vereinbarungen zwischen politischen und wirtschaftlichen

Gruppen guten Willens zu
planen. […] Zudem ist es immer wertvoll, in unsere Friedensprozesse

die Erfahrungen von
Bereichen einzubeziehen, die vielfach aus dem Blickfeld geraten sind, damit

eben die Gemeinschaften die
Abläufe des kollektiven Gedächtnisses färben mögen«.
[217]

232. Es gibt keinen
Schlusspunkt beim Aufbau des gesellschaftlichen Friedens eines Landes; es

handelt sich vielmehr um
»eine Aufgabe, die keine Ruhepause zulässt und den Einsatz aller

erfordert. Diese Arbeit
verlangt von uns, in der Anstrengung nicht nachzulassen, die Einheit der

Nation aufzubauen. Sie
trägt uns auf, trotz der Hindernisse, der Unterschiede und der

verschiedenen Ansätze bezüglich
der Art und Weise, ein friedliches Zusammenleben zu erlangen,

weiter darum zu ringen,
dass eine Kultur der Begegnung gefördert wird. Diese verlangt, dass der

Mensch, seine höchste Würde
und die Achtung des Gemeinwohls ins Zentrum allen politischen,

sozialen und
wirtschaftlichen Handelns gestellt werden. Möge diese Anstrengung uns von der

Versuchung fernhalten, nach
Vergeltung und bloß kurzfristigen Sonderinteressen zu

streben«.[218]Gewaltsame
öffentliche Demonstrationen von der einen oder anderen Front tragen

nicht dazu bei, Lösungen zu
finden; vor allem weil – wie die Bischöfe Kolumbiens betont haben –

»beim Aufruf zur
Mobilisierung der Bürger ihre Ursprünge und Ziele nicht immer klar zutage
treten,

es bestimmte Formen
politischer Manipulation gibt und Vereinnahmungen für Sonderinteressen

stattfinden«.[219]

Vor allem mit den Geringsten

70

233. Die Förderung der
sozialen Freundschaft beinhaltet nicht nur die Annäherung zwischen

gesellschaftlichen
Gruppierungen, die sich seit einer konfliktreichen Geschichte fernstehen,

sondern auch das Bemühen um
eine erneute Begegnung mit den ärmsten und verletzlichsten

Gesellschaftssektoren.
Friede ist »nicht nur die Abwesenheit von Krieg, sondern der unermüdliche

Einsatz – vor allem von
Menschen, die Ämter von höherer Verantwortung bekleiden –, die oft

vergessene und unbeachtete
Würde unserer Brüder und Schwestern anzuerkennen, zu

gewährleisten und konkret
wiederherzustellen, damit sie sich als Hauptakteure des Schicksals

ihrer Nation empfinden
können«.
[220]

234. Die Geringsten der
Gesellschaft wurden oft durch ungerechte Verallgemeinerungen verletzt.

Manchmal reagieren die
Ärmsten und Ausgestoßenen mit antisozial erscheinenden Haltungen.

Wir müssen begreifen, dass
diese Reaktionen häufig mit einer Geschichte von Verachtung und

fehlender sozialer
Eingliederung zusammenhängen. So lehrten die Bischöfe Lateinamerikas: »Nur

wenn wir den Armen so nahe
kommen, dass Freundschaft entstehen kann, werden wir wahrhaft

schätzen lernen, was den
Armen von heute wichtig ist, wonach sie sich legitim sehnen und wie sie

selbst ihren Glauben leben.
Die Option für die Armen soll uns dahin bringen, Freundinnen und

Freunde der Armen zu
werden«.
[221]

235. Wer Frieden in eine
Gesellschaft bringen will, darf nicht vergessen, dass Ungleichheit und

eine fehlende ganzheitliche
Entwicklung des Menschen eine Friedensbildung unmöglich machen.

Denn »ohne
Chancengleichheit finden die verschiedenen Formen von Aggression und Krieg
einen

fruchtbaren Boden, der
früher oder später die Explosion verursacht. Wenn die lokale, nationale

oder weltweite Gesellschaft
einen Teil ihrer selbst in den Randgebieten seinem Schicksal

überlässt, wird es keine
politischen Programme, noch Ordnungskräfte oder Intelligence geben, die

unbeschränkt die Ruhe
gewährleisten können«.
[222]Wenn es um einen Neuanfang geht, müssen

wir immer bei den
Geringsten unserer Brüder und Schwestern beginnen.

Wert und Bedeutung von
Vergebung

236. Einige ziehen es vor,
nicht von Versöhnung zu sprechen, weil sie meinen, dass Konflikte,

Gewalt und Gräben zum
normalen Funktionieren einer Gesellschaft gehören. Tatsächlich gibt es

in jeder Gruppe von
Menschen mehr oder weniger subtile Machtkämpfe zwischen verschiedenen

Parteien. Andere
argumentieren, Vergebung zu üben bedeute, den eigenen Raum aufzugeben,

sodass andere die Lage
beherrschen. Aus diesem Grund sind sie der Ansicht, es sei besser, ein

Machtspiel
aufrechtzuerhalten, das ein Kräftegleichgewicht zwischen verschiedenen

Gruppierungen ermöglicht.
Wieder andere meinen, Versöhnung sei etwas für Schwache, die nicht

zu einem ernsthaften Dialog
imstande sind, und sich deshalb dafür entscheiden, den Problemen

durch ein Verbergen der
Ungerechtigkeiten zu entkommen. In der Unfähigkeit, sich den

Problemen zu stellen,
wählen sie einen Scheinfrieden.

Der unvermeidliche Konflikt

71

237. Vergebung und
Versöhnung sind für das Christentum äußerst wichtige Themen; in

unterschiedlicher Form auch
in anderen Religionen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass

Glaubensüberzeugungen nicht
entsprechend verstanden und so dargestellt werden, dass sie am

Ende Fatalismus,
Handlungslosigkeit oder Ungerechtigkeit nähren oder – als entgegengesetztes

Extrem – Intoleranz und
Gewalt.

238. Christus hat nie dazu
aufgerufen, Gewalt oder Intoleranz zu schüren. Er selbst verurteilte

offen die Anwendung von
Gewalt, um sich durchzusetzen: »Ihr wisst, dass die Herrscher ihre

Völker unterdrücken und die
Großen ihre Vollmacht gegen sie gebrauchen. Bei euch soll es nicht

so sein« (Mt 20,25-26).
Andererseits fordert das Evangelium, »siebzigmal siebenmal« (Mt 18,22)

zu vergeben, und führt das
Beispiel des unbarmherzigen Knechtes an, dem vergeben wurde, der

aber seinerseits nicht
fähig war, anderen zu vergeben (vgl. Mt 18,23-35).

239. Bei der Lektüre
weiterer Texte des Neuen Testaments können wir feststellen, dass

tatsächlich die ersten
Gemeinden, inmitten einer heidnischen Welt mit weit verbreiteter Korruption

und vielen Verirrungen, ein
Gespür für Geduld, Toleranz und Verständnis besaßen. Einige Stellen

sind in dieser Hinsicht
sehr klar: Es wird dazu eingeladen, die Gegner »mit Güte« (2 Tim 2,25)

zurechtzuweisen. Oder man
ermahnt dazu, »niemanden zu schmähen, friedfertig zu sein, gütig

und alle Freundlichkeit
allen Menschen gegenüber zu zeigen! Denn auch wir waren früher

unverständig« (Tit 3,2-3).
In der Apostelgeschichte heißt es, dass die von einigen Vorstehern

verfolgten Jünger »Gunst
beim ganzen Volk« fanden (2,47; vgl. 4,21.33; 5,13).

240. Wenn wir jedoch über
Vergebung, Frieden und soziale Eintracht nachdenken, stoßen wir auf

einen überraschenden Ausdruck
Christi: »Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde

zu bringen! Ich bin nicht
gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin

gekommen, um den Sohn mit
seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die

Schwiegertochter mit ihrer
Schwiegermutter und die Hausgenossen eines Menschen werden

seine Feinde sein« (Mt
10,34-36). Das muss im Kontext des Kapitels gelesen werden. Dort wird

deutlich, dass vom Thema
der Treue zur eigenen Entscheidung die Rede ist, ohne sich dafür zu

schämen, selbst gegen
Widerstände und sogar, wenn sich die Angehörigen gegen diese

Entscheidung stellen. Es
ist daher keine Einladung, den Konflikt zu suchen, sondern einfach den

unvermeidlichen Konflikt zu
ertragen. Die Achtung vor anderen Menschen darf nicht dazu führen,

um des vermeintlichen
Friedens in Familie und Gesellschaft willen sich selbst untreu zu werden.

Der heilige Johannes Paul
II. hat gesagt, dass die Kirche »keineswegs die Absicht [hat], jegliche

Form sozialer Konflikte zu
verurteilen. Die Kirche weiß nur zu gut, dass in der Geschichte

unvermeidlich
Interessenskonflikte zwischen verschiedenen sozialen Gruppen auftreten und dass

der Christ dazu oft
entschieden und konsequent Stellung beziehen muss«.
[223]

Berechtigte Kämpfe und Vergebung

241. Es geht nicht darum,
auf unsere eigenen Rechte zu verzichten und Vergebung für einen

72

korrupten Machtinhaber,
einen Kriminellen oder jemanden, der unsere Würde herabsetzt,

vorzuschlagen. Wir sind
gerufen, ausnahmslos alle zu lieben, aber einen Unterdrücker zu lieben

bedeutet nicht, zuzulassen,
dass er es weiter bleibt; es bedeutet auch nicht, ihn im Glauben zu

belassen, dass sein Handeln
hinnehmbar sei. Ihn in rechter Weise zu lieben bedeutet hingegen,

auf verschiedene Weise zu
versuchen, dass er davon ablässt zu unterdrücken; ihm jene Macht zu

nehmen, die er nicht zu
nutzen weiß und die ihn als Mensch entstellt. Vergeben heißt nicht,

zuzulassen, dass die eigene
Würde und die Würde anderer weiterhin mit Füßen getreten wird

oder dass ein Krimineller
weiterhin Schaden anrichten kann. Wer Unrecht erleidet, muss seine

Rechte und die seiner
Familie nachdrücklich verteidigen, eben weil er die ihm gegebene Würde

schützen muss, eine Würde,
die Gott liebt. Wenn ein Verbrecher mir oder einem geliebten

Menschen Schaden zugefügt
hat, kann mir niemand verbieten, Gerechtigkeit zu fordern und dafür

Sorge zu tragen, dass diese
Person – oder irgendjemand anders – mir oder anderen nicht wieder

Schaden zufügt. Das ist
mein Recht, und Vergebung negiert diese Notwendigkeit keineswegs,

sondern verlangt sie sogar.

242. Der springende Punkt
ist, dies nicht zu tun, um eine Wut zu schüren, welche die eigene

Seele und die Seele unseres
Volkes krankmacht, oder wegen eines ungesunden Wunsches nach

Vernichtung des Nächsten,
der eine Reihe von Rachefeldzügen auslöst. Niemand erreicht auf

diese Weise inneren Frieden
oder versöhnt sich mit dem Leben. Die Wahrheit ist: »Keine Familie,

keine Gruppe von Nachbarn,
keine Ethnie und noch weniger ein Land haben Zukunft, wenn der

Motor, der sie vereint, sie
zusammenbringt und die Unterschiede zudeckt, die Vergeltung und der

Hass sind. Wir dürfen uns
nicht abstimmen und uns zusammentun, um Rache zu üben, um dem,

der uns Gewalt angetan hat,
das Gleiche zu tun und scheinbar legale Gelegenheiten der

Vergeltung zu planen«.[224] Auf
diese Weise wird nichts gewonnen und auf lange Sicht alles

verloren.

243. Es stimmt, »es ist
keine leichte Aufgabe, das vom Konflikt hinterlassene bittere Erbe von

Ungerechtigkeit,
Feindseligkeit und Misstrauen zu überwinden. Dies kann nur geschehen, indem

man das Böse durch das Gute
besiegt (vgl. Röm 12,21) und jene Tugenden pflegt, welche die

Versöhnung, die Solidarität
und den Frieden fördern«.
[225] Wer auf diese Weise »die Güte in sich

wachsen lässt, dem schenkt
sie ein ruhiges Gewissen und eine tiefe Freude, auch inmitten von

Schwierigkeiten und
Unverständnis. Sogar angesichts erlittener Beleidigungen ist die Güte keine

Schwäche, sondern eine
wirkliche Kraft, die fähig ist, auf Vergeltung zu verzichten«.
[226] Wir

müssen im eigenen Leben
erkennen, dass »das harte Urteil über meinen Bruder oder meine

Schwester in meinem Herzen,
die nicht verheilte Wunde, das nicht verziehene Böse, der Groll, der

mir nur wehtun wird, ein
Stück Krieg ist, das ich in mir trage, ein Feuer in meinem Herzen, das

gelöscht werden muss, damit
es nicht zu einem Brand wird«.
[227]

Die wahre Bewältigung

244. Wenn Konflikte nicht
gelöst, sondern in der Vergangenheit verborgen oder begraben werden,

73

kann Schweigen manchmal
bedeuten, sich an schweren Fehlern und Sünden mitschuldig zu

machen. Wahre Versöhnung
aber geht dem Konflikt nicht aus dem Weg, sondern wird im Konflikt

erreicht, wenn man ihn
durch Dialog und transparente, aufrichtige und geduldige Verhandlungen

löst. Der Kampf zwischen
verschiedenen Gruppen kann, »wenn Feindseligkeiten und

gegenseitiger Hass
ferngehalten werden, allmählich zu einer ehrlichen Diskussion, die auf der

Suche nach Gerechtigkeit
beruht, werden«.
[228]

245. Ich habe wiederholt
ein Prinzip vorgeschlagen, »das zum Aufbau einer sozialen Freundschaft

unabdingbar ist, und dieses
lautet: Die Einheit steht über dem Konflikt. […] Es geht nicht darum,

für einen Synkretismus
einzutreten, und auch nicht darum, den einen im anderen zu absorbieren,

sondern es geht um eine
Lösung auf einer höheren Ebene, welche die wertvollen innewohnenden

Möglichkeiten und die
Polaritäten im Streit beibehält«.
[229] Wir sind uns wohl bewusst, »dass sich

immer dann, wenn wir als
Einzelner oder Gemeinschaft lernen, etwas Größeres als uns selbst und

unsere persönlichen
Interessen anzuzielen, sich gegenseitiges Verständnis und Engagement [in

ein Umfeld] verwandeln […]
wo Konflikte und Spannungen – auch jene, die man einst für

unversöhnlich gehalten
hätte – zu einer vielgestaltigen Einheit führen können, die neues Leben

hervorbringt«.[230]

Erinnerung

246. Von dem, der auf
ungerechte und grausame Weise viel gelitten hat, kann man nicht eine Art

„gesellschaftliche
Vergebung“ verlangen. Versöhnung ist eine persönliche Angelegenheit:

niemand kann sie einer ganzen
Gesellschaft aufzwingen, selbst wenn sie gefördert werden muss.

Im rein persönlichen
Bereich kann jemand aus freier und großzügiger Entscheidung heraus darauf

verzichten, eine Strafe zu
fordern (vgl. Mt 5,44-46), selbst wenn die Gesellschaft und ihre

Rechtsprechung dies
berechtigterweise verlangen. Es ist jedoch nicht möglich, eine „allgemeine

Versöhnung“ zu verordnen
und zu glauben, Wunden per Dekret zu schließen oder

Ungerechtigkeiten mit einem
Mantel des Vergessens überdecken zu können. Wer kann das Recht

beanspruchen, im Namen
anderer zu vergeben? Es ist ergreifend, die Fähigkeit zur Vergebung

einiger Menschen zu sehen,
die imstande waren, über den erlittenen Schaden hinwegzugehen; es

ist aber auch menschlich,
die zu verstehen, die das nicht können. Was jedenfalls niemals

vorgeschlagen werden darf,
ist das Vergessen.

247. Die Shoah darf nicht
vergessen werden. Sie ist »ein Symbol dafür […] wie weit die

Ruchlosigkeit des Menschen
gehen kann, wenn er, durch falsche Ideologien angestiftet, die

grundlegende Würde eines
jeden Menschen vergisst, der eine absolute Achtung gebührt, gleich

welchem Volk der Mensch
angehört und welche Religion er bekennt«.
[231] Wenn ich an sie

erinnere, komme ich nicht
umhin, dieses Gebet zu wiederholen: »Denk an uns in deiner

Barmherzigkeit. Gib uns die
Gnade, uns zu schämen für das, was zu tun wir als Menschen fähig

gewesen sind, uns zu
schämen für diesen äußersten Götzendienst, unser Fleisch, das du aus

Lehm geformt und das du mit
deinem Lebensatem belebt hast, verachtet und zerstört zu haben.

74

Niemals mehr, o Herr,
niemals mehr!«
[232]

248. Die Atombombenangriffe
von Hiroshima und Nagasaki dürfen nicht vergessen werden. Noch

einmal »gedenke [ich] hier
aller Opfer und verneige mich vor der Stärke und der Würde derer, die

über viele Jahre hinweg als
Überlebende jener ersten Augenblicke die heftigsten körperlichen

Schmerzen und in ihrem
Geist die Keime des Todes ertragen haben, die an ihrer Lebenskraft

weiter gezehrt haben. […]
[Wir] dürfen […] nicht zulassen, dass die gegenwärtigen und künftigen

Generationen die Erinnerung
an das Geschehene verlieren; jene Erinnerung, die Garantie und

Ansporn ist, um eine
gerechtere und brüderlichere Welt zu erbauen«.
[233] Wir dürfen auch nicht

die Verfolgungen, den
Sklavenhandel und die ethnischen Säuberungen vergessen, die in

verschiedenen Ländern
stattfanden und noch stattfinden, und so viele andere historische

Ereignisse, für die wir uns
schämen, Menschen zu sein. Man muss sich immer an sie erinnern,

immer und immer wieder,
ohne zu ermüden oder gefühllos zu werden.

249. Heute ist die
Versuchung groß, das Blatt wenden zu wollen, indem man sagt, dass schon so

viel Zeit verstrichen ist
und wir vorwärtsblicken müssen. Um Gottes willen, nein! Ohne Erinnerung

geht es nicht voran, man
entwickelt sich nicht weiter ohne eine umfassende und hellsichtige

Erinnerung. Wir müssen »das
kollektive Bewusstsein lebendig erhalten« und »den nachfolgenden

Generationen das
schreckliche Geschehen« bezeugen. So wird das Gedächtnis an die Opfer

wachgerufen und bewahrt,
»damit das menschliche Gewissen immer stärker werde gegenüber

jedem Willen zur
Vorherrschaft und zur Zerstörung«.
[234] Das haben die Opfer selbst nötig –

Menschen, gesellschaftliche
Gruppen oder Nationen –, um nicht einer Logik nachzugeben, die

dazu führt, die
Repressalien oder jede Art von Gewalt im Namen des erlittenen Leids zu

rechtfertigen. Deshalb
beziehe ich mich nicht nur auf die Erinnerung an die Schrecken, sondern

auch auf die Erinnerung an
diejenigen, die inmitten eines vergifteten und korrupten Umfeldes die

Würde zurückgewinnen
konnten und sich mit kleinen oder großen Gesten für Solidarität,

Vergebung und Geschwisterlichkeit
entschieden haben. Es tut sehr gut, sich an das Gute zu

erinnern.

Vergebung ohne Vergessen

250. Vergebung beinhaltet
nicht das Vergessen. Allerdings besteht vor Fakten, die in keiner Weise

geleugnet, relativiert oder
verheimlicht werden können, immer noch die Möglichkeit der

Vergebung. Auch wenn es
Dinge gibt, die niemals toleriert, gerechtfertigt oder entschuldigt werden

sollten, können wir dennoch
verzeihen. Auch wenn es etwas gibt, das wir auf gar keinen Fall

vergessen dürfen, dann können
wir dennoch verzeihen. Freie und aufrichtige Vergebung besitzt

eine Größe, die die
Unermesslichkeit der göttlichen Vergebung widerspiegelt. Wenn Vergebung

bedingungslos ist, dann
kann auch demjenigen vergeben werden, der sich gegen Reue sträubt

und nicht in der Lage ist,
um Vergebung zu bitten.

251. Diejenigen, die
vergeben, vergessen nämlich nicht. Aber sie weigern sich, von der gleichen

75

zerstörerischen Kraft
besessen zu werden, die ihnen Leid zugefügt hat. Sie durchbrechen den

Teufelskreis und stoppen
das Vordringen der zerstörerischen Kräfte. Sie beschließen, die

Gesellschaft nicht
weiterhin mit der Rachsucht anzustecken, die früher oder später wieder auf sie

selbst zurückfällt. Denn
Rache löst nie wirklich das Ungemach der Opfer. Es gibt Verbrechen, die

so entsetzlich und grausam
sind, dass den Täter leiden zu lassen nichts bringt, um verspüren zu

können, dass der Schaden
wiedergutgemacht wurde; es würde nicht einmal ausreichen, den

Verbrecher zu töten, noch
könnte man Foltermethoden finden, die mit den möglichen Leiden der

Opfer vergleichbar wären.
Rache ist keine Lösung.

252. Wir sprechen auch
nicht von Straflosigkeit. Aber Gerechtigkeit wird nur aus Liebe zur

Gerechtigkeit selbst, aus
Respekt vor den Opfern, zur Verhinderung weiterer Verbrechen und zur

Wahrung des Gemeinwohls
wahrhaft gesucht, nicht als vermeintliche Entladung des eigenen

Zornes. Vergebung ist genau
das, was es ermöglicht, Gerechtigkeit zu suchen, ohne in den

Teufelskreis der Rache zu
geraten oder der Ungerechtigkeit des Vergessens zu verfallen.

253. Wo es beiderseitige
Ungerechtigkeiten gab, sollte klar erkannt werden, dass sie

möglicherweise nicht von
gleicher Schwere waren oder nicht vergleichbar sind. Gewalt durch

staatliche Machtstrukturen
befindet sich nicht auf der gleichen Ebene wie Gewalt durch bestimmte

Gruppierungen. Jedenfalls
kann nicht verlangt werden, dass nur an die ungerechten Leiden einer

der beiden Seiten erinnert
wird. Wie die Bischöfe Kroatiens lehrten, »schulden wir jedem

unschuldigen Opfer den
gleichen Respekt. Hier darf es keine ethnischen, konfessionellen,

nationalen oder politischen
Unterschiede geben«.
[235]

254. Ich bitte Gott,
»unsere Herzen auf die Begegnung mit den Mitmenschen jenseits der

Unterschiede von Ansichten,
Sprache, Kultur und Religion vorzubereiten; unser ganzes Sein mit

dem Öl seiner
Barmherzigkeit zu salben, das die Wunden der Fehler, der Verständnislosigkeiten

und der Streitigkeiten
heilt; und wir bitten ihn um die Gnade, uns demütig und gütig auszusenden

auf die anspruchsvollen,
aber fruchtbaren Pfade der Suche nach dem Frieden«.
[236]

Krieg und Todesstrafe

255. Es gibt zwei
Extremsituationen, die sich unter besonders dramatischen Umständen als

Lösungen präsentieren
können. Man übersieht, dass es sich um falsche Antworten handelt, die

nicht die Probleme lösen,
die sie zu überwinden glauben, und dass sie letztendlich nur neue

Zerstörungsfaktoren in das
Gefüge der nationalen und weltweiten Gemeinschaft einbringen. Das

sind der Krieg und die
Todesstrafe.

Die Ungerechtigkeit des Krieges

256. »Trug ist im Herzen
derer, die Böses planen, aber bei denen, die zum Frieden raten, ist

Freude« (Spr 12,20).
Dennoch gibt es diejenigen, die den Krieg als Lösungen sehen, der sich oft

76

»aus einer Verkehrung der
Beziehungen, aus hegemonialen Ambitionen, aus Machtmissbrauch,

aus der Angst vor dem
anderen und vor der Verschiedenartigkeit, die für ein Hindernis gehalten

wird«,[237] speist.
Krieg ist kein Gespenst der Vergangenheit, sondern ist zu einer ständigen

Bedrohung geworden. Die
Welt tut sich immer schwerer auf dem langsamen Weg zum Frieden,

den sie eingeschlagen hatte
und der allmählich Früchte zu tragen begann.

257. Da die Voraussetzungen
für die Verbreitung von Kriegen wieder wachsen, erinnere ich

daran, dass »der Krieg […]
die Negierung aller Rechte und ein dramatischer Angriff auf die

Umwelt [ist]. Wenn man eine
wirkliche ganzheitliche menschliche Entwicklung für alle anstrebt,

muss man weiter unermüdlich
der Aufgabe nachgehen, den Krieg zwischen den Nationen und den

Völkern zu vermeiden. Zu
diesem Zweck muss die unangefochtene Herrschaft des Rechtes

sichergestellt werden sowie
der unermüdliche Rückgriff auf die Verhandlung, die guten Dienste

und auf das
Schiedsverfahren, wie es in der Charta der Vereinten Nationen, einer wirklich

grundlegenden Rechtsnorm,
vorgeschlagen wird«.
[238] Ich möchte unterstreichen, dass die 75

Jahre der Vereinten
Nationen und die Erfahrung der ersten 20 Jahre dieses Jahrtausends zeigen,

dass die vollständige
Anwendung internationaler Regeln wirklich effektiv und ihre Nichteinhaltung

schädlich ist. Die Charta
der Vereinten Nationen ist, wenn sie respektiert und mit Transparenz und

Ehrlichkeit angewandt wird,
ein verpflichtender Maßstab für Gerechtigkeit und ein Werkzeug für

den Frieden. Aber das
verlangt, dass wir unrechtmäßige Absichten nicht verschleiern oder die

Partikularinteressen eines
Landes oder einer Gruppierung über das globale Gemeinwohl stellen.

Wenn die Norm als ein
Instrument betrachtet wird, das eingesetzt wird, wenn es von Vorteil ist,

und vermieden, wenn es
nicht so ist, dann werden unkontrollierbare Kräfte freigesetzt, die den

Gesellschaften, den
Schwächsten, der Geschwisterlichkeit, der Umwelt und den Kulturgütern

großen Schaden zufügen, mit
unwiederbringlichen Verlusten für die Weltgemeinschaft.

258. So entscheidet man sich
dann leicht zum Krieg unter allen möglichen angeblich humanitären,

defensiven oder präventiven
Vorwänden, einschließlich der Manipulation von Informationen. In der

Tat gaben in den letzten
Jahrzehnten alle Kriege vor, „gerechtfertigt“ zu sein. Der Katechismus der

Katholischen Kirche spricht von der Möglichkeit einer legitimen
Verteidigung mit militärischer

Gewalt, was den Nachweis
voraussetzt, dass einige »strenge Bedingungen« gegeben sind, unter

denen diese Entscheidung
»sittlich vertretbar«
[239] ist. Aber es ist leicht, in eine allzu weite

Auslegung dieses möglichen
Rechts zu verfallen. Dann will man selbst „präventive“ Angriffe oder

kriegerische Handlungen
unzulässigerweise rechtfertigen, bei denen sich kaum »Schäden und

Wirren«, »die schlimmer sind
als das zu beseitigende Übel«,
[240] vermeiden lassen. Der

springende Punkt ist, dass
durch die Entwicklung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen

und den enormen wachsenden
Möglichkeiten der neuen Technologien, der Krieg eine außer

Kontrolle geratene
Zerstörungskraft erreicht hat, die viele unschuldige Zivilisten trifft. Es
stimmt:

»Nie hatte die Menschheit
so viel Macht über sich selbst, und nichts kann garantieren, dass sie

diese gut gebrauchen wird«.[241] Deshalb
können wir den Krieg nicht mehr als Lösung

betrachten, denn die
Risiken werden wahrscheinlich immer den hypothetischen Nutzen, der ihm

zugeschrieben wurde,
überwiegen. Angesichts dieser Tatsache ist es heute sehr schwierig, sich

                                       77

auf die in vergangenen
Jahrhunderten gereiften rationalen Kriterien zu stützen, um von einem

eventuell „gerechten Krieg“
zu sprechen. Nie wieder Krieg!
[242]

259. Es ist wichtig
hinzuzufügen, dass mit der Entwicklung der Globalisierung das, was als

sofortige oder praktische
Lösung für ein Gebiet der Erde erscheinen mag, eine Kettenreaktion von

oft versteckt verlaufenden
Gewaltfaktoren auslöst, die schließlich den gesamten Planeten betrifft

und den Weg für zukünftige
neue und schlimmere Kriege bereitet. In unserer Welt gibt es nicht

mehr nur „Stücke“ von Krieg
in dem einen oder anderen Land, sondern einen „Weltkrieg in

Stücken“, weil die
Schicksale der Nationen auf der Weltbühne zutiefst miteinander verflochten

sind.

260. So sagte der heilige
Johannes XXIII.: »Darum widerstrebt es […] der Vernunft, den Krieg

noch als das geeignete
Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten«.
[243] Er

erklärte dies in einer Zeit
großer internationaler Spannungen und drückte damit den tiefen Wunsch

nach Frieden aus, der sich
zur Zeit des Kalten Krieges breitmachte. Er bekräftigte die

Überzeugung, dass die
Argumente für den Frieden stärker sind als jedes Kalkül privater

Interessen und als jedes
Vertrauen in den Einsatz von Waffen. Aber die Chancen, die das Ende

des Kalten Krieges bot,
wurden nicht ausreichend genutzt, weil es an einer Zukunftsvision und

einem allgemein geteilten
Bewusstsein für unser gemeinsames Schicksal fehlte. Stattdessen gab

man der Verfolgung privater
Interessen nach, ohne sich um das universale Gemeinwohl zu

kümmern. So hat sich das
trügerische Gespenst des Krieges erneut einen Weg gebahnt.

261. Jeder Krieg
hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat. Krieg ist ein
Versagen

der Politik und der
Menschheit, eine beschämende Kapitulation, eine Niederlage gegenüber den

Mächten des Bösen. Halten
wir uns nicht mit theoretischen Diskussionen auf, sondern treten wir in

Kontakt mit den Wunden,
berühren wir das Fleisch der Verletzten. Schauen wir auf die vielen

massakrierten Zivilisten
als „Kollateralschäden“. Fragen wir die Opfer. Achten wir auf die

Flüchtlinge, auf
diejenigen, die unter atomarer Strahlung oder chemischen Angriffen gelitten

haben, auf die Frauen, die
ihre Kinder verloren haben, auf die Kinder, die verstümmelt oder ihrer

Kindheit beraubt wurden.
Achten wir auf die Wahrheit dieser Gewaltopfer, betrachten wir die

Realität mit ihren Augen
und hören wir ihren Berichten mit offenem Herzen zu. Dann können wir

den Abgrund des Bösen im
Innersten des Krieges sehen, und es wird uns nicht stören, als naiv

betrachtet zu werden, weil
wir uns für den Frieden entschieden haben.

262. Auch Regeln werden
nicht ausreichen, wenn man meint, die Lösung der heutigen Probleme

bestünde darin, andere
durch Angst abzuschrecken, indem man mit dem Einsatz von nuklearen,

chemischen oder
biologischen Waffen droht. Denn »zieht man die Hauptbedrohungen für Frieden

und Sicherheit mit ihren
vielen Aspekten in dieser multipolaren Welt des 21. Jahrhunderts in

Betracht – wie zum Beispiel
Terrorismus, asymmetrische Konflikte, Cyber-Sicherheit,

Umweltprobleme, Armut –,
dann kommen einem nicht wenige Zweifel aufgrund der

Unangemessenheit nuklearer
Abschreckung als wirksamer Antwort auf diese Herausforderungen.

78

Diese Sorgen werden noch
größer, wenn wir an die katastrophalen humanitären und ökologischen

Konsequenzen denken, die
der Einsatz von Atomwaffen haben würde, mit verheerenden, in Zeit

und Raum unkontrollierbaren
Folgen für alle. […] Wir müssen uns auch die Frage stellen, wie

nachhaltig eine auf Angst
gegründete Stabilität sein kann, insofern sie die Angst noch vergrößert

und vertrauensvolle
Beziehungen zwischen den Völkern untergräbt. Internationaler Frieden und

internationale Stabilität
dürfen nicht auf ein falsches Gefühl der Sicherheit gegründet sein, auf die

Androhung gegenseitiger
Zerstörung oder totaler Auslöschung oder indem man bloß ein</