Bonhoeffer

Bonhoeffer, Illegale Theologie, Part IV. Nachwort, LAD Rosary

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Bonhoeffer

 

 

 

 

Nachwort der Herausgeber

 

I

โ€žNur der Glaubende gehorcht. Nur der Gehorsame glaubt.โ€œ Der Finkenwalder Kandidat Klaus Vosberg schrieb diese Sรคtze in der Seelsorgevorlesung des fรผnften Kurses im Sommer 1937 mit. Er schrieb sie, Wort gegen Wort, untereinander. Er versah den Block an beiden Seiten mit doppelter Anstreichung, fรผgte rechts eine Klammer hinzu und setzte dann zehn Ausrufezeichen dahinter, รผber denen er, die Klammer verstรคrkend, zuletzt noch notierte: โ€žSรคtze gehรถren zusammen.โ€œ Das steht in einer optisch sonst unauffรคlligen Mitschrift. Um so bemerkenswerter eine solche Energie gerade an dieser Stelle. Das Manuskript spiegelt graphisch wider, in welche Erregung den Hรถrenden ein Erkenntnisblitz versetzt hat. Hier hinterlieรŸ ein theologisches Lernereignis wie in einer Momentaufnahme die eigene Dokumentation.
Die Wirkung des theologischen Lehrers Dietrich Bonhoeffer auf seine Kandidaten ist vielfach bezeugt worden. Die beiden Zeilen der Vorlesungsmitschrift fรผgen dem, was wir ohnehin wissen, nichts Neues hinzu. Aber sie kรถnnen als Signal aus der Feder eines fast Unbekannten den Kontrast beleuchten, in dem zur damaligen Resonanz auf den Finkenwalder Bonhoeffer nicht selten eine heutige steht. Zwar, der groรŸe Name, Bonhoeffers blendender Start im akademischen Berlin, der verpflichtende politische Einsatz an der Widerstandsfront, das weitsichtige Brief- und Fragmentenwerk im Tegeler Gefรคngnis, die Ergebung in Gott vor dem Galgen โ€“ das alles mildert den AnstoรŸ, aber es hebt ihn nicht auf. Keine Phase in Bonhoeffers Wirken scheint heute verschlossener, abweisender zu sein als die Finkenwalder Zeit. Sie mobilisiert in nicht wenigen Lesern Widerspruch. Der akademische, der รถkumenische, der politische Bonhoeffer ist vielen, die sich seinem Werk zuwenden, wohl willkommener als der Bonhoeffer, der uns hier begegnet: der herausfordernd kirchliche, der radikal biblische, der folgerichtig fromme.
Christoph Strohm hat eine solche Begegnung geschildert. โ€žEnttรคuscht und auch empรถrtโ€œ legte der junge Student die zusammen mit den Finkenwalder Vorlesungen entstandene โ€žNachfolgeโ€œ beiseite, โ€žals abstoรŸendโ€œ empfand er โ€ždie harte Sprache, die unsolidarische Haltung gegenรผber den menschlichen Schwachheiten und Begrenztheitenโ€œ, โ€žunvereinbar mit dem Geist protestantischer Weltoffenheit und -zugewandtheitโ€œ.1 Seminarerfahrungen um 1990 weisen noch in die gleiche Richtung.
In der Forschung freilich gibt es auch eine Gegenstrรถmung. Monographische Beitrรคge nach 1980 lassen โ€žein besonderes Interesse an Themen Bonhoeffers erkennen, die fรผr den gelebten Glauben unmittelbar relevant sind: Frรถmmigkeit, Predigt und Arkandisziplin, aber auch das aus der Christusmystik resultierende Engagement in der Weltโ€œ.2 Allerdings sind die Standpunkte und Ergebnisse der Forschenden kontrovers, und schon darum wird es willkommen sein, daรŸ in diesem Bande eine bisher so nicht zugรคnglich beziehungsweise รผberschaubar gewesene Fรผlle von Bonhoefferdokumenten aus der Mitte der dreiรŸiger Jahre versammelt ist. Fรผr dieses Material begnรผgen wir uns im folgenden mit wenigen allgemeinen Fragestellungen und einer Reihe von Durchblicken.

 

II

Das von Bonhoeffer geleitete bekenntniskirchliche Predigerseminar existierte in der Form einer Wohn- und Lebens-, Studien- und Dienstgemeinschaft knapp zweieinhalb Jahre lang, vom April 1935 bis zum September 1937. Der zeitgeschichtliche und kirchenpolitische Konnex, innerhalb und als Teil dessen diese Einrichtung begann, aufblรผhte und ihr gewaltsam herbeigefรผhrtes Ende fand, sei hier noch einmal knapp in Erinnerung gerufen.
Den alles entscheidenden zeitlichen und sachlichen Hintergrund bildeten die aus dem ganzen Deutschen Reich beschickten Bekenntnissynoden von Wuppertalโ€“Barmen und Berlinโ€“Dahlem des Jahres 1934. Mit dem von Bonhoeffer ausdrรผcklich begrรผรŸten und mitunterzeichneten Aufruf Martin Niemรถllers vom Juli 1935 gesprochen: โ€žBeide Synoden haben die Kirche unter die Alleinherrschaft des Herrn Jesus Christus gerufen; Barmen so, daรŸ ihre Verkรผndigung und Lehre, Dahlem so, daรŸ ihre Gestalt und Ordnung sich allein auf das eine Wort der Offenbarung Gottes grรผnden.โ€œ3 DaรŸ die Folgerungen aus beiden Synoden strittig geblieben sind, veranlaรŸt Bonhoeffer bei Lektรผre des Aufrufs zu der Bemerkung, Jesu Wort Matthรคus 22,21 โ€žGebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes istโ€œ mรผsse wesentlich anders ausgelegt werden als bisher (I/17). Aktuelles kirchliches Bekennen gibt es fรผr Bonhoeffer nur im Einklang mit der als Dual โ€“ Barmen und Dahlem โ€“ aufgefaรŸten Bekenntnisentscheidung des Jahres 1934 und nur zusammen mit einer daraus folgenden neuen, noch ganz unvertrauten Bestimmung des Verhรคltnisses von Kirche und Staat. RechtmรครŸige Kirche ist allein die auf Wort und Bekenntnis gegrรผndete, die Bekennende Kirche, nicht die durch Duldung von Irrlehre und staatlichem Rechtsbruch korrumpierte Kirche des reichskirchlichen Regiments. Die im vorliegenden Band versammelten Texte aus der Finkenwalder Zeit 1935โ€“1937 sind durchweg auf diesem Hintergrund zu lesen, und das auch noch darum, weil gerade in der Konsequenz von Dahlem die Ausbildung, Ordination und Anstellung von Kandidaten der Theologie, also auch die Grรผndung des Predigerseminars Finkenwalde, zur konkreten Verantwortung der Bekennenden Kirche und ihrer Bruderrรคte gerechnet wurde.4
In die Zeit des ersten Seminarkurses fรคllt die nach Barmen und Dahlem dritte Reichsbekenntnissynode in Augsburg, vor allem aber das โ€žGesetz zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kircheโ€œ vom 24. September 1935, mit dem der Anspruch der Bekennenden Kirche auf Anerkennung ihrer leitenden Organe auch durch den Staat definitiv abgelehnt wird. Unmittelbar nach SchluรŸ des Kurses beginnt die Arbeit der Kirchenausschรผsse, unter Reichsminister Hanns Kerrl angeordnet und mit vermittelnden Krรคften besetzt, um das Leitungsdilemma im Sinne der staatlichen Kirchenpolitik zu รผberwinden. Viele Pfarrer und Gemeinden der Bekennenden Kirche sehen darin ein Entspannungszeichen. Wer die Ausschรผsse nicht anerkennt, zieht sich schnell den Ruf eines unversรถhnlichen Radikalen zu.
In den zweiten Kurs fรคllt die Fรผnfte Durchfรผhrungsverordnung vom 2. Dezember 1935 zum Kirchenโ€“โ€žSicherungsโ€œโ€“Gesetz, nach der die Einrichtungen und MaรŸnahmen der Bekennenden Kirche auf dem Felde der theologischen Ausbildung unzulรคssig, also illegal sind. Die Versuchung, sich als Kandidat der Theologie โ€žlegalisierenโ€œ zu lassen, indem man sich der Befugnis des jeweiligen Kirchenausschusses unterstellt, fordert Bonhoeffer und seiner Gemeinschaft eine noch konzentriertere theologische Arbeit und seelsorgerliche Aufmerksamkeit ab. Die vierte und letzte reichsweit beschickte Bekenntnissynode in Bad Oeynhausen vom 17. bis 22. Februar 1936 bringt nicht die in Finkenwalde erwartete Klarheit in der Frage der Stellung zu den Kirchenausschรผssen (I/56).
In die Zeit des dritten Kurses fรคllt die Denkschrift der zweiten durch die Bekennende Kirche gebildeten Vorlรคufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche an Hitler, die Verรถffentlichung der Denkschrift in der Schweiz am 23. Juli, schlieรŸlich die aus der Denkschrift erwachsene Kanzelabkรผndigung vom 23. August 1936.5 Im gleichen Sommer wird Bonhoeffer die Lehrbefugnis der Berliner Friedrichโ€“Wilhelmโ€“Universitรคt entzogen. Zur Begrรผndung verweist der zustรคndige Minister unter anderem auf jene Fรผnfte Durchfรผhrungsverordnung, derzufolge die Finkenwalder Arbeit illegal ist (I/105).
Wรคhrend des vierten Kurses werden die drei im Zusammenhang mit der Denkschriftverรถffentlichung Inhaftierten, Ernst Tillich, Werner Koch und Friedrich WeiรŸler, in das Konzentrationslager Sachsenhausen verlegt, wo der Jurist WeiรŸler seinen MiรŸhandlungen erliegt.
Zur Zeit des fรผnften Kurses wird am 1. Juli 1937 Martin Niemรถller verhaftet. SchlieรŸlich ist es ein ErlaรŸ des Polizeiโ€“ und SSโ€“Chefs Heinrich Himmler (nicht des Kirchen- und nicht des Wissenschaftsministers, mit denen Himmler gleichwohl einvernehmlich handelt), der das Verbot des Finkenwalder Seminars bringt und zur Versiegelung des Hauses fรผhrt. Als Rechtsgrund taucht wiederum die Fรผnfte Verordnung zur Durchfรผhrung des โ€žGesetzes zur Sicherung der Deutschen Evangelischen Kircheโ€œ auf.
Bonhoeffer konnte seine Finkenwalder Arbeit nicht neben der so skizzierten Situation tun. Wichtiger noch: Er wollte es nicht. Vielmehr gehรถrte fรผr ihn alles, was ihn umgab, in diese Arbeit hinein. Zusammen mit den Kandidaten der Situation ansichtig zu werden, sie zu deuten, zu bestehen, sich durch sie hindurch in eine unbekannte kirchliche Zukunft leiten lassen โ€“ das hat er sich und den anderen zur Aufgabe gemacht, und dem ordnete er unter der Leitvorstellung โ€žNachfolgeโ€œ zu, was in Finkenwalde einzuรผben war: Schriftlesung und Gebet, Disziplin und Gemeinschaft, Lehre, Bekenntnis und Schriftauslegung.
Nicht ohne Absicht steht am Anfang und am Ende dieser Aufzรคhlung die Bibel. Die konsequent dahlemitische Stellungnahme im Kirchenkampf versetzte Bonhoeffer unter einen Argumentationsdruck, der in seinem Leben bis dahin vermutlich ohne Beispiel war. Was hier immer neu zu begrรผnden anstand โ€“ in seelsorgerlicher, kirchenpolitischer, รถkumenischer und dogmatischer Hinsicht โ€“, lieรŸ sich auf der Ebene schultheologischer Deduktion nicht bewรคltigen. Eine neue, ihm selbst noch gar nicht lange vertraute Art, die Bibel auf die Entscheidungen, die anstehenden und die getroffenen, der kirchlichen Gegenwart hin zu lesen, leitete sein Schreiben, Lehren, Verkรผndigen und Mahnen. Sie griff auch auf die Interpretation der geschriebenen Bekenntnisse รผber. Mit solcher BibelgewiรŸheit trat er in die groรŸen Kontroversen jener Jahre ein โ€“ Sichtbarkeit der Kirche (II/8), Kirchengemeinschaft (II/19), รถkumenische Verantwortung (II/6), Gemeindeaufbau (III/13) โ€“ und verschรคrfte sie zugleich, indem er sich furchtlos dem Verdacht aussetzte, aus Sorge um die Geltung der Offenbarung Gottes kirchliche Entscheidungen mit dieser Offenbarung zu identifizieren. Nach AbschluรŸ des Buches โ€žNachfolgeโ€œ, so schrieb er an den Schweizer Freund Erwin Sutz, habe er โ€žgrรถรŸte Lust, an eine Hermeneutik zu gehenโ€œ (I/125). Das Verhรคltnis von Schriftverstรคndnis und kirchlicher Gegenwartsentscheidung wรคre in dieser Hermeneutik ebenso behandelt worden wie das von Schriftlesung und Meditation (I/127). Finkenwalde war ein Exerzitium intra muros, das keiner anderen Weisung unterstand als der Kampf extra muros.

 

III

Im Brief- und Dokumententeil des vorliegenden Bandes sind alle Themen vertreten, denen Bonhoeffer in der Finkenwalder Zeit verpflichtet ist. Die Briefe geben nicht nur Einblick in den Hintergrund seines Wirkens, sondern bringen oft genug auch die Sachen selber nahe โ€“ auf andere Weise und manchmal wohl auch nรคher, als Abhandlung und Vorlesungsmitschrift es tun.
Drei Schwerpunkte lassen sich unterscheiden. Der erste betrifft Aufbau und Ausbau der Arbeit des Seminars. Aus vielen der Briefe und Dokumente lรครŸt sich ein ziemlich genaues Bild des Finkenwalder Gemeinschaftslebens und Lehrbetriebs und auch der vom Haus ausgehenden kirchenpolitischen Initiativen zusammensetzen.6 Die Ehemaligen werden mit Rundbriefen zusammengehalten, deren Verfasser meist Mitglieder des Bruderhauses sind.7 In Bonhoeffers Schreiben an die Brรผder im Dienst ist Zuspruch, Ermahnung, Bitte um Treue in Schriftlesung, Meditation und Fรผrbitte der cantus firmus. Die gleiche Teilnahme ist spรผrbar, wenn er AuรŸenstehenden vom Seminar erzรคhlt oder Rechenschaft darรผber ablegt. Der prominenteste unter den Adressaten solcher Mitteilungen ist Karl Barth: Bei Gelegenheit eines seinem Empfinden nach lรคngst fรคlligen Briefes trรคgt Bonhoeffer ihm vor, welches Ziel und welche รœberzeugung ihn leitet, wenn er im Seminar theologische Arbeit und geistliches Leben eng aneinander bindet (I/119).
Welches die rechte Leitung der Kirche sei, ergibt sich fรผr Bonhoeffer aus der Antwort auf die Frage, wo Kirche ist und wer sich von ihr getrennt hat. Der Weg, durch Anerkennung des jeweiligen Kirchenausschusses als zustรคndiger Leitung in die Legalitรคt zurรผckzukehren, wurde den Finkenwaldern des zweiten Kurses nach Bildung des pommerschen Landeskirchenausschusses konkret anschaulich an dem ersten Fortgang eines Seminaristen. Als die Pfarrer der Bekennenden Kirche Pommerns auf einem Konvent in Stettinโ€“Bredow am 10. Januar 1936 รผber die Stellung zum Leitungsansspruch dieses Ausschusses berieten, war das ganze Seminar dabei.8 Vom dadurch veranlaรŸten Briefwechsel mit Friedrich Schauer kennen wir nur Bonhoeffers Antwort (I/46). Der Brief im persรถnlichen Gegenรผber zu einem Mann, der trotz anderen theologischen Ansatzes bisher zu den Mitstreitern gehรถrte, die rรผckblickende Deutung des auf jenem Pfarrkonvent aufgeloderten Konflikts, der betroffene Ton der Auskรผnfte รผber das Abschiednehmen von dem ausscheidenden Kandidaten in Finkenwalde โ€“ all das gibt Bonhoeffers Satz โ€žIch bin allerdings der Meinung, daรŸ der, der sich den Ausschรผssen in irgendeiner Form unterstellt, nicht mit uns in einer Kirche seiโ€œ und damit dem Vortrag โ€žZur Frage nach der Kirchengemeinschaftโ€œ (II/19) einen unschรคtzbaren Lebenskontext. In Bonhoeffers Brief spitzt sich am Ende alles auf den Heiligen Geist zu โ€“ auf den Geist, der nicht โ€žirgendwie neutralโ€œ bleibt, der aber auch nicht im Sinne einer โ€žEinschaltungโ€œ wirkt, auf die theologische Argumentation zu ihren eigenen Gunsten zurรผckgreifen kรถnnte. Vielmehr ist Bonhoeffer โ€ždes Glaubens, daรŸ der Heilige Geist der Bekennenden Kirche auf den Synoden von Barmen und Dahlem, die sich an Schrift und Bekenntnis allein gebunden haben, ein Wort gesagt hat, das fรผr uns verbindlich istโ€œ.
Den zweiten Schwerpunkt des Briefteils bildet Bonhoeffers รถkumenische Korrespondenz. Die Dokumentation im vorliegenden Bande beginnt รถkumenisch (I/1), und das ist kein Zufall. Bonhoeffer war spรคtestens seit der Tagung des Weltbundes fรผr internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen in Fanรธ 1934 eine deutsche Schlรผsselfigur im Kontakt der Bekennenden Kirche mit der ร–kumene. Er war es, der eine Konzeption zum Aufbau eines bekenntniskirchlichen รถkumenischen Amtes vorlegte, wobei es ihm darauf ankam, daรŸ die รถkumenische Arbeit nicht einfach nur geschieht, sondern โ€žrichtig angefaรŸt wirdโ€œ (I/2). Fรผr โ€žrichtigโ€œ hielt er nicht die Effizienz, sondern die Beziehung auf das theologische Fundament. Auch in Finkenwalde diente Bonhoeffer der ร–kumene als Theologe. Am 23. Mai 1935, also ganz am Anfang des ersten Kurses, trug er im Rahmen der Vorlesung รผber Kirchenverfassung den Abschnitt โ€žWas ist Konfession?โ€œ vor (II/1). Aus dem Rรผckblick geurteilt ist dies der theologische Kern des Aufsatzes โ€žDie Bekennende Kirche und die ร–kumeneโ€œ (II/6), der im Juli 1935 in der โ€žEvangelischen Theologieโ€œ erschien. Zwischen den Vorlesungsnotizen und dem Erscheinen des Aufsatzes begann der Briefwechsel Bonhoeffers mit Canon Leonard Hodgson, dem Generalsekretรคr des Fortsetzungsausschusses der Weltkonferenz fรผr Glaube und Kirchenverfassung (โ€žFaith and Orderโ€œ),9 der alle kommenden Schwierigkeiten ankรผndigt. Inhaltlich geht es dabei um die Frage, ob die in der Resolution der รถkumenischen Konferenz von Fanรธ am 30. August 1934 ausgedrรผckte Parteinahme fรผr die Bekennende Kirche10 im praktischen Vollzug รถkumenischer Beziehungen ernstgenommen wird oder nicht. Bonhoeffer macht seine Teilnahme an der geplanten Konferenz im dรคnischen Hindsgavl davon abhรคngig, daรŸ keine Vertreter des Reichskirchenregiments eingeladen werden โ€“ und Hodgson legt dar, daรŸ der AusschluรŸ einer Kirche, die โ€žunsern Herrn Jesus Christus als Gott und Heiland anerkenntโ€œ, den Arbeitsprinzipien von โ€žFaith and Orderโ€œ widerspricht. Bonhoeffers Brief vom 18. Juli 1935 (I/11), in dem er der Position Hodgsons mit der Fundamentalfrage nach dem Gehorsam gegen die Wahrheit entgegentritt, mit der Frage nรคmlich, die die Bekennende Kirche der รถkumenischen Bewegung um ihrer selbst, ja um der Weltchristenheit willen zu stellen habe, ist mit GewiรŸheit erst nach dem Aufsatz geschrieben worden. Im Brief zeigt sich, wie eine prinzipielle Entscheidung konkret appliziert wird, und zwar hier so, daรŸ der ganze zweite Teil des Aufsatzes, nรคmlich die Gegenfrage der

1 Chr. Strohm, Bonhoeffers Leben und Werk im Horizont meiner Erfahrung, in: Bonhoeffer Rundbrief. Mitteilungen der Internationalen Bonhoefferโ€“Gesellschaft Sektion Bundesrepublik Deutschland, Nr. 39, Juli 1992, 2, 2.

2 E. Feil, Aspekte, 97.

3 Siehe 1/18. Die Angabe des Teils und der laufenden Nummer im vorliegenden Band erscheint im folgenden Text in Klammern.

4 Vgl. in der Verordnung zur Ausfรผhrung der Beschlรผsse der Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche, erlassen vom Bruderrat der DEK am 29. 10. 1935, s. W. Niemรถller, Die zweite Bekenntnissynode, 39 f, u. a. Punkt 8: Der Bruderrat einer Landeskirche trรคgt โ€ždie Verantwortung fรผr eine geordnete Ausbildung der Kandidaten und Hilfsprediger. Er bestellt die Prรผfungsรคmter der Bekennenden Kircheโ€œ.

5 Die Denkschrift mit der Dokumentation รผber RechtsverstรถรŸe und รœbergriffe staatlicher Instanzen wurde am 4. 6. 1936 in der Reichskanzlei รผbergeben. Als von dort keinerlei Reaktion erfolgte, sahen Ernst Tillich und Werner Koch, Kandidat im zweiten Finkenwalder Kurs, sich veranlaรŸt, die Denkschrift in vollem Wortlaut der auslรคndischen Presse zur Publikation zuzuspielen. Die รถffentliche Empรถrung und Hetze gegen die Bekennende Kirche zwang daraufhin die Vorlรคufige Leitung zu einer Kanzelabkรผndigung.

SS Schutzโ€“Staffel (Organisation in der NSDAP)

6 Hingewiesen sei auf I/4 (โ€žBescheidene Bitte โ€ฆโ€œ), I/19 (Bericht pommerscher Kandidaten), I/22, 23, 26, 29 (Briefwechsel mit Hans Thimme รผber Freizeit von Vertrauensleuten der Reichsbruderschaft), I/24 (Antrag auf Errichtung des Bruderhauses), I/33 (an Freunde und Fรถrderer des Seminars), I/36 (Protest gegen die staatliche Auferstehungsfeier vom 9. 11. 1935), I/56 (Protest gegen Beschlรผsse der Oeynhausener Reichsbekenntnissynode), I/86 (Aufruf), I/127 (Jahresbericht 1936), I/149 und 150 (Dokumente zur staatspolizeilichen SchlieรŸung des Seminars).

7 Der grรถรŸere Teil der Finkenwalder Rundbriefe (vgl. NL A 48,2) konnte im vorliegenden Band nicht aufgenommen werden.

8 Zum Umfeld und Hergang vgl. DB 564โ€“571. Bei diesem Konvent trat Bonhoeffer mit dem Votum โ€žVon Barmen nach Oeynhausenโ€œ (vgl. II/14) auf.

9 Der Briefwechsel lief vom 17. 6. bis 26. 7. 1935, vgl. I/9, 11, 14.

10 Vgl. DB 443 f.

BONHOEFFER, D., Illegale Theologenausbildung: Finkenwalde 1935โ€“1937, XIV, Dietrich Bonhoeffer Werke, Gรผtersloher Verlagshaus, Gรผtersloh 2015Sonderausgabe, 989โ€“997.